Steffen König/Bernd Seidl/Claus Hanischdörfer: Was glaubt Deutschland? Religionen auf dem Prüfstand. 3-teilige Reportage-Reihe (ARD/SWR)

Gewollt subjektiver Überblick

17.08.2015 •

17.08.2015 • In einer aufwendigen dreiteiligen Reihe auf dem ARD-Platz für Dokumentationen am Montagabend gegen Mitternacht versuchen Bernd Seidl und Claus Hanischdörfer im Format der Presenter-Reportage weniger eine Analyse, sondern eine von persönlichen Ansichten und Schicksalen bewegte Bestandsaufnahme. Als Presenter begleitet Steffen König die Zuschauer durch die Reihe. Als „Spurensuche“ bezeichnet er jeweils zu Anfang jeder Folge von „Was glaubt Deutschland?“ seine Tour durch die Republik. Juden und Christen, Muslime, Buddhisten und auch Atheisten geben Auskunft über zum Verständnis ihrer jeweiligen Religion oder Weltanschauung.

SWR-Reporter Steffen König, 34, ist Kameramann, Autor und Redakteur, er arbeitet für Formate wie „Betrifft: …“ (SWR Fernsehen) oder „in.puncto“ (Eins Plus) und für das SWR-Jugendangebot DasDing.tv. Man kennt ihn auch als Moderator und Reporter etwa für die Eins-Plus-Reihe „Mission Mittendrin“; hier vermittelt er immer wieder erhellende Einblicke in Subkulturen, Berufe und Lebenssituationen. Auffallend bei seinem Mitwirken für „Was glaubt Deutschland?“ ist, dass er sich sehr stark selbst einbringt mit seinen Zweifeln und immer wieder auch seiner Ratlosigkeit. Er nennt sich selbst einen „religiösen Skeptiker“. Er drängt sich in seiner Rolle niemals in den Vordergrund, sieht man einmal davon ab, dass er immer wieder ins Bild gerückt wird. Doch das ist dem Presenter-Format geschuldet. Seine Fragen sind nicht abgelesen, nicht auswendig gelernt, sondern sie vermitteln seine eigene Neugier. Und er ist auf die Antworten gespannt. Er sucht nach dem Sinn und Zweck von Religion heute.

Steffen König ist das eine Kontinuum dieses Dreiteilers. Das andere ist der Münsteraner Professor Perry Schmidt-Leukel. Unaufgeregt und sachlich knüpft der 60-Jährige die Fäden zusammen, die König in seinen Gesprächen zuvor aufgelöst hatte. Was zuvor als individuelle Ansicht der Befragten geäußert wurde, erläutert der Religionswissenschaftler anschließend und stellt es in einen größeren Zusammenhang. Er ist der einzige ‘Offizielle’ in dieser Produktion. Auch dies fällt angenehm auf, hier nicht mit den – oft bereits bekannten – Statements von Prälaten, Bischöfen oder anderen kirchlichen Amtsträgern konfrontiert zu werden. Andererseits: Wie verbindlich sind dann die eingeholten Meinungsäußerungen der Befragten? Reicht dieses Vorgehen zu einem belastbaren ‘Prüfstand’?

Schließlich ein drittes Strukturelement: Straßenumfragen zum jeweiligen Thema. Sie wirken beinahe wie willkürlich zusammengeschnitten, oft gibt es nur Schlagworte als Antwort, selten etwas Tiefgründiges. Befragt werden unterschiedliche Altersgruppen, Paare und Einzelne verschiedener Herkunftsländer. Sie haben die Funktion, ein paar Widerhaken zu setzen, vorher Gesagtes zu überprüfen und mit Gegenmeinung zu konfrontieren, hinüberzuleiten zu den nächsten Gesprächen.

