Stephan Wagner/Florian Oeller: Die Getriebenen (ARD/RBB/NDR)

Solche Filme gibt es viel zu selten

27.05.2020 •

Wie viel Zeit passt in die Zeit? Wie viele Zeitzüge rasen durch einen Menschen? Auf wie vielen Zeitbühnen kann ein Politiker die Zeit bespielen und gestalten? Wenn Politik das ausdauernde Bohren harter Bretter bedeutet, ist Politik dann überhaupt noch möglich?

Der Mensch wächst nicht mit seinen Aufgaben. Er muss schlafen, essen, trinken, sein Tag hat nur 24 Stunden und seine Körpertemperatur beträgt meistens 37 Grad. Bereits 1963, Konrad Adenauer (CDU) ist so gerade noch Kanzler, beklagte der Soziologe Arnold Gehlen in einem Aufsatz für den „Merkur“, das „gestörte Zeit-Bewusstsein“. Die ungeheure Beschleunigung der Zeit, die überall „stehende Wirbel“ erzeuge, mache den Menschen atemlos und antiquarisch. Er kommt nicht hinterher, er erledigt heute das Morgen und verpasst darüber das Hier und Jetzt, das Gestern drängt nach und verursacht Auffahrunfälle der Chronologien und Zeiterfordernisse.

Solche Zeitfragen führen zu dem ARD-Fernsehfilm, der die Deformation durch Zeit schon im Titel trägt: „Die Getriebenen“. Zunächst war das der Titel eines Sachbuchs des „Welt“-Journalisten Robin Alexander, das herausfinden wollte, wie in 180 Tagen des Jahres 2015 die Flüchtlingsfrage bearbeitet wurde und wie vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu ihren Entscheidungen kam.

Bereits der Titel, aber auch das Umschlagbild des Buchs machten deutlich, dass die politische Klasse und insbesondere die Kanzlerin schlecht wegkamen. Politiker handelten, so insinuierte es das Buch, vor allem ego-taktisch, ego-ethisch, nicht länger verantwortungs- oder gesinnungsethisch, sondern fast immer machtopportunistisch. Der gut informierte Journalist, dessen Narrativ erkennbar verrät, dass es – willentlich oder nicht – politischen Interessen diente und daher eher einseitig mit Informationen gespeist wurde, trat mit erzählerischer Allgewalt auf. Schon am Buch störte, dass es mit zweifelsbefreiter Großmachtattitüde geschrieben war: Seht her! So ist’s gewesen! So und nicht anders!

Doch hier fehlte eine eher multiperspektivische, eine tastende und eine polyzentrische Vorgehensweise; welche Rolle die Flüchtlinge selbst in diesem Drama gespielt hatten, welche Rolle der Zivilgesellschaft zukam und wie die Medien den politischen Prozess figurierten, all das blieb im Buch recht unterbelichtet. Und auch die menschlich-private, ja, die intime Seite der Politik blieb meist außen vor. Denn, so mag der Autor gedacht haben, welche Rolle spielen schon Charakter und Körper, Psyche und emotionale Formation, Wertebindung und Biografie des jeweiligen Ego-Attentäters?

In diese Leerstellen rückt nun die Verfilmung des Buchs ein (Produktion: Carte Blanche International), und wer gedacht hatte, Regisseur Stephan Wagner und Drehbuchautor Florian Oeller würden diese Tendenz und Wertung aus Robin Alexanders Buchs aufgreifen, sah sich getäuscht. Denn während das Buch die Kanzlerin blamieren will, nobilitiert der Film sie, während das Buch Merkel als eine von allen Furien der Zeit Getriebene zeigt, ist sie im Film die Einzige, die auf den Schlachtfeldern der Simultanität den Überblick behält.

