Supernerds – Ein Überwachungsabend. Mit Bettina Böttinger und Richard Gutjahr (WDR Fernsehen)

Nicht perfekt, aber endlich mal wieder mutig

12.06.2015 •

12.06.2015 • Natürlich könnte man diesen Fernsehabend mit blanker Häme überziehen. Ein Cross-Media-Projekt zwischen Theater, Fernsehen, Radio und Internet, bei dem sich alle vier Elemente eher behinderten denn befruchteten und bei dem bereits nach wenigen Minuten der Server, über den sich Zuschauer und Hörer ins Geschehen einschalten sollten, kollabierte. Nein, perfekt war das nun wirklich nicht. Doch dieses Risiko ist, zumal bei technisch derart aufwendigen Experimenten, nun einmal unausweichlich.

Die Versuchsanordnung dieser Live-Veranstaltung zum Thema ‘Überwachung im digitalen Zeitalter’ war diese: Während auf der Bühne des Schauspiels Köln die Premiere des von Angela Richter entwickelten und inszenierten Theaterstücks „Supernerds – Ein Überwachungsabend“ stattfand, befragte Moderatorin Bettina Böttinger in einem auf der Probebühne eingerichteten TV-Studio Gäste zum selben Thema. Dabei liefen beide Veranstaltungen nicht nebeneinander ab, sondern wurden miteinander verzahnt. So bestimmte die Inszenierung den Verlauf der Gespräche und zwischendurch verließ die Moderatorin auch mal das Studio, um sich unter die Schauspieler zu mischen und Teil des Bühnengeschehens zu werden.

Damit nicht genug, sollten sich sowohl Theater- als auch Fernsehzuschauer online aktiv einmischen können. Weshalb das Publikum im Saal – im Theater höchst ungewöhnlich – vor der Vorstellung gebeten worden war, die Handys eingeschaltet zu lassen. Und zuguterletzt wurde das Ganze auch noch live im klassischen Radio übertragen. Auf WDR 3 kommentierte Schauspieler Max von Malotki aus einer Kabine auf der Bühne das Geschehen in der Manier eines Fußballreporters.

Im Hörfunk vermittelte sich dieser 90-minütige „Überwachungsabend“ indes nur in höchst eingeschränkter Form. Was nicht nur damit zu hatte, dass der Kommentator sich weitgehend zurückhielt und hier in erster Linie nur die O-Töne von der Bühne zu vernehmen waren. Dort rezitierten die Schauspieler vornehmlich Passagen aus Interviews, die Regisseurin Angela Richter im Vorfeld mit Whistleblowern wie Daniel Ellsberg, Chelsea Manning, Julian Assange und Edward Snowden geführt hatte. Doch immer wenn das Spiel im Theater eine Intensität annahm, die sich auch am heimischen Bildschirm vermittelte, klinkte sich die TV-Regie aus, um ins Studio zu Bettina Böttinger und ihren Gästen zu schalten. (Wer dem entgehen wollte, konnte das Bühnengeschehen auf der eigens eingerichteten Homepage www.supernerds.tv durchgehend als Livestream verfolgen.)

Zu Böttingers Gästen zählten Wolfgang Kaleck, einer von Edward Snowdens Anwälten, und der Netzjournalist Richard Gutjahr, der im Lauf des Abend zunehmend zum Komoderator avancierte, indem er die Überwachungsexperimente mit dem Theaterpublikum durchführte. Die Karten für das Stück waren ausschließlich via Internet angeboten worden, wo man sie bei Nennung von Namen, Anschrift, Mobilfunknummer und E-Mail-Adresse erwerben konnte (unter dem Publikum im Kölner Schauspielhaus war am Bildschirm auch der frühere WDR-Intendant Fritz Pleitgen, 77, auszumachen). Zugleich hatten sich die Käufer damit einverstanden erklärt, im Rahmen der Inszenierung quasi als Versuchskaninchen zur Verfügung zu stehen. So schlimm, mögen sie sich gedacht haben, würde das beim Gemeinschaftsprojekt eines städtischen Theaters und eines öffentlich-rechtlichen Senders schon nicht werden. Wurde es natürlich auch nicht.

Dass die Regie im Wechsel die Handys der links- und rechtsrheinischen Besucher zum Klingeln brachte, war eine nette Spielerei, und die Ankündigung, die Kreditwürdigkeit jedes Einzelnen im Saal publik machen zu können, war auch nicht sonderlich brisant. Zumal da keine privaten Bankdaten angezapft werden konnten, sondern sich die Einteilung schlicht aus dem jeweiligen Wohnort (eher gutbürgerlich oder gar sozialer Brennpunkt?) ergeben sollte. Da hat Jan Böhmermann in seinem „Neo Magazin“ (ZDFneo) in der Rubrik „Prism is a Dancer“ seine Studiogäste schon weit drastischer mit deren bedenkenlosen Internet-Aktivitäten konfrontiert, obwohl die lediglich ihren Namen angegeben hatten.

Mulmig konnte einem bei „Supernerds“ allerdings werden, als Gutjahr sich in eine anonyme unverschlüsselte Kamera einklinkte, mit der Eltern irgendwo in Deutschland den Schlaf ihres Babys im Kinderzimmer überwachten. So harmlos sich diese Demonstrationen des technisch Machbaren aus naheliegenden Gründen ansonsten ausnahmen, mögen sie bei vielen Zuschauern immerhin für einen Aha-Effekt gesorgt haben. Zumal Geheimdienste, wie es hier an einer Stelle hieß, „nicht um Erlaubnis fragen“.

Was auch immer man an diesem „Überwachungsabend“ (TV-Realisation: Gebrüder Beetz Filmproduktion) im Detail kritisieren mochte, so bleibt doch der Wagemut des WDR zu loben, nach (gefühlten) Jahrzehnten in seinem Dritten Fernsehprogramm endlich einmal wieder einen Programmplatz zur besten Sendezeit für ein solches Experiment zu Verfügung gestellt zu haben, ohne dabei auf Einschaltquoten zu schielen! Sinnvoll komplettiert wurde dieser „Supernerds“-Abend im WDR Fernsehen durch die um 22.00 Uhr beginnende Ausstrahlung der 90-minütigen Dokumentation „Digitale Dissidenten“ von Cyril Tuschi (Produktion: Gebrüder Beetz und Piraya Film).

12.06.2015 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 18/2020

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