Steve Thompson/Robert Dornhelm/Umut Dağ: Vienna Blood. 3‑teilige Kriminalfilm-Reihe (ZDF)

Mit Scharfsinn und psychologischem Gespür

04.12.2020 •

Der britische Psychotherapeut Frank Tallis veröffentlichte zunächst Fachaufsätze und populäre Sachbücher, 2005 wurde er Krimiautor, blieb aber im erlernten Metier. Seine Romanfigur Dr. Max Liebermann ist ein junger Freudianer im Wien des Jahres 1906. Die Psychoanalyse gilt als Scharlatanerie. Liebermanns Vorgesetzter Professor Gruner reagiert regelrecht feindselig auf die neuen Methoden. Außerhalb der Klinik erntet Liebermann Hohn und Spott. Doch der bis an die Grenze zur Arroganz selbstbewusste Assistenzarzt lässt sich nicht beirren. Als Hospitant bei der „K.u.K. Polizei-Direktion“ möchte er die „Psychopathie des kriminellen Verstandes“ studieren. Er darf Inspektor Rheinhardt bei der Arbeit begleiten, was dem anfangs jedoch gar nicht behagt.

Als Koproduktion des Österreichischen Rundfunks (ORF) mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) entstanden unter dem Reihentitel „Vienna Blood“ – so heißt im britischen Original der zweite Roman des Liebermann-Zyklus – drei 90-minütige Filme nach Vorlagen von Frank Tallis. Noch vor der deutschsprachigen Ausstrahlung erwarb die britische BBC die englischsprachig produzierte und international besetzte Reihe (Produktion: MR Film und Endor Productions) und strahlte sie 2019 aus. In den USA war sie im (quasi-)öffentlich-rechtlichen Programm PBS zu sehen. Eine zweite Staffel ist in Arbeit.

Der Auftaktfilm mit dem Titel „Die letzte Séance“ basiert auf Tallis’ Roman „Mortal Mischief“ (dessen deutsche Ausgabe unter dem Titel „Die Liebermann-Papiere“ erschien). Hier wird erzählt, wie Max Liebermann und Oskar Rheinhardt einander kennenlernen. Auch gibt es bereits erste Einblicke in ihr berufliches und privates Umfeld. Rheinhardt (Juergen Maurer) steht in ständigem Wettstreit mit dem ehrgeizigen Inspektor von Bulow (Raphael van Bargen). Der Neurologe Liebermann muss sich als Assistenzarzt unter dem strengen Professor Gruner (Oliver Stokowski) behaupten, droht sogar mehrfach seine Anstellung zu verlieren.

Diese Erzählstränge werden durch alle drei Filme logisch fortgeführt, ebenso die Entwicklungen im privaten Bereich. Max Liebermann ist mit Clara Weiss (Luise von Finckh) befreundet, später verlobt, doch die Beziehung scheitert, zum Entsetzen der Eltern Liebermanns. Der in Liebesdingen eher unbeholfene Analytiker entwickelt Gefühle für Amelia Lydgate (Jessica De Gouw), im ersten Film seine Patientin, später eine respektierte Beraterin, die als Naturkundlerin mit wissenschaftlichen Methoden zur Lösung der Fälle beiträgt – eine Kriminaltechnikerin der ersten Stunde. Oskar Rheinhardts anhaltende Schwermut erklärt sich dadurch, dass er auf tragische Weise seine Tochter verloren hat. An solchen Inhalten zeigt sich ein Interesse an den Figuren, das über die dem Genre geschuldete Funktionalität hinausreicht.

Jeder Film umfasst einen jeweils abgeschlossenen Kriminalfall besonders verzwickter Natur, bei dem die Polizei ohne Hilfe des scharfsinnigen Max Liebermann nicht auskommt. Schon der Mord im ersten Film hat es in sich: Inspektor Rheinhardt findet das ermordete Medium Charlotte Löwenstein malerisch hingebettet auf ihrer Chaiselongue. Ihr Tod gibt Rätsel auf: Sie starb an einer Schussverletzung und hat einen Abschiedsbrief hinterlassen. Aber die Waffe ist unauffindbar, Fenster und Türen waren von innen verschlossen, im Körper der Toten findet sich keine Kugel.