Der erste Film beschäftigt sich unter der Überschrift „Wie wir hoffen“ mit der Endlichkeit des Menschen: Was kommt nach dem Tod? Seit jeher sind Menschen mit ihrer Endlichkeit konfrontiert. Religionen geben unterschiedliche Antworten auf die Frage nach dem Jenseits, verstehen den Himmel, das Paradies, das Nirwana jeweils anders. Im zweiten Film „Wie wir lieben“ geht es dem Titel entsprechend um die Liebe und hier insbesondere um den Einfluss der Religionen auf die Sexualität. Wie sehr bestimmen religiöse Vorstellungen das Liebesleben der Gläubigen? Liebt am Ende vielleicht intensiver, wer keiner Religion angehört? In der dritten Folge schließlich („Wie wir feiern“) sprechen Christen, Juden, Muslime, Buddhisten und Atheisten über ihre Feste, Rituale und Initiationsriten. Dabei geht es auch um die Frage, ob religiöse Rituale Menschen dazu bringen, sich einer Religion anzuschließen?

Es ist eine Menge Stoff, den die Filmemacher in den dreimal 45 Minuten zu bewältigen versuchen. Gefühlt drei Dutzend unterschiedlichste Gesprächspartner an immer anderen Orten bilden ein Puzzle, das ganz bewusst Stückwerk bleiben will. Denn es geht hier nicht um irgendeine Objektivität, schon gar nicht um letztgültige Lehren, sondern gewollt um die subjektiven Eindrücke und Erkenntnisse einzelner Menschen, die sich für eine bestimmte Religion oder Weltanschauung entschieden haben. Eingeflochten in die Filme sind immer wieder anspruchsvolle grafische Elemente, die Gesagtes auf originelle Weise clipartig zusammenfassen (Animation: Bastian Böckle/Rouven Bäumer). Ansonsten verzichtet der Dreiteiler auf Statistiken. Lediglich an einer Stelle wird die Verteilung der Religionszugehörigkeit in Deutschland knapp vermittelt.

Wer also beispielsweise Orientierung sucht, weil er meint, ohne gewisse Regeln nicht auskommen zu können, der findet in dem Dreiteiler eine Menge Anregungen, was er ausprobieren könnte. Ob das die Tantra-Massage ist, die Erwachsenentaufe oder der Aufnahmeritus in einer buddhistischen Gemeinde, ob es das Engagement für Flüchtlinge ist, das sich nicht auf eine religiöse Motivation beruft, oder ob es die strikten Gebetsregeln der Muslime sind – Steffen König öffnet ein ganzes Kaleidoskop an Möglichkeiten. Und er führt den Zuschauer schließlich auch zu einer „Sunday Assembly“, bei der sich Atheisten in Hamburg sonntags treffen, um bei Musik, Gesang und einem Vortrag, den man auch Predigt nennen könnte, Gemeinschaft zu üben. Und wenn dabei dann auch noch eine Kollekte durchgeführt wird, dann ist die Nähe zu bekannten christlichen Gottesdiensten rein formal ziemlich groß. Vielleicht entspricht solches Tun aber auch einfach dem Bedürfnis, abseits des Alltags für eine kurze Zeit mit Gleichgesinnten zusammenzusein.

Man könnte einwenden, dieses Sammelsurium von Erlebnissen und Erfahrungen einzelner Menschen trage eher zur Verwirrung denn zur Klärung bei. Und Puristen werden fragen, ob die Aufnahme einer Tantra-Massage denn in ihrer Freizügigkeit überhaupt in ein solches Filmprojekt gehöre. Umgekehrt ist es inzwischen ein Allgemeinplatz, dass sich Menschen das suchen, was sie für ihr Wohlgefühl und ihre persönliche Lebensgestaltung für nötig erachten. Und das ganz unabhängig von ihrer eigenen religiösen Sozialisation. Insofern ist dieser Dreiteiler in gewisser Weise ein Spiegelbild der Religionen ganz allgemein in dieser Gesellschaft. „Religionen auf dem Prüfstand“ ist der eher vollmundige Untertitel der Reihe (Redaktion: Mechthild Rüther/Uwe Bork, SWR). Eine Art Prüfsiegel gab es am Ende nicht, es wäre zu banal