Stephan Weichert: Medienmacher von morgen – Eine Deutschlandreise ins Digitale (3sat)

Alternativen zum klassischen Medienbetrieb

16.03.2021 •

Der Film „Medienmacher von morgen – Eine Deutschlandreise ins Digitale“ von Stephan Weichert begann mit den filmischen Mitteln, die gestern noch als modern galten: mit Aufnahmen einer Steadycam- und einer Drohnenkamera. Ob zu Lande, zu Wasser oder in der Luft – in diesem Film war immer etwas in Bewegung, was mitunter auch an den Protagonisten lag, die sich beim Joggen, beim Tretbootfahren, auf dem Fahrrad oder ganz einfach zu Fuß durch das Bild bewegten. Das passte zur mobilen Generation der heute 20- bis 30-Jährigen, die hier als die zukünftigen Gestalter der Medien apostrophiert wurden. Das passte aber auch zu einem Fernsehstil, der noch das lahmste Thema durch Bewegung aufzupeppen trachtet. Sei es, etwas bewegt sich vor der Kamera, sei es, dass sich die Kamera selbst bewegt, oder – noch besser – sei es, dass die sich bewegende Kamera eine Bewegung im Bild selbst verfolgt. Mit den jeweiligen Themen hat das selbstverständlich nichts zu tun.

Die jungen Firmengründer, die in der 45-minütigen Dokumentation vorgestellt wurden, arbeiten auf unterschiedlichen Feldern. Da ist der Protagonist eines eigenen YouTube-Kanals, dessen Beiträge nicht nur viele Zuschauer sehen, sondern der es zu eigenen Sendungen bei Funk, dem Online-Jugendangebot von ARD und ZDF, geschafft hat und dann auch einen Beitrag von „Terra X“ (ZDF) moderiert. Da waren ein junger Mann und eine junge Frau, die neue Formen des Wissenschaftsjournalismus als Mitmachformate entwickeln und sie klassischen Medien, aber auch Schulen anbieten. Da waren zwei junge Männer, die über Crowdfunding Geld gesammelt haben, um ihr Nachrichtensortierportal für junge Menschen entwickeln und starten zu können.

Und da war nicht zuletzt die Vereinigung der „Krautreporter“, die 15.000 Unterstützer für ihr Projekt eines digitalen Reportage-Magazins gefunden haben. Diese Initiative war unter den vieren, die der Film vorstellte, die bekannteste und die älteste. Tatsächlich startete „Krautreporter“ bereits 2014 und erlebte seither so manche Wandlung. Stefan Niggemeier beispielsweise, der zu Beginn mit dabei war, ging nach zwei Jahren, um eine eigene Plattform („Übermedien“) zu starten. Davon erzählte der Film von Stephan Weichert aber nichts.

Stattdessen erklärten die beobachteten Verantwortlichen ihre Absichten, einen unabhängigen Journalismus zu bieten, der sich auch an den Interessen der sogenannten „Mitglieder“ orientiert, die „Krautreporter“ abonniert haben. Zum Beweis sah man einen jungen „Krautreporter“-Journalisten, der sagte, wie wichtig eine eigenständige Berichterstattung aus dem Osten Deutschlands sei, durch eine Stadt im Osten Deutschlands gehen, über die er seine Reportage schreiben wollte.

Um die Bekanntheit des YouTubers zu unterstreichen, filmte die Kamera der Dokumentation die Kamera des YouTubers, die wiederum den YouTuber aufnahm, wie dieser per Videoschaltung Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) interviewte; wie professionell es da zuging, konnte man daran erkennen, dass der Interviewte den Interviewer frug, ob er direkt in die Kamera schauen sollte, was dieser bejahte, weshalb Spahn in die Kamera so schaut, wie er seit Beginn der Corona-Pandemie jeden Tag nacheinander in viele Kameras schaut. Die Wissenschaftsjournalisten begleitete die Kamera bei einem Termin zu einer Tageszeitung, für die sie Mitmachaktionen entwickeln sollen. Und die beiden Gründer des Nachrichtensortierportals sah man in einer Schulklasse für ihr Projekt werben.

Das war alles mit Sympathie aufgenommen. Kritische Fragen, ob wirklich alles unter Dach und Fach ist, ob Aufträge wirklich zustande kommen, ob die Geldgeber weiterhin vom jeweiligen Projekt überzeugt sind, fehlten. Wenn man es positiv sehen will: Stephan Weichert – im Hauptberuf übrigens Medienforscher und Journalismus-Lehrer – wollte mit seiner Dokumentation auf Alternativen zum klassischen Medienbetrieb aufmerksam machen. Sein Film warb für Eigeninitiative und Engagement für einen Journalismus, der eben nicht aus ökonomischen Gründen die Themen reduziert und die Texte immer kürzer und einfacher werden lässt, sondern der auf Qualität in der Recherche wie in der Form setzt. Und er machte auf junge Journalistinnen und Journalisten aufmerksam, die auf die Festanstellung in einem der bekannten Medienhäuser verzichten, um ihre eigenen Ideen zu verwirklichen.

Ob aber Absichtsbekundungen, Journalismus an den Interessen der Leser zu orientieren, für digitale Orientierung zu sorgen oder halt nur frischer und direkter das zu tun, was man bei ARD und ZDF tagtäglich eher routiniert verrichtet, fürs Berufsmodell von morgen ausreichen, bleibt die Frage. Der YouTuber unterschied sich bei seinem Auftritt für „Terra X“, den die Kamera des Films beobachten konnte, um nicht von den aufgeräumten Moderatoren, die das ZDF-Wissenschafts- und Geschichtsmagazin seit Jahrzehnten präsentieren.

Eher nebenbei dokumentierte der vom WDR für 3sat zugelieferte Film „Medienmacher von morgen“ (60.000 Zuschauer, Marktanteil: 0,4 Prozent) die Wirklichkeit des Jahres 2020. In weiten Teilen des vermutlich im Sommer gedrehten Films begegneten sich die Menschen vor der Kamera ohne Maske. Die Pandemie war von den meisten zu dieser Zeit vergessen. Was sich als Irrtum herausstellen sollte. (Der Film steht in der 3sat-Mediathak noch bis zum 2. März 2022 zum Abruf bereit).

16.03.2021 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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