Susanne Schneider/Johannes Fabrick: Winterherz – Tod in einer kalten Nacht (ZDF)

Leiden, das nicht spürbar wird

23.12.2019 •

Kälte ist seit jeher eine Metapher für Herz- und Gefühllosigkeit. In diesem Sinn beschwört der ZDF-Fernsehfilm „Winterherz – Tod in einer kalten Nacht“ die fröstelnde Schneelandschaft in der süddeutschen Provinz als Symbol für die mangelnde Anteilnahme seiner beiden Hauptprotagonisten. Es sind zwei junge Männer, die aufgrund ihres Berufs besonders in der Verantwortung stehen: ein Polizist, der seine Kompetenzen überschreitet, und ein frisch ernannter Richter, der es mit den Buchstaben des Gesetzes, wenn es um ihn selbst geht, nicht so genau nimmt.

Maxim Vollert (Franz Pätzold) hat nichts Besseres zu tun, als sich während seiner Probezeit am Landgericht nach ein Paar Gläsern Wein noch hinters Steuer zu setzen. So kommt es, wie es kommen muss: Spät nachts fährt er den auf einer Landstraße laufenden Finn Gattner an, der aus einer Disco kam und auf dem Weg nach Hause war. Um seine Karriere nicht zu gefährden, bringt Maxim den anscheinend nur leicht verletzten Finn (Jeremias Meyer) nicht ins Krankenhaus. Stattdessen setzt er ihn, unter zaghaftem Protest seiner Frau Sylvie (Laura de Boer), an einer Bushaltestelle ab.

In der klirrenden Kälte der Winternacht versucht der 18-jährige Junge noch seinen älteren Bruder anzurufen, den Polizisten Mike (Anton Spieker), der aber, obwohl er ahnt, wer ihn da anklingelt, nicht ans Telefon geht, weil er gerade mit einer Blondine (Amanda da Gloria) im Bett ist. Und so wird der alleingelassene Bruder aufgrund von inneren Verletzungen, die er sich durch den Unfall zuzog, ohnmächtig und erfriert. Er stirbt an jener doppelten Kälte – dem Frost der Winternacht und jener Kälte der beiden Männer, die auf unterschiedliche Weise ihrer Verantwortung nicht nachkamen.

In zwei parallelen Strängen wird nun aufgerollt, wie der ehrgeizige Jurist den Vorfall kaltschnäuzig verdrängt und zu vertuschen versucht, derweil der junge Polizist zu zerbrechen droht an seinen Schuldgefühlen, die der Film ihm eher auf grobschlächtige Weise zuschreibt. Ein wenig konstruiert erscheint diese Zuspitzung schon, sie ist aber durchaus noch nachvollziehbar. Aus der Spur kommt der Film erst, als er die beiden Stränge miteinander verwebt: So trifft Mike am Grab seines Bruders eine ihm unbekannte Frau, die daraufhin in jenes weiße Auto steigt, das in der fraglichen Nacht in der Nähe jener Bushaltestelle gesehen wurde, an der Finn zu Tode kam.

Der Zuschauer kennt die Friedhofsbesucherin: Es ist Sylvie Vollert, die mitschuldige Frau des unfallflüchtigen Richters. Mike ahnt, dass sie etwas mit dem Tod seines Bruders zu tun hat. Er macht ihren Wohnort ausfindig und gibt sich ihr gegenüber zu erkennen, um sie vielleicht zu einem Geständnis zu bewegen. In dieser diffusen Situation gehen beide miteinander ins Bett – und zwar so, als hätten sie auf nichts anderes gewartet. Diese Wendung, in welcher der Film Tod, Schuld und Sexualität küchenpsychologisch ineinander blendet, dient offensichtlich auch dazu, um die elfenhafte Laura de Boer ausgiebig mit nackter Haut zu zeigen.

Trotz solcher kolportagehaften Momente hat „Winterherz – Tod in einer kalten Nacht“ (Produktion: Hager Moss Film) einen gewissen Unterhaltungswert. Frostige Schneebilder vermitteln eine melancholische, eisige Gefühlskälte, besonders in dem Moment, als auf Finns Beerdigung sogar das Weihwasser gefriert. Und wenn Maxim, der junge Richter, nicht einmal davor zurückschreckt, auch noch die Mutter seines Opfers anzuzeigen, dann möchte man diesen empathielosen und schnöseligen Typen, der sich hinter der Autorität seines Amts verschanzt, am liebsten schütteln.

Eingeschränkt wird dieses Sehvergnügen allerdings durch die ausgesprochen stereotype Rollenverteilung. Auf der einen Seite sind Männer wie der von Franz Pätzold dargestellte gewissenlose Richter und der von Anton Spieker gespielte Polizist, der weder Berufsethos noch Pietät kennt, typische Macher und Getriebene. Wird hier etwa das Klischee der „toxischen Männlichkeit“ bedient? Auf der anderen Seite verkörpert Laura de Boer als die attraktive Frau des fahrerflüchtigen Richters weibliches Gefühl. Der Konflikt zwischen der unterwürfigen Loyalität gegenüber ihrem Mann, der sie auf ätzende Weise kommandiert, und ihrem schlechten Gewissen, vermittelt sich aber nicht wirklich. Da man kaum etwas von dieser Frau erfährt, spürt man auch nicht, dass sie leidet. Immerhin gesteht der Film ihr am Rande ein paar Dialogsätze zu, in denen sie ihr abgebrochenes Jurastudium und ihre unbefriedigende Lebenssituation erwähnt.

Diese blassen Fernsehfilmfiguren, die den Zuschauer nicht in das Drama hineinziehen, stammen aus der Feder der nicht ganz unbekannten Autorin Susanne Schneider, die bereits Drehbücher für einige „Tatort“-Krimis sowie für Nico Hofmanns Thriller „Solo für Klarinette“ (1998, Kino) verfasst hat. Für diesen ZDF-„Fernsehfilm der Woche“ konzipierte sie eine halbgare Geschichte, die auch den einen oder anderen hölzernen Dialogsatz enthielt – etwa als Finns Mutter (Ulrike Kriener) die Kleider ihres toten Sohnes schon kurz nach der Beerdigung „zur Flüchtlingshilfe bringen“ will. Und so ist „Winterherz – Tod in einer kalten Nacht“ (5,29 Mio Zuschauer, Marktanteil: 16,7 Prozent) am Ende ein zwar formal ambitioniertes, atmosphärisches Drama, das aber aufgrund seiner unplausiblen Geschichte und seiner wenig Interesse hervorrufenden Hauptfiguren nicht überzeugt.

23.12.2019 – Manfred Riepe/MK