Stephan Lamby/Klaus Brinkbäumer: Im Wahn – Trump und die amerikanische Katastrophe (ARD/NDR/RBB/SWR)

Im Westen nichts Neues

28.10.2020 •

Das Timing war Zufall, aber es hätte kaum zynischer sein können. Am Abend der Ausstrahlung dieser Dokumentation im Ersten Programm der ARD bestätigt der US-Senat die konservative Richterin Amy Coney Barrett als Richterin des Obersten Bundesgerichts. Sie wird sogleich im Weißen Haus vereidigt. Präsident Donald J. Trump lässt sich diesen Triumph nicht nehmen. In seiner ersten Amtszeit dem Gericht durch drei Berufungen seinen Stempel aufzudrücken, gilt für die evangelikale ultrakonservative Wählerschaft Trumps als Beleg dafür, dass der Gottgesandte seine Versprechen gehalten hat. Es gibt in dem Film zwei Szenen, in denen der Präsident Vertretern dieser Wählergruppe begegnet. Er behält die Kontrolle über seine Mimik, auch wenn das selbstzufriedene Grinsen kaum von Hohn zu unterscheiden ist. Der Erfolg könnte der Wahlkampagne Trumps auf den letzten Metern genau den Kick geben, der ihm zu einer zweiten Amtszeit verhülfe.

Autor und Regisseur Stephan Lamby montiert um Szenen des aktuellen Geschehens in den USA (Wahlkampfauftritte Trumps, wütende Demonstrationen von Anhängern und Gegnern, Polizei- und Milizeinsätze gegen lokale Demonstrationen von Trump-Gegnern) eine Reihe von Kronzeugen, die in Rede und Gegenrede die These des Films belegen sollen: Die Vereinigten Staaten befinden sich auf dem Weg in eine Katastrophe.

In Heiko Maas (SPD), dem deutschen Außenminister, findet Lamby einen Zeugen, der nüchtern und fassungslos das politische Geschehen in Amerika kommentiert. Das ist erstaunlich, denn Maas ist der einzige leibhaftige Politiker, der in der 90-minütigen Dokumentation in einem extra hierfür gedrehten Interview zu Wort kommt. Sollte der Film, der auch in einer englischen Fassung vorliegt, in den USA ausgestrahlt und Trump wiedergewählt werden, dürfte das Heiko Maas im State Department zur Persona non grata machen.

Aber das ist nicht das Problem des Fernsehpublikums, sondern eher des Filmkritikers. Anders als in seinen deutsche Themen betreffenden Dokumentationen der letzten Jahre ist es Stephan Lamby – und seinem im Film unsichtbaren Koautor Klaus Brinkbäumer – nicht gelungen, Kronzeugen aus der ersten Reihe der amerikanischen Politik als Gesprächspartner zu gewinnen. Verfügt das ARD-Studio in Washington über keine verlässlichen Kontakte zu Demokraten und Republikanern, die zu Gesprächen bereit gewesen wären? Hat auch das Netzwerk des Koautors Brinkbäumer (früherer „Spiegel“-Chefredakteur) nicht gehalten, was von ihm zu erhoffen gewesen wäre? Was ist mit den etablierten deutsch-amerikanischen Netzwerken, dem German Marshall Fund, der American Academy, der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, der Stiftung Wissenschaft und Politik, dem John-F.-Kennedy-Institut an der Freien Universität Berlin? Niemand aus diesem Umfeld kommt in Sicht, der oder die belastbar analytisch dazu beitrüge, ein stimmiges Bild der Lage zu entwickeln.

Die Gegenspieler der Trump-Administration sind nur dürftig vertreten. Von Marty Baron, dem Chefredakteur der „Washington Post“, Susan Glasser vom „New Yorker“ und Jim Acosta von CNN abgesehen kommen nur Leute aus der zweiten und der dritten Reihe zu Wort. Besonders peinlich berührt, dass als Kronzeuge Nummer 1 ausgerechnet jener geschwätzige Anthony Scaramucci auftritt, der ganze elf Tage als Trumps Kommunikationschef im Weißen Haus gearbeitet hat. Sein Geltungsdrang ist offenkundig, seine Auskünfte sind bestenfalls trivial. So klingen Wendehälse auf dem Weg zum nächsten Mandat. Wer würde für eine deutsche politische Reportage Moritz Hunzinger interviewen?

Das größte Manko des Films (Produktion: Eco Media) liegt aber darin, dass er der von ihm beschworenen Katastrophe keine Analyse zugrunde legt, die in der Lage wäre, die an dem Spiel mit der Katastrophe beteiligten Interessenten ins Licht zu rücken. Die großen Geldgeber der Republikanischen Partei, der Milliardär Robert Mercer und die Brüder Charles und David Koch, über die Jane Mayer, Reporterin des „New Yorker“, eindrucksvoll recherchiert hat, scheinen keine Rolle zu spielen. Mercer wird nur nebenbei erwähnt, als es um die Anfänge der rechtsradikalen Plattform „Breitbart“ geht.

Radio-Schreihälse wie Rush Limbaugh, Infowars-Krieger Alex Jones und Trumps Busenfreunde vom Network Fox News kommen zwar in den Blick, aber es bleibt dabei, dass sie quasi chorische Auftritte finden, die die These des Films belegen, ohne dass auf der anderen Seite sicht- und hörbar würde, wo und wie sich mit welcher Resonanz in der aktuellen amerikanischen Medienlandschaft auch Stimmen der Vernunft äußern. Trumps Persönlichkeit zu dämonisieren, ist ein Kinderstück; dass er seinen Geldgebern geliefert hat, bleibt unterbelichtet.

