Susanne Brahms: Namibia, eine Heimat – zwei Welten. Reihe „Geschichte im Ersten“ (ARD/Radio Bremen)

Konventionell gemacht, aber sehenswert

22.09.2015 •

Zwei wichtige Jubiläen werden in diesem Jahr in Namibia begangen. Vor 100 Jahren endete die Kolonialzeit im einstigen „Deutsch-Südwestafrika“. Und seit 25 Jahren ist das Land unabhängig. Aus diesem Grund blickt Susanne Brahms in ihrem ARD-Film „Namibia, eine Heimat – zwei Welten“ (Produktion: Eikon Südwest) auf die bewegte Historie dieses afrikanischen Staates zurück, die im Fernsehen nicht allzu oft als Thema aufgegriffen wird.

Dabei unternimmt die Radio-Bremen-Redakteurin einen ziemlich großen Spagat. Ihre dichte 45-minütige Dokumentation aus der Reihe „Geschichte im Ersten“ zeichnet die Geschichte des Landes von der Kolonialzeit über die Epoche der Apartheit bis zur Gegenwart nach. Einen Schwerpunkt bildet dabei der blutig niedergeschlagene Aufstand von 1904 bis 1908 gegen die Besatzer, bei dem Schätzungen zufolge über 60.000 Einheimische aus dem Stamm der Herero von deutschen „Schutztruppen“ systematisch gemeuchelt wurden. Berüchtigt ist der Schießbefehl des verantwortlichen Generals von Trotha: „Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen.“ Bis heute hat Deutschland die Verantwortung für diesen Genozid offiziell nicht übernommen. Erst im Juli 2015 bezeichnete Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) dieses Ereignis als „Völkermord“.

Spannend ist dieser Rückblick, weil er aus der Perspektive zweier recht unterschiedlicher Familien erfolgt. Der schwarze Farmer Ben Mbai konnte nach der Unabhängigkeit im Kernland von Namibia eine Farm erwerben. Seine persönliche Geschichte ist mit der deutschen eng verwoben: „Der Vater meiner Oma war ein Deutscher“, erklärt Mbai. Genaueres weiß er aber nicht über seine weißen Vorfahren. Dafür haben er und seine Frau noch lebhafte Erinnerungen an die Zeit der Apartheit, die der im Nachbarland Südafrika an Diskriminierung kaum nachstand. Als Schwarze durften sie beispielsweise keinen weißen Zucker essen. Und wenn man Farbige mit einem Weißbrot auf der Straße antraf, so entgingen sie einer brutalen Bestrafung nur dann, wenn sie mit einem Dokument nachweisen konnten, wer ihnen das für Weiße vorbehaltene Nahrungsmittel geschenkt hatte. Diese harten Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Doch auf die Frage, was sich seit der Unabhängigkeit für Schwarze in Namibia tatsächlich geändert hat, äußert Ben Mbais Frau sich zurückhaltend. Die ökonomische Situation für Schwarze sei nach wie vor schwierig.

Diese bewegenden kleinen Geschichten kontrastiert der Film mit einem Porträt des Großwildfarmers Hartwig von Seydlitz, dessen deutschstämmige Familie nun schon in dritter Generation in Namibia lebt. Dass seine Geschichte spannender erscheint, liegt ganz einfach daran, dass sie besser und ausführlicher dokumentiert ist. Susanne Brahms kann auf interessante, bislang unveröffentlichte Filmaufnahmen zurückgreifen, die der Reichskolonialbund in den 1930er Jahren von der Familie von Seydlitz’ Onkel Eberhardt Kuhlenkampf machte. In den Augen der Nazis galten die nach Afrika ausgewanderten Deutschen als vorbildliche Kolonialherren. Die Schwarzweiß-Aufnahmen zeigen ein Idyll, in dem ein kleiner Junge ausgiebig seine Katze streichelt.

Der Film rekonstruiert zahlreiche kleine Geschichten, die veranschaulichen, wie vertrackt die deutsche und die namibische Historie ineinander verwoben sind. Trotz des gemächlichen Erzählrhythmus entsteht dabei ein vielschichtiges Bild, das sich in wenigen Sätzen kaum zusammenfassen lässt. Um die Fülle der Informationen zu vermitteln, arbeitet Susanne Brahms mit einem Off-Kommentar. Das wirkt konventionell, ist dem Thema aber angemessen. „Namibia, eine Heimat – zwei Welten“ (930.000 Zuschauer, Marktanteil: 10,0 Prozent) wirkt filmisch vielleicht etwas angestaubt. Dennoch ist der Autorin eine sehenswerte Dokumentation gelungen, die durch ihre unaufdringliche und geduldige Machart überzeugt. Da Susanne Brahms ein Gleichgewicht zwischen der reportageartigen Nähe zu den Figuren und dem historischen Überblick schafft, sieht man ihren Film mit Gewinn. Was nicht zuletzt am ernüchternden Schluss der Dokumentation liegt, der entsprechend der Aussage des Sendetitels zeigt, dass die beiden porträtierten Familien zwar dieselbe Heimat haben, aber nach wie vor in verschiedenen Welten leben.

22.09.2015 – Manfred Riepe/MK

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