Eine Denksportaufgabe wie aus einem von Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Romanen. Die Stelle des englischen Meisterdetektivs nimmt hier Max Liebermann ein. Aber die Persönlichkeiten und ihre Methoden unterscheiden sich. Liebermann ist, wie Sherlock Holmes, ein exzellenter Beobachter und weiß die Indizien zu deuten. Aber nicht mit einer penetranten Alleswisser-Attitüde, sondern erkundend, mit den Augen eines Forschers und mit hohem psychologischen Einfühlungsvermögen.

Der Hollywood-erfahrene Regisseur Robert Dornhelm hat den ersten Film, Umut Dağ die übrigen zwei mit den Titeln „Königin der Nacht“ und „Der verlorene Sohn“ inszeniert (Drehbuch jeweils Steve Thompson). Beide Regisseure wählen zum Teil ungewöhnliche Perspektiven, so wenn der Inspektor einen Verdächtigen über die Dächer Wiens verfolgt und im Sprung seinen Hut verliert, den der nachfolgende Liebermann, ebenfalls springend, instinktiv auffängt. Das aktionsreiche Finale des ersten Films ereignet sich auf dem Riesenrad im Wiener Prater, ein bisschen überdramatisiert, aber optisch ansprechend.

Anders als beispielsweise in der Sky/ARD-Serie „Babylon Berlin“ (vgl. MK 25-26/17 und 6-7/20) mit ihrem Trommelfeuer der Attraktionen erschöpft sich die Regiearbeit in „Vienna Blood“ nicht im spekulativen Ausreizen der technischen und geschmacklichen Möglichkeiten. Die an Originalschauplätzen gedrehte Serie taucht regelrecht ein in das Wien kurz nach der Jahrhundertwende, entführt das Publikum in plüschige Salons, schwüle Bordelle, finstere Kaschemmen und in Gassen mit morbider Atmosphäre. Aber auch in prunkende bürgerliche Wohnungen, detailgenau ausgestattete Werkstätten, prächtige Konzertsäle. Oft arbeiten die Regisseure gekonnt mit vorhandenem Licht, sogar Kerzenschein, was den Aufnahmen einen besonders stimmigen Charakter verleiht.

Zum Zeitkolorit tragen die Auftritte oder namentlichen Erwähnungen realer Figuren der Zeitgeschichte bei. Clara und Max besuchen eine Ausstellung des Malers Gustav Klimt, im Opernhaus dirigiert der umstrittene Gustav Mahler. Dabei klingt auch ein Thema an, das sich durch alle Folgen zieht: der grassierende Antisemitismus. Die Liebermanns sind aus London nach Wien umgesiedelt. Der Vater von Max ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, findet aber als Jude nicht den ersehnten Zugang zur gehobenen Wiener Stehkragen-Gesellschaft.

Dieser Aspekt wird erweitert um radikale Umtriebe im Militär, um menschen- und vor allem frauenverachtenden Korpsgeist, der auch die Zivilgesellschaft durchzieht. Obwohl fachlich nicht halb so beschlagen, macht Rheinhardts ständiger Konkurrent von Bulow schneller Karriere und wird vom leitenden Kommissar Strasser (Simon Hatzl) zu dessen Nachfolger ernannt – von Bulow und Strasser waren auf derselben Militärakademie und teilen deren fragwürdige Traditionen.

Hier lässt sich schon absehen, was wenige Jahre später in die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und systematischen Massenmord münden wird. Darin unterscheidet sich „Vienna Blood“ von anderen Historienkrimis, wie zum Beispiel der später produzierten und thematisch ähnlich angelegten, aber handwerklich wie inhaltlich missglückten ORF/Netflix-Koproduktion „Freud“. In den Drehbüchern von Steve Thompson, dem britischen Schöpfer der „Vienna-Blood“-Reihe, entwickeln die Hauptfiguren eine klare Haltung. Die Beschreibung der finsteren Seiten der K.u.K.-Monarchie dient hier, anders als in der „Freud“-Serie, nicht nur dem billigen Nervenkitzel. Gewisse Parallelen zur Gegenwart sind schwerlich zu übersehen.

04.12.2020 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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