Studio Schmitt. 8-teilige Late-Night-Show mit Tommi Schmitt (ZDFneo)

Ein Pulli allein macht noch nicht locker

14.05.2021 •

Dass Tommi Schmitt, um es salopp zu formulieren, labern kann, ist unter Podcast-Hörern bekannt. Nicht umsonst führt sein „Gemischtes Hack“ seit Jahren die oberen Chartplätze im Abrufradio mit an. Aber wie gut hat er es drauf, wenn zum guten Ton das Fernsehbild kommt? Wie also labert einer wie er, der keine Kamera-Erfahrung hat, nun im Augenkontakt mit TV-Publikum und unter Einsatz kreativer Fernsehmittel? Das öffentlich-rechtliche Versuchslabor für frische Talente, kurz: ZDFneo, probiert es gerade mit dem 32‑jährigen Podcaster aus. Die Betonung liegt bei „ausprobieren“.

„Studio Schmitt“ heißt seine am 8. April gestartete Sendung und sie setzt dort an, wo Ariane Alters Show „Late Night Alter“ (vgl. MK-Kritik) nach zwei mäßig gelungenen Probierstaffeln aufhörte. Das betrifft zunächst einmal den Sendeplatz am späten Donnerstagabend, den einst Jan Böhmermann für gepflegten Stand-up plus Talk-Gedöns eroberte und so sehr prägte, dass seither alle, die ihm auf diesem Platz nachfolgen, die Bürde spüren, sich an ihm messen lassen zu müssen. Andererseits bewegt sich „Studio Schmitt“ in einem Genre, das Hannes Ringlstetter, der routinierte Nachtunterhalter des Bayerischen Rundfunks (BR), als „scheißschwieriges Handwerk“ bezeichnete: das Genre der Late-Night-Show. So deutlich definiert möchte Schmitt die Kategorisierung seiner „süßen kleinen Sendung“ (O-Ton Schmitt) gleichwohl nicht sehen.

Die allerersten Minuten auf der Fernsehbühne nutzte er, um das Konzept von „Studio Schmitt“ zu erklären: Ist es eine Late-Night? Halten sie hier rote und grüne Karten nach oben? Diskutiert er mit Karl Lauterbach und Gästen? „Mal gucken“, gab sich der Gastgeber erratisch, „es ist halt ’ne Show.“ Und in diese Show lade er sich einen Gast ein, der ihn interessiere, zwischendurch mache er „Dinge mal da oder da“, aber seiner „Chronistenpflicht“ wolle er trotzdem nachkommen und „aktuell“ sein. Also doch Late-Night, oder?

Für die Premiere hatte Tommi Schmitt sich schick gemacht mit Pulli und Turnschuhen – und damit sofort die erste von vielen ungeschriebenen Late-Night-Show-Regeln gebrochen: Wer Leuten vor dem Zubettgehen die Welt erklärt, trägt Anzug. Die Männer unter ihnen tun das jedenfalls, mit Ausnahme von Pulliträger Klaas Heufer-Umlauf. Der war zwar vor drei Jahren, als es losging mit seiner Pro-Sieben-Show „Late Night Berlin“ (vgl. MK-Kritik), im eleganten Zweiteiler mit Schlips gestartet; doch seit Beginn der sogenannten „Pullover-Staffeln“ lässt er es legerer angehen, und das glücklicherweise nicht nur modisch. Mit dem Strick kehrte auch mehr Lockerheit ein in Heufer-Umlaufs Humor-Präsentation. Die Gags dafür schrieb ihm – Zufälle gibt’s – unter anderen Tommi Schmitt auf, im zweiten Hauptberuf Comedy-Autor.

Anders als sein früherer Chef fremdelt Schmitt mit der Kamera noch. Das wurde beim Debüt sehr deutlich und in den darauffolgenden Ausgaben nur minimal besser: Wenn er nicht gerade vom Teleprompter abliest (was alle anderen Late-Night-Moderatoren auch tun), sucht er nicht den Blick in die Kamera, er meidet ihn fast schon schüchtern und schließt damit eine Interaktion mit seinen Zu-Hörern, die ja auch Zu-Schauer sind, aus. Dennoch um Coolness bemüht, hat sich Schmitt von den Veteranen des Fachs eine Geste der Souveränität abgeschaut: das soeben Gesagte einfach mal kurz selbst zu beklatschen. Kann man machen. Aber wenn sonst niemand anderes klatscht, tja.

Der Witz, auf den niemand reagiert, nicht einmal ein Keyboarder in der Band – die es in „Studio Schmitt“ aufgrund von Corona ebenso wenig gibt wie ein Publikum – krepiert im Rohr, ohne die gewollte Wucht entfalten zu können. Wobei die Witze des Witze-Profis Schmitt per se nicht unwuchtig sind. Beispiel? Egal wo er hinschalte, sehe er „diese Sendungen“: „irgendein McFit-Kalifat, die Fingernägel länger als die Lebensläufe und die Typen mit einem Wortschatz wie ein Camp-David-Hemd“. Schmitts fernsehkritischer Schuss zielte auf Reality-Trash wie „Das Sommerhaus der Stars“ (RTL) von der Firma Seapoint Productions, die wiederum – kein Zufall! – auch Schmitts kleine ZDFneo-Show produziert.

