Studie: Weiterhin deutlich mehr Männer als Frauen auf deutschen Fernsehbildschirmen

26.10.2021 •

Studie: Auf deutschen Fernsehbildschirmen sind noch immer deutlich mehr Männer als Frauen zu sehen. Zwei zu eins beträgt das ungleiche Verhältnis. Die gute Nachricht aber ist: Es tut sich etwas hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit, vor allem im fiktionalen Bereich. So war das Geschlechterverhältnis in deutschen Spielfilm-Produktionen des Jahres 2020 fast ausgewogen.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine „Fortschrittsstudie zur audiovisuellen Diversität“, die Elizabeth Prommer, Direktorin des Instituts für Medienforschung an der Universität Rostock, durchgeführt hat. Eine Zusammenfassung ihrer Erkenntnisse präsentierte die Wissenschaftlerin am 5. Oktober auf einer Pressekonferenz in Berlin. Flankiert wurde die Vorstellung der Studie von einer von Dunja Hayali moderierten Diskussionsrunde mit RBB-Intendantin Patricia Schlesinger, ZDF-Intendant Thomas Bellut, RTL-Geschäftsführer Henning Tewes und Pro-Sieben-Sat-1-Vertreter Henrik Pabst (Geschäftsführer der Seven One Entertainment Group). ARD, ZDF, RTL und Pro Sieben Sat 1 haben die Untersuchung gefördert; beteiligt waren außerdem die Film- und Medienstiftung NRW, die Filmförderungsanstalt (FFA), der FilmFernsehFonds Bayern (FFF), das Medienboard Berlin-Brandenburg und die MaLisa-Stiftung (die Stiftung der Schauspielerin Maria Furtwängler und ihrer Tochter).

Fortschritte in der Fiktion

Die Studie nahm dabei nicht nur die Sichtbarkeit von Frauen in den Blick, sondern auch die von anderen marginalisierten Gruppen. Demnach sind auch Menschen mit Migrationshintergrund, einer anderen sexuellen Orientierung oder einer erkennbaren Behinderung unterrepräsentiert im deutschen Fernsehprogramm. Zu sehen seien, so Elizabeth Prommer auf der Pressekonferenz, noch immer „überwiegend weiße Männer ohne Migrationshintergrund, die nicht behindert sind und keine homosexuelle Orientierung haben“. Allerdings dominierten nicht nur die viel zitierten „alten weißen Männer“ die Bildschirme, sondern das genannte Ergebnis gelte für sämtliche Alterskohorten dieser Gruppe, wie Prommer weiter ausführte. Untersucht wurden in der repräsentativen Stichprobe knapp 3000 Einzelprogramme auf 17 deutschen Sendern in einem zufällig ausgewählten zweiwöchigen Zeitraum des Jahres 2020; gut 25.000 Mitwirkende wurden dabei analysiert. Dazu kamen mehr als 3000 Einzelprogramme im internationalen Kinderfernsehen mit insgesamt fast 8000 Personen.

Mit der Studie „Audiovisuelle Diversität? Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland“ hatte Elizabeth Prommer bereits 2017 eine umfassende Bestandsaufnahme der Geschlechterdarstellung im deutschen Film und Fernsehen unternommen und dabei teils drastische Schieflagen diagnostiziert. Mit der Fortschrittsstudie vier Jahre später nun stellen die Wissenschaftlerin und ihr Team Veränderungen hin zu mehr Ausgewogenheit vor allem im fiktionalen Bereich fest. „MeToo“ und die vielen gesellschaftlichen Diskussionen über Diversität und Teilhabe haben offensichtlich ihre Spuren hinterlassen. Verbesserungen gibt es etwa beim sogenannten Altersgap: So ist beim Erzählalter 50 bis 59 Jahre der Anteil der weiblichen Figuren um zehn Prozentpunkte gestiegen.