Doch diese Inversion der postheroischen Heldin, die hier zu einer Heldin wird, die, anders als bei Alexander, eine Sympathiefigur sein darf, bringt auch zahlreiche Verluste und Verwundungen mit sich. Während Angela Merkel, dargestellt von Imogen Kogge, über sich hinauswachsen darf, während sie durch Regie, Schnitt, Kamera, Buch und das Spiel der fabelhaften Schauspielerin nicht nur zu einer integren, sondern zu einer Integrationsvirtuosin konfligierender Zeitbahnen wird, verfallen fast alle anderen Charaktere dem Stereotyp, dem Klischee, dem schlechten Fernsehfilm, sie alle – ob Thomas de Maizière (Wolfgang Pregler), Beate Baumann (Gisela Aderhold), Peter Altmaier (Tristan Seith), Wolfgang Schäuble (Rüdiger Vogler), Steffen Seibert (Urs Remond), Sigmar Gabriel (Timo Dierkes) oder Markus Söder (Matthias Kupfer) – sie alle werden zu Stichwortpuppen oder Transmissionsriemen für die Ein-und-alles-Frau, sie alle werden die Getriebenen, während Merkel steht!

Durch diese willig-unfreiwillige Majestätisierung der Kanzlerin konterkariert der Film seinen eigenen Erzählmodus, seinen Stil. Durch permanenten Schauplatzwechsel und häufigen Einsatz von Splitscreen soll Politik ja gerade als Krise in Permanenz, als polyperspektivisches Theater und menschenfressender Medienbetrieb gezeigt werden. Natürlich mussten der Regisseur und sein Drehbuchautor das Drama verdichten, konzentrieren, Zeit sparen, denn während Robin Alexander seine 180 Tage auf 286 Seiten erzählt, muss der Film seine in diesem Fall 63 Tage in 120 Minuten unterbringen.

Dass der Regisseur und Produzent Wagner es geschafft hat, dem störrig formatierten Programmsystem diesen ungewöhnlich langen Slot abzuluchsen, ist wohl schon eine enorme Leistung, wenngleich ein mehrteiliges Projekt hier wohl doch ratsamer gewesen wäre. Die Chancen, eine komplexere Figurenzeichnung aufzubieten und Politik überhaupt als multithematische Zersplitterung darzustellen und, ja, auch das, nach noch ungewöhnlicheren Stilmitteln zu suchen, wären weitaus größer gewesen, wenn die Erzählung sich noch mehr Zeit hätte nehmen dürfen. So steckt sie einerseits trotz der halben Stunde mehr im Prokrustesbett des 90-minütigen Fernsehfilms und schwappt und schwitzt doch überall über den 120-Minuten-Rahmen hinaus.

Der epische Atem, der locker für einen Mehrteiler mit vier Folgen à 60 Minuten gereicht hätte, kommt hier nicht zu Atem, weil er Stoff bewältigen muss, eingeklemmt üblicherweise zwischen „Tagesschau“ und „Tagesthemen“. Es mag auch an dieser bei der Planung des Films vorgegebenen Zeitstauchung liegen (wobei „Die Getriebenen“ wegen einer eingeschobenen „ARD-extra“-Sendung zur Coronakrise dann noch 30 Minuten später ausgestrahlt wurde als ursprünglich vorgesehen), dass etwa die Flüchtlinge, die ja selbst Akteure waren und nicht nur Bilder, die ja selbst auf der Straße Politiker wurden und nicht nur Objekte derselben blieben, im Film kaum vorkommen oder dass die Zivilgesellschaft oder die Medien, auch zwei eminente Treiber, nur marginal in diesen abgedichteten Kosmos eingelassen werden.

So verdichtet sich fast der Eindruck eines Kammerspiels auf Speed, in der Entscheidungen vor allem als machttaktischen Erwägungen fallen. Nun ist das aber auch eine große Stärke des Films, denn der „Zweikampf“ zwischen Seehofer und Merkel etwa gehört hier zu den Glanzlichtern. Auch Seehofer darf – durch Josef Bierbichlers Kunst der existenziellen Stolperei, durch dessen nuanciertes Machtmannleidenspathos – Mensch sein, ein Mann sein, der dieser Frau nicht gewachsen ist und daran leidet. 

