Stephan Lamby: Brüder Kühn – Zwei Musiker spielen sich frei (3sat)

Mit Saxophon im leeren Pool

10.10.2019 •

Der Name Stephan Lamby steht bisher vor allem für Dokumentarfilme über deutsche Innen- und Parteipolitik und deren Protagonisten. Mit „Brüder Kühn“, einem Doppelporträt der in Leipzig aufgewachsenen Jazzmusiker Joachim und Rolf Kühn, bewegt Lamby sich nun in einem anderen Subgenre: der Kulturdokumentation. Gleichwohl tangiert der Filmemacher auch in „Brüder Kühn“ politische Themen, weil das Leben der beiden Protagonisten auf unterschiedliche Weise mit deutscher Zeitgeschichte verwoben ist: Im Kontext von Rolf Kühns Zusammenarbeit mit der jüdischen Jazzlegende Benny Goodman im New York der 1950er Jahre kommt zur Sprache, dass die Mutter der Kühns Jüdin war. Die Biografie seines wesentlich jüngeren Bruders Joachim (Jahrgang 1944) hat wiederum insofern politische Bezüge, als er 1966 eine Einladung zum „Wiener Jazz-Treffen“ nutzte, um sich aus der DDR in den Westen abzusetzen.

Es gibt einen aktuellen Anlass für den bei 3sat ausgestrahlten Film „Brüder Kühn“: Rolf, der Ältere der beiden, wurde am 29. September 90 Jahre alt. Zu Beginn des Films ist in verschiedenen Einstellungen zu sehen, wie der Multiinstrumentalist Joachim Kühn Saxophon in einem leeren Swimmingpool spielt. Lamby hat das unter anderem mit einer Drohnenkamera aufnehmen lassen, die sich immer weiter nach oben entfernt. Kühn erzählt, dass er „vor sechs Jahren beschlossen“ habe, nicht mehr zu schwimmen, seitdem lasse er kein Wasser mehr ein. Das macht auf jeden Fall neugierig, denn da fragt man sich doch: Was ist denn das für ein Exzentriker, der einen Pool hat, den er nicht nutzt?

Der Untertitel „Zwei Musiker spielen sich frei“ hat unterschiedliche Bedeutungen. Beim Klarinettisten Rolf Kühn bezieht es sich darauf, dass er – der im Lauf seiner Karriere auch Auftragsmusik gespielt und komponiert hat, etwa für das Fernsehorchester des NDR oder die Edgar-Wallace-Romanverfilmung „Der Todesrächer von Soho“ (1971) – heute nach eigenem Bekunden musikalisch viel freier ist als je zuvor. Bei Joachim Kühn wiederum geht es um neue Entfaltungsmöglichkeiten, die ihm die Flucht in den Westen ermöglicht hat. 1968, zwei Jahre nachdem er die DDR verlassen hat, erlebt er in Paris bereits eine gesellschaftliche „Aufbruchstimmung“. Er selbst spielt damals „freie Musik“, wie er gegenüber Lamby sagt. Heutzutage tritt Joachim Kühn, der 1968 „gegen das Establishment“ war, mit seinem Bruder in der Veranstaltungshalle einer Bank in Stuttgart auf. Dass er aber als Musiker sehr wohl noch Grenzen austestet und in diesem Sinne frei geblieben ist, belegt übrigens auch ein anderer Dokumentarfilm. Für den Film „Transmitting“, der 2014 in die Kinos kam, begleiteten Christoph Hübner und Gabriele Voss Joachim Kühn und zwei weitere Musiker bei den Aufnahmen für ein experimentelles Albumprojekt in Marokko.

Stephan Lamby begibt sich mit den Kühns an wichtige Orte ihrer Vergangenheit, reist mit Rolf Kühn nach New York, trifft die zwei, als sie das Studio des legendären Jazzlabels MPS im schwarzwäldischen Villingen besuchen. Obwohl beide jeweils mit jüngeren Musikern auftreten und Platten aufnehmen, wirken sie manchmal wie aus der Zeit gefallen. Das zeigt sich in einer Sequenz, in der sich die Kühns an einem Tisch sitzend aus ihren Stasi-Akten vorlesen, die Autor Lamby für den Film beschafft hat. Unter den Dokumenten: ein Haftbefehl gegen Joachim Kühn. Haftbefehl – das sei doch ein guter Albumtitel, sagt dieser, und sein Bruder scheint das auch so zu sehen. Das könnte vor vielen Jahren einmal gestimmt haben – bis zu dem Zeitpunkt, als ein heute sehr bekannter Deutschrapper in Erscheinung trat, der nicht bloß eine Platte so nannte, sondern Haftbefehl als Künstlername auswählte. 2010 veröffentlichte dieser Musiker sein erstes Album.

Stephan Lamby konzentriert sich auf seine beiden Protagonisten, Äußerungen anderer Personen sind knapp gehalten. Kurz zu Wort kommen Rolf Kühns Ehefrau Melanie – sie bezeichnet die beiden Brüder als „streitunlustig“, was zumindest in Teilen wohl eine vornehme Umschreibung ist für konfliktscheu – und auch der Schlagzeuger Christian Lillinger (Jahrgang 1984), der in einer Band mit Rolf Kühn spielt und selbst ein Star in der deutschen Jazzszene ist. Er war 2016 Protagonist der 3sat-Dokumentation „Gegen den Beat“. Es gibt in „Brüder Kühn“ nicht das bei vielen Kulturdokumentationen übliche Aufgebot künstlerischer Weggefährten, die den Porträtierten auf meistens berechenbare Weise loben, es treten hier auch keine Jazzexperten auf, die die Bedeutung der beiden Kühns ‘einordnen’. Was den Film auszeichnet, ist also zumindest zu einem Teil das, was fehlt.

Hin und wieder schafft Stephan Lamby Bilder, die die Musik der Kühns ergänzen: Als Joachim Kühn bei einem Konzert ein Stück spielt, das er während eines Krankenhausaufenthalts geschrieben hat, fügt der Regisseur die nächtliche Aufnahme der Außenfassade eines Krankenhauses hinzu, die sich in den Eindruck des Stücks einfügt. Dass Lamby ein Gespür dafür hat, wie man die Geschichte von Musikern erzählt und die richtigen Bilder dafür findet – das hat möglicherweise auch damit zu tun, dass er selbst einst Musiker war. Anfang der 1980er Jahre nahm er mit der Hamburger New-Wave-Jazzrock-Band Kling Klong ein Album auf.

„Ich könnte in Rente gehen, ich krieg bloß keine Rente“, sagt Joachim Kühn, der in Paris und auf Ibiza lebt, an einer Stelle des Films, und das klingt in seinem Fall natürlich kokett. Aber: Dass sie unermüdlich weitermachen, steht sowohl seinem Bruder als auch ihm gut zu Gesicht. Das lässt sich ja beileibe nicht für alle hochbetagten Musiker sagen.

10.10.2019 – René Martens/MK