Stephan Lamby: Im Labyrinth der Macht. Protokoll einer Regierungsbildung (ARD/SWR/NDR/RBB)

Wahrnehmungsensibilität

09.03.2018 • Man hat nichts anderes erwartet als einen guten, sehr guten Film von Stephan Lamby über die historische Regierungsbildung in Berlin – ist das langweilig? Sind die Stilmittel vorhersehbar? Hätte man’s vergeigen können, obgleich die Ingredienzien so spektakulär sind wie lange nicht, aber eben auch visuell schwer fasslich und komplex? Lamby läuft, läuft auf Hochtouren: Zuletzt kamen von ihm die Filme „Nervöse Republik“ (vgl. MK-Kritik) und „Bimbes – Die schwarzen Kassen des Helmut Kohl“ (vgl. MK-Kritik), so sehenswert und preiswürdig wie vieles von Lamby in den Jahren zuvor. Es läuft also? Oder?

Was stockt, stottert und würgt, ist die nahezu sechsmonatige Regierungsbildung. Lamby verdichtet in seinem neuen Film „Im Labyrinth der Macht“ diesen quälend langen Prozess, fast wirkt hier die historisch lange Phase wie ein Wimpernschlag, so viel steckt in den 45 Minuten drin. Klar, die Dokumentation hätte auch länger sein dürfen, vermutlich sogar müssen, da zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit sich ein Fragezeichen auftut. Aber es läuft. Der Autor bringt die O-Töne seiner Gesprächspartner in ein spannungsvolles, konfrontatives Spiel. Am Geschehen beteiligte Politiker wie Horst Seehofer, Christian Lindner, Katarina Barley, Julia Klöckner oder Kevin Kühnert werden so miteinander verknüpft. Die Kamera verschattet die Räume bedrohlich, die Musik öffnet Abgründe. Dezente Dramatisierungen. Lamby lässt die Dinge und Räume sprechen.

Als Strukturmoment kehrt der leere Kabinettstisch wieder, Namensschilder vor den leeren Stühlen der Macht. Der Autor hat einen Blick für solche Details, er zeigt, wie auch das Unscheinbare als Teil des Machtspiels wirkt. Mal liest er die Schatten aus, etwa wenn sich die Schattenwürfe der SPD-Kämpen Martin Schulz und Andrea Nahles im Bilderhintergrund vermischen. Mal lässt er die nackte Wand im Kanzleramt sprechen, wenn dort am Ende der Kanzlergalerie ein freier Platz für das zukünftige Ölgemälde von Angela Merkel gähnt; mal befragt er Körperformationen, wenn etwa die geschlossene Verhandlungsarmada von CDU/CSU aufläuft. Diese Wahrnehmungssensibilität fehlt vielen anderen Filmemachern.

Genüsslich breitet der Film aus, wie die Akteure der Jamaika-Sondierungen von den Medien getrieben werden und sich zu Twitter-Geschwätzigkeit und Facebook-Geschnatter hinreißen lassen; insbesondere der schwer narzisstische FDP-Chef Christian Lindner ficht in der Rückschau weiterhin seinen Ego-Kampf. Das ist im Film (Produktion: Eco Media) ebenso kurzweilig wie analytisch erhellend, das ist prägnant und dokumentarisch präzise. Ergänzt werden die Politikerinterviews durch Statements von Journalisten wie Robin Alexander, Psalmodist der Dringlichkeit und „Welt“-Autor, oder Kristina Dunz („Rheinische Post“, zuvor dpa), gerade ausgezeichnet mit dem Preis der Bundespressekonferenz für ihre kritische Trump-Intervention im vorigen Jahr im Weißen Haus (vgl. MK-Dokumentation).

Dass mit Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zwei wichtige Akteure des Machtspiels als O-Tongeber ausfallen, ist dem Film nicht anzukreiden und ihm auch nicht wirklich abträglich, beide waren offenbar für Interviews nicht zu bekommen. Man fragt sich nach der Ansicht von „Im Labyrinth der Macht“ (2,57 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,0 Prozent), wo das Draußen ist, der Rest der Republik und Gesellschaft. Kann man dieses Drama so erzählen, indem man die politisch-mediale Klasse in sich selbst verbissen zeigt? Wo ist der poröse, vagabundierende Wählerwille? Wo sind die Atmosphären im Land? Wenn es die Absicht des Films war, die politisch-mediale Blindflugverflochtenheit zu zeigen, ihre einander sich wechselseitig zufügenden Kastrationen – die einen treiben, die anderen werden getrieben, die einen sprechen Plastik, die anderen provozieren permanent –, dann wäre es vielleicht noch effektvoller gewesen, den eigenen Erzählstandort auch einmal zu verlagern, raus aus diesem Raumschiff Berlin-Mitte. Vielleicht durch den Verzicht auf den Off-Kommentar? Vielleicht durch einen Experten, der nicht selbst zum Dringlichkeitsbetrieb gehört? Vielleicht durch eine Montage und Bilder, die Räume jenseits der solipsistischen Politiklawine öffnet?

Ohne die politischen Dokumentationen von Stephan Lamby wäre das deutsche Fernsehen ärmer. Noch reicher aber könnte es sein, so denkt man, wenn Lamby mal nicht Lamby sein müsste und noch bedingungsloser ins Offene streifen und dem eigenen Spürsinn folgen könnte. Ein guter, ein sehr guter Film.

09.03.2018 – Torsten Körner/MK