Dass Politik nicht im emotionslosen Paragraphenraum stattfindet, dass es auch darum geht, wer mit wem ins große Bett der friedlich-freundlichen Koexistenz kriechen kann, wer sich mag oder nicht, wird viel zu oft übersehen; hier wird es punktuell auf überzeugende Weise gezeigt. Was dem Film aber fehlt, sind Bilder oder auch Nebenfäden, Unterpfade des Erzählens, die die Frage, wie das denn war im September 2015 zu einem großen Panorama, zu einer humanitären Parabel verdichten. Denn schließlich ging es in diesen Tagen ja nicht nur um die Frage, wie Merkel auf die Flüchtlingsfrage reagiert, sondern auch darum, wie sich die Politik insgesamt, in Deutschland, Europa und der Welt mit dieser Frage befasst bzw. nicht befasst. So landen fast alle Fragen und Linien wieder bei der Kanzlerin und dadurch bekommt sie als Figur so einen Hannelore-Hoger- oder Senta-Berger-Kriminalfilm-Touch, so löst Frau den Fall.

Auch in seiner intimsten Zelle, den Eheszenen von Angela Merkel und ihrem Mann Joachim Sauer (Uwe Preuss), erinnert der Film an entsprechende Zweisamkeitsszenen der früheren ZDF-Kommissarin Bella Block (Hannelore Hoger) und ihres Lebensgefährten Simon Abendroth (Rudolf Kowalski). Es ist ja keine kleine Leistung, dass der Film hier ins Privateste vordringt, dorthin, wo diese Kanzlerin, die verschlossenste Auster auf der Bühne des Kanzleramts in der Geschichte der Bundesrepublik, keinen Journalisten jemals hinein­ließe, in ihre Wohnung, auf ihr Sofa, in den Urlaub. Das erzählt und zeigt der Film mit viel Dezenz und auch dem Clou, dass Joachim Sauer als Kritiker der Flüchtlingspolitik auftritt und hier Zeitbahnen einzieht, die der Film sonst nicht berücksichtigen kann.

Vielleicht ist das eine der größten Leistungen des Films und zugleich eine seiner größten Schwächen: Er lässt den Zuschauer an der Menschwerdung einer Politikerin teilnehmen, die den Deutschen immer etwas vorzuenthalten schien, die die Öffentlichkeit immer aussperrte. Jetzt gibt der Film ihr eine Gestalt, ein inneres Gesicht, einen leidenden Charakter, wodurch er aber zugleich – durch diese Weichzeichnung – die Politikerin, ihre Härte und Techniken kleiner macht bzw. hinter dem Menschen zum Verschwinden bringt. Dadurch wird das Politische wiederum entpolitisiert, indem es fast ausschließlich zum Charakterkrieg, zum Vater-Sohn-Konflikt (Seehofer/Söder) oder Beziehungsdrama stilisiert wird.

Was dem Film letztlich auch fehlt, ist ein Umfeld, eine systemische Mentalität, die Spielfilme oder Serien über Politik und Politiker nicht immer erst einmal als Quotenkiller, Genrequerulanten und Formatierungshindernisse versteht. Weil es viel zu selten solche Filme gibt, sollen solche Filme dann aussehen wie Filme, die „normale“ Filme sind. Stephan Wagner hat es versucht, den üblichen Handschriften und Erzählmustern eigene Wege entgegenzusetzen, um das Besondere des Sektors Politik zu fassen. Dass der anregende Film „Die Getriebenen“ (3,94 Mio Zuschauer, Marktanteil: 12,3 Prozent) nicht in allem gelingen konnte, liegt wohl zu weiten Teilen außerhalb seiner Verantwortung. Was der Regisseur jedoch mit diesem Film auch zu verantworten hat, ist ein Appell an die öffentlich-rechtlichen Sender, ihre Politik der dramaturgischen Unterforderung und paternalistischen Programmgestaltung zu ändern und formatsprengende Vielfalt zu wagen.

27.05.2020 – Torsten Körner/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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