In Sachen Late-Night betritt die Firma von Nina Klink Neuland und zeigt sich lernfähig. Zur zweiten „Studio-Schmitt“-Folge spendierte sie ihrem „Host“ auditive Unterstützung: Lacher aus der Konserve. Optimal ist das nicht, weil arg künstlich, aber immer noch besser als nichts in diesen pandemischen Zeiten, wo keine Klatschenden und Lachenden aus Fleisch und Blut erlaubt sind und das schmale Budget den live gespielten Akkord oder das Contra des Sidekicks – den es hier ebenfalls nicht gibt – nicht zulässt. Immerhin, es reicht für Gäste und den einen und anderen guten Einfall. Und für Kurt Prödel.

Als „langjähriger Mitarbeiter der Show“ (hahaha!) von Tommi Schmitt vorgestellt, ist Prödels Job die live und stoisch vorgetragene Gastvorstellung, was einer dadaistischen Performance gleicht. Um zum Beispiel das Wirkfeld der Astronautin Insa Thiele-Eich in Show Nr. 4 zu umschreiben, sinnierte Prödel über die Frage: Was ist das Universum? Wikipedia kann da, humortechnisch, einpacken. Großartiger Blödsinn ist das und guter Anknüpfungspunkt für den Talk-Teil. Zum Warmwerden dafür wärmt man bei „Studio Schmitt“ eine bekannte, aber immer noch effektive Kennenlernnummer auf, die einst auch Bettina Böttinger in ihren „B.trifft…“-Talks (WDR Fernsehen) einsetzte: Gast und Gastgeber stehen sich im abgedunkelten Raum gegenüber für eine schnelle Frage-Antwort-Runde.

Mit der True-Crime-Podcasterin Sabine Rückert, die nebenbei auch stellvertretende Chefredakteurin der „Zeit“ ist, ging es los: Was ist Ihr Lieblingsgericht? Wie riecht das Büro von „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo? Was passiert nach dem Tod? Dass (nun im Sitzen) das nachfolgende Gespräch samt dem Ratespiel über echte und falsche Verbrechen dennoch nicht so recht ans Laufen kam, war sicher beider Lampenfieber geschuldet. Aber es wurde erkennbar: Schmitt hat ein wirkliches Interesse an seinen Gästen, die hier erfreulicherweise nichts verkaufen müssen als sich selbst.

Löst er sich von den Moderationskarten, wird es „deep“ und ein Musiker wie Henning May von der Band AnnenMayKantereit lässt tief in sein Seelenleben als coronabedingter „Arbeitsloser“ blicken (Ausgabe 2). Dass Schmitt auch den leichten, spritzigen Ton draufhat, zeigte sich in der dritten Folge im Wortduell mit der reaktionsschnellen Autorin Sophie Passmann („Alte weiße Männer“), wobei nicht ganz klar war, welche Rolle der servierte Riesling dabei spielte. Mit besagter Insa Thiele-Eich gelang wiederum die bisher rundeste Ausgabe von „Studio Schmitt“, weil sich die Redaktion darauf besann: Hey, wir sind nicht Podcast, wir sind Fernsehen! Sprich: Es wurde aus dem Bildvollen geschöpft, was die LED-Flächen in der Vertikalen und Horizontalen hergeben. So verwandelte sich „Studio Schmitt“ in ein Sternenhimmel-Paradies mit zirpenden Grillen. Endlich auch mal was fürs Auge, wie schön!

Diese fernsehaffinen Momente in halbstündigen „Studio-Schmitt“-Ausgaben sind noch ausbaubar, mehr Live-Nummern wie die Parodie auf private News-Sender (mit Gaga-Laufband-Text der Sorte „Bauchbinden sind super Stress“) dürfen gerne ausprobiert werden. Außerhalb des Fernsehstudios passiert schon einiges, mit Unterstützung prominenter Sketch-Partner wie dem TV-Investor Frank Thelen (in einer Persiflage auf die Vox-Gründershow „Die Höhle der Löwen“) oder dem TV-Intellektuellen Benjamin von Stuckrad-Barre (in einer Art philosophischem Duett zur Sprache der Pandemie). Das Intro zum „Studio-Schmitt“-Start zeigte ja schon auf, was alles möglich ist, wenn ein bisschen mehr Geld im Spiel ist: Die Film-Nummer etwa erzählte, wie Schmitt sein neues Format bekommen haben will. Als vermeintlicher Milchdieb flieht er aus dem Supermarkt vor zwei Inspektor-Clouseau-Witzfiguren. Auf der wilden Verfolgungsjagd begegnet Schmitt den „Kollegen“ Kai Pflaume und Carolin Kebekus, stolpert in einen Glitzeranzug und kurz darauf ins Studio, wo er durch eine Verwechslung schließlich seine eigene Show moderiert.

Dass – wie hier Pflaume und Kebekus – Fernsehstars auch von anderen Sendern in so aufwändig produzierten Einspielern Anschubhilfe leisten für eine neue Show, ist inzwischen State of the Art. Im Fall von „Studio Schmitt“, zunächst auf acht Folgen angelegt, wäre absolut nichts dagegen einzuwenden, wenn dieser Schubser sich als nachhaltig herausstellte.

14.05.2021 – Senta Krasser/MK

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