Susanne Bohlmann: Mein härtester Weg – Pilgern nach Santiago de Compostela (ZDF)

Ein Phänomen unserer Zeit

28.06.2019 •

Es gibt die unterschiedlichsten Motive, sich dem Jakobsweg zu nähern. Religiöse, kulturelle und sportliche Antriebe gelten als die ‘anerkannten’, je nach Motivation erhält der Pilger am Ende seines Weges in Santiago de Compostela die entsprechende Urkunde. Insgesamt 327.378 solcher Urkunden sind im Jahr 2018 an Pilger aus aller Welt ausgestellt worden. Neuer Rekord. Der Jakobsweg ist ein Phänomen unserer Zeit geworden, dem sich auch das Fernsehen immer wieder gewidmet hat.

Für ihre 45-minütige Dokumentation, die am Pfingstmontag im ZDF ausgestrahlt wurde, hatte Autorin Susanne Bohlmann eine Gruppe von drei Frauen und zwei Männern auf dem Jakobsweg ab Saint-Jean-Pied-de-Port am Fuß der Pyrenäen in Frankreich nach Santiago und darüber hinaus bis in den Ort Finisterre am Atlantik begleitet. Das Kap Finisterre ist für viele Pilger erst das wirkliche Ende des Jakobswegs, des Camino de Santiago oder auch Camino Francés („Französischer Weg“).

„Mein härtester Weg – Pilgern nach Santiago de Compostela“ ist eine Dokumentation, die sich dem Zuschauer nicht sogleich erschließt. Gab es ein Casting, um die Gruppe zusammenzustellen? In welcher Jahreszeit waren die Fünf unterwegs? Denn mal blüht der Ginster und die Pilger sitzen in T-Shirt in der Sonne, mal stapfen sie durch Nebel oder Schnee. Warum gibt es keinerlei Ortsangaben, wo sich die Gruppe gerade befindet, sieht man einmal von den eher allgemeinen Bezeichnungen der nordspanischen Regionen von Navarra, Rioja, Nordkastilien und Galicien ab? Ein paar Informationen und Fakten hätten neben den vielfach sehr emotionalen Statements nicht geschadet.

Die Pilger in dieser Dokumentation, das sind Carsten, 50, Monika, 41, Brigitte, 61, Michael, 29, und Anikó, 35. Sie kommen aus unterschiedlichen Lebenssituationen, haben ihre eigenen Geschichten und jeweiligen Gründe, den berühmten Weg zu gehen. Sie kennen sich nicht und wollen das Abenteuer Jakobsweg zusammen bewältigen. Das Filmteam ist Teil der Pilgergruppe und somit immer dabei, auch wenn die Stimmung kippt oder wenn ungewohnte körperliche Belastungen auftreten. Die Filmleute bleiben dabei wohltuend diskret. Kaum mehr als eine Träne da und dort – die Kamera bleibt oft außen vor, lediglich der Off-Kommentar berichtet davon, dass es auch Streit und Auseinandersetzungen gab. Die Gruppendynamik wirft dann auch schon mal die Planung durcheinander. Eigenheiten treten zutage, Stärken und Schwächen, wunde Punkte. Man ahnt an diesen Stellen, warum der Jakobsweg jemandes „härtester Weg“ sein kann.

Freimütig erzählen die fünf Pilger von ihrer Motivation, von ihren Gedanken, von den persönlichen Problemen zu Hause, für die sie sich „Schritt für Schritt“ Lösungen erhoffen. Deutlich wird, dass alle, die mitgehen, gleich sind, weder eine Position im bürgerlichen Leben noch ein akademischer Titel spielen eine Rolle. Angenehm ist, dass sich die Autorin zurückhält, sie ist nicht zu sehen und ihre Fragen sind nicht zu hören. So entsteht der Eindruck, dass die Gruppenmitglieder sehr mitteilsam sind und ihren Emotionen freien Lauf lassen. Das wirkt authentisch – und für jemand, der selbst schon auf dem Jakobsweg unterwegs war, sehr nachvollziehbar.

„Der Camino gibt dir, was du brauchst, nicht, was du suchst“, so heißt es im Film (Produktion: Gruppe 5). Die Gruppe macht nur einen kurzen Stopp in Santiago de Compostela, damit die Beteiligten ihre Urkunde abholen können. Ihr eigentliches Ziel ist Finisterre, das „Ende der Welt“. Dort steht die Stele, die den eigentlichen Startpunkt markiert: „Camino de Santiago: 0,00 km“. Bis dahin hat der Zuschauer vor allem auch wunderschöne, von einer Kameradrohne aufgenommene Luftaufnahmen des Weges, eingebettet in die Landschaft, sehen können; die vielen romanischen Kapellen und Kirchen am Wegesrand spielen ebenso wenig eine Rolle wie die Kathedrale in Santiago. Dafür gibt es einen Ausflug von drei Mitgliedern der Gruppe in einem Heißluftballon, inklusive Sekt. Das ist dann wirklich völlig überflüssiges Abheben in den Tourismus. Und gerade den will der wirkliche Pilger doch nun wirklich hinter sich lassen. So hinterlässt dieser Film (2,02 Mio Zuschauer, Marktanteil: 10,2 Prozent) zwiespältige Eindrücke. Und richtig ist auch: Der Jakobsweg ist manchmal so, wie es die Gruppe erlebt hat – und doch oft auch wieder ganz anders.

28.06.2019 – Martin Thull/MK