Nachholbedarf bei Quizshows

„Baustellen“ hat Prommer hingegen vor allem in den Bereichen Unterhaltung und Information ausgemacht. Zwar gibt es fast genauso viele weibliche wie männliche Personen, die Nachrichten moderieren; jedoch sind dort interviewte Experten mit 74 Prozent nach wie vor überwiegend männlich. Und zwar selbst jene, die aus Bereichen wie Gesundheit/Pflege oder Bildung kommen – also Berufen, in denen der Anteil der Frauen viel höher ist als der der Männer. So ist der Bildungssektor in der Realität zu 80 Prozent weiblich – auf dem Bildschirm schlägt sich das aber in den Informationssendungen nur in mageren 35 Prozent nieder. Und wenn es um „Alltagspersonen“ geht, also etwa Menschen bei Straßenumfragen, liegt der Frauenanteil bei denselben unbefriedigenden 43 Prozent wie 2016. Am wenigsten Veränderung, so Prommer in Berlin, finde dort statt, „wo redaktionelle Routinen greifen“. „Projekte, wo lange nachgedacht“ werde, beispielsweise fiktionale Produktionen, zeitigten einen größeren Fortschrittswillen.

Zwar entstehen auch Shows üblicherweise nicht von jetzt auf gleich, trotzdem scheinen hierfür andere Regeln zu gelten. Denn auch im Bereich non-fiktionale Unterhaltung, speziell bei Quiz- und Rateshows, stellt Elizabeth Prommer großen Nachholbedarf fest. Was wenig überraschend ist: Denn welche Unterhaltungsshow im deutschen Fernsehen – mal abgesehen von dem im Übrigen nicht sonderlich emanzipatorischen Pro-Sieben-Format „Germany’s Next Topmodel“ – wird eigentlich nicht von Günther Jauch, Jörg Pilawa, Kai Pflaume oder Guido Cantz moderiert? Tatsächlich ist dieses Genre mit fast 90 Prozent fest in männlicher Hand.

„Sender müssen zeigen, was ist“

Im Kinderfernsehen wiederum hat sich der neuen Studie zufolge der Anteil an weiblichen Figuren in den vergangenen vier Jahren leicht verbessert; in fiktionalen deutschen Produktionen immerhin um zehn Punkte von 34 auf 44 Prozent. Dennoch ist die Sichtbarkeit von Jungen und Mädchen sehr unterschiedlich und insgesamt auf demselben schlechten Stand wie bei den Erwachsenen: Zwei zu eins lautet auch hier das Verhältnis.

Große Unterschiede zwischen Realität und TV-Präsenz hat die aktuelle Studie auch in den Bereichen Migrationshintergrund, ethnische Herkunft, LGBTQ und Behinderung ergeben. Während in Deutschland circa 26 Prozent der Bevölkerung ein Migrationshintergrund zugeschrieben wird, ist dies im Fernsehen bei lediglich 11 Prozent der Fall. Der Anteil an Schwarzen und People of Color hierzulande wird wiederum auf ein Zehntel geschätzt; auf dem Bildschirm aber ist mit fünf Prozent nur die Hälfte dieser Menschen sichtbar. Und während sich ungefähr 11 Prozent der Deutschen als „nicht heterosexuell“ bezeichnen, fanden die Forscher in den untersuchten Sendungen lediglich gut zwei Prozent Protagonisten mit homosexueller oder bisexueller Orientierung. Eklatant ist auch die mangelnde Sichtbarkeit von Menschen mit erkennbarer schwerer Behinderung: Eine solche betrifft fünf bis sechs Prozent der Deutschen, im Fernsehen werden sie aber mit nur 0,4 Prozent abgebildet.

„Wir sind ein Spiegel der Gesellschaft. Unsere Sender müssen sagen und zeigen, was ist.“ Dieses Selbstverständnis formulierte RBB-Intendantin Patricia Schlesinger in der Diskussion bei der Pressekonferenz am 5. Oktober. Bislang handelt es sich dabei, wissenschaftlich belegt, noch um ein unerreichtes Ideal. Aber immerhin: Die Richtung stimmt.

26.10.2021 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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