Stephan Lamby: Die Notregierung – Ungeliebte Koalition (ARD/SWR/NDR/RBB)

Journalistische Halbzeitbilanz

27.12.2019 •

Mit der Dokumentation „Die Notregierung – Ungeliebte Koalition“ schließt Stefan Lamby unmittelbar an seinen am 5. März 2018 im Ersten ausgestrahlten Film „Im Labyrinth der Macht. Protokoll einer Regierungsbildung“ an, in dem er sich mit dem sehr langen, sechsmonatigen Prozess der Regierungsbildung nach der Bundestagswahl 2017 beschäftigt hatte (vgl. MK-Kritik). So wie sich die im März 2018 schlussendlich dann doch ausgehandelte neue Große Koalition aus CDU/CSU und SPD zu einer Halbzeitbilanz im Herbst 2019 verpflichtete, so zieht jetzt auch Lamby in seiner neuen Dokumentation eine Halbzeitbilanz – aus der Sicht des beobachtenden Journalisten.

Ausgestrahlt wurde der Film, kurze Zeit nachdem die Große Koalition selbst ihre Halbzeitbilanz der Öffentlichkeit präsentiert hatte. Zudem kam die Dokumentation ganz aktuell nach dem Abschluss der SPD-Mitgliederbefragung (30. November) über den künftigen SPD-Parteivorsitz (Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken) und wenige Tage vor dem vom 6. bis 8. Dezember stattfindenden Parteitag der SPD, auf dem die neue Doppelspitze gewählt werden soll, ins Erste Programm – 60 Minuten lang am Montag, 2. Dezember, zur Primetime um 20.15 Uhr.

Stephan Lamby hat für diese Dokumentation die Große Koalition in Berlin von Anfang an begleitet. Anders jedoch als die Koalitionsregierung selbst, die soeben, wenig überraschend, eine sehr positive Bilanz ihrer Tätigkeit gezogen hat, kommt Lamby zu einem wesentlich kritischeren Zwischenresümee. Zum Grundtenor des Filmtitels von der „Notregierung“ passend reiht er überwiegend Krisen und Katastrophen aneinander, zeigt, wie mühsam und unzulänglich der politische Alltag bewältigt worden ist – vom Konflikt zwischen CSU und CDU in der Flüchtlingsfrage über die Ereignisse von Chemnitz und dem daraus resultierenden Konflikt um (Ex-)Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen sowie über die schlechten Ergebnisse der Landtags- und Europawahlen für die an der Koalition beteiligten Parteien bis hin zur Diskussion über das Klimapaket. „Diesem Anfang wohnt kein Zauber inne“, kommentiert Lamby gleich zu Beginn das Geschehen. Dieses von ihm gewählte Narrativ kommt vor allem in seinem Hintergrundkommentar zum Ausdruck. Hier schlägt sich sein offenbar von Anfang an vorhandener Pessimismus hinsichtlich der Erfolgsaussichten der GroKo nieder.

In den Interviews kommen dagegen noch andere Nuancen zur Geltung. Sie zeigen in der Mehrheit reflektierende Menschen mit guten Gründen für ihr Tun und mit der Bereitschaft, Fehler einzugestehen und auf neue Herausforderungen einzugehen. Das ist Lambys Markenenzeichen: seine langen, oft mehrstündig geführten Interviews mit Politikern aus dem inneren Machtzirkel, die in gut ausgewählten Ausschnitten präsentiert werden. Mit mehr als einem Dutzend Ausschnitten ist die CDU-Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer am häufigsten vertreten. Aber auch Lars Klingbeil, Olaf Scholz, Kevin Kühnert (alle SPD), Horst Seehofer (CSU), Armin Laschet (CDU), Robert Habeck (Grüne) und noch andere Politiker kommen zu Wort, nebst zwei Hauptstadt-Journalistinnen vom „Spiegel“ und der Tageszeitung „Rheinische Post“. Auch der YouTuber Rezo („Die Zerstörung der CDU“) fehlt nicht und das letzte Statement in der Dokumentation darf eine 17-jährige Klimaaktivistin abgeben. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wurde von Lamby allerdings für diesen Film nicht interviewt.

Eingerahmt werden die zahlreichen Interview-Ausschnitte von Filmmaterial aus der aktuellen Berichterstattung. Ein mehr besinnliches, zum Nachdenken anregendes Moment wird durch einige wenige Bildsequenzen erzeugt, die ein Innehalten signalisieren: Lamby lässt dabei seine Interviewpartner von hinten filmen, wie sie schweigend aus den Fenstern ihrer Amtsräume blicken; ab und zu sind auch das Reichstagsgebäude in Berlin und benachbarte Regierungsbauten im Bild. Damit setzt Lamby einen ästhetisch durchaus gelungenen Akzent, der die Dokumentation aus den ‘Niederungen’ der journalistischen Alltagsreportage in die höhere Sphäre des längerlebigen Dokumentarfilms erheben soll.

Mit ihrem skeptischen Blick auf die GroKo passt Lambys neue Dokumentation (2,07 Mio Zuschauer, Marktanteil: 6,6 Prozent) zu einem typischen Trend in der politischen Berichterstattung. Denn seit März 2018 ist ständiges Thema die Frage danach, wie lange diese Große Koalition noch halten wird. Es ist, als ob im Sinne einer self-fulfilling prophecy dieses Scheitern nahezu herbeigeredet werden soll. Dem entspricht die öffentliche Stimmung in der Bevölkerung, wie dies auch Lambys Dokumentation belegt: Die Regierungsparteien verlieren immer mehr an Zustimmung. Lamby konstatiert zudem einen zunehmenden Ansehensverlust der Bundesregierung, weil sie sich zu viel mit sich selbst beschäftige. Folgt hier also die Medienberichterstattung der Stimme des Volkes bzw. der Politik oder ist es umgekehrt? Lamby selbst reflektiert dies in seiner Dokumentation nicht.

In einem sehr informativen Zeitungsinterview über seine neue Dokumentation (mit dem „Weser-Kurier“, Ausgabe vom 22. November) sprach Stephan Lamby darüber, wie der Ansehensverlust der Volksparteien mit ihrem „Kerngeschäft“ zusammenhänge, nämlich der Fähigkeit, Kompromisse zu erzielen. Schuld daran, dass es „immer schwerer“ werde, „mit sachlichen Informationen im Meinungsstreit durchzudringen“, sind Lamby zufolge vor allem die neuen Online-Medien, die „schrille Wortmeldungen und steile Thesen“ begünstigen und „auf Ausgleich bedachte Meinungsäußerungen“ benachteiligen würden.

27.12.2019 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 21/2020

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