Noch ärgerlicher aber ist, dass die Geschichte und damit seit langem bestehende Traditionen kalkulierten politischen Wahnsinns in der amerikanischen Politik ausgeblendet bleiben. An vorderster Stelle wären der Historiker Richard J. Hofstadter und seine Studie über den paranoiden Stil in der amerikanischen Politik zu erwähnen. Lutz Hachmeisters Dokumentation „The Real American“ über den US-Senator Joe McCarthy und dessen Untersuchungsausschuss zu unamerikanischen Umtrieben (vgl. dazu dieses FK-Interview) hat zu diesem Thema die Blaupause produziert. Mit Roy Cohn wurde ein enger Mitarbeiter McCarthys später ein wichtiger Wegbahner für die Karriere des jungen Trump, wie Frank Rich dokumentiert hat. Schließlich wäre auch an die beiden Bücher zu erinnern, die William S. Lederer geschrieben hat: „A Nation of Sheep“ und „The Ugly American“ (Koautor hier: Eugene Burdick). Ohne diesen Kontext bleibt ein Porträt der Trump-Politik flach und zeigt sich außerstande, die mobilisierbaren Triebkräfte der amerikanischen Politik und ihrer Gegenspieler angemessen darzustellen.

Ein weiterer zwielichtiger Akteur, der in dem Film zu Wort kommt, ist Sebastian Gorka, ein Weggefährte Stephen Bannons (ehemals „Breitbart“, Ex-Berater von Trump) und nun erneut Berater des Präsidenten bei dessen Wahlkampagne für eine zweite Amtszeit. Ein ausgeschlafener Reaktionär ist dieser Gorka, der in der ungarischen Politik bei Viktor Orbán die Rezepte für eine Politik abgekupfert hat, die den rechtsradikalen Randgruppen des amerikanischen politischen Betriebs zu Gewicht und Stimme verhilft. In dem Film spielt er die Rolle eines unwirsch mitwirkenden Pappkameraden, der seinen Gospel liefert, bis er selbst die Nase davon voll hat und Mails von Lamby und Brinkbäumer automatisch abblockt.

Viel zu kurz, dafür aber umso weitsichtiger kommt Constanze Stelzenmüller von der Brookings Institution in der Dokumentation zu Wort. Trumps Gegenspieler Joe Biden, den Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei, nennt sie einen Kandidaten der Vergangenheit, er sei in Stil und Inhalten nicht auf der Höhe der Zeit. Im Vergleich zu Biden besitze Donald Trump das politische Gespür eines Weißen Hais.

Ärgerlich ist schließlich auch ein wiederkehrendes Stilmittel des Films: dramatisch dräuende Sphärenklänge zu Bildern vom nächtlichen Kapitol in Washington. Der Film insinuiert atmosphärisch, statt mit dem Handwerk des Berichtens ein verlässliches Bild der Lage zu entwickeln. Das Bühnenbild muss stemmen, was die Akteure nicht liefern.

Todesdrohungen von Nazis gegen demokratische Politiker wie den Kongressabgeordneten Adam Schiff und die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, wirken bedrückend; sie ließen sich aber relativieren, wenn man sich an Bilder aus der Präsidentschaft Barack Obamas erinnert, als sich solche Drohungen gegen den Präsidenten selbst richteten. Die rechtspopulistische „Tea-Party“-Bewegung und ihr Fußvolk waren auch vor zehn Jahren nicht zimperlich.

Trumps Stil bei einer Rede zur Lage der Nation vor beiden Häusern des Kongresses, bei der die First Lady zu Beginn dem todkranken Hetzer Rush Limbaugh die Freiheitsmedaille umhängt, belegt das Festhalten an einem politischen Verfahren, dessen Leib längst ausgeweidet ist. Der republikanische Senator Lindsay Graham steht dafür wie kein zweiter. Vor Trumps Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten für die Wahl 2016 war er dessen erbitterter Gegner, seit Trump ins Weiße Haus einzog, spielt er die Rolle seines Schoßhundes.

Die Dokumentation „Im Wahn – Trump und die amerikanische Katastrophe“ (1,67 Mio Zuschauer, Marktanteil: 12,9 Prozent) hält nicht, was sie verspricht. Stephan Lamby bleibt hinter seinen Möglichkeiten weit zurück. Klaus Brinkbäumer hat als Edel-Stringer nicht geliefert. Nein, in diesem Film erfährt man wirklich nichts Neues. Das „Zeit-Magazin“ hat in seiner Ausgabe vom 22. Oktober 2020 eine Fotostrecke von Philip Montgomery über „Geschichte im Blitzlicht“ dokumentiert. Darunter gab es auch ein Foto von Donald Trump beim „White House Correspondents’ Dinner“ im Jahr 2011, bei dem sich der damalige Präsident Barack Obama lustig macht über den Zweifel der „Birther“ an der Echtheit seiner Geburtsurkunde. Es klingt spekulativ, angesichts von Trumps Mentalität aber plausibel, dass die Hybris des Demokraten die Rachsucht seines Nachfolgers stimuliert hat. Wahnsinn ist auch eine Methode.

28.10.2020 – Hans Hütt/MK

Print-Ausgabe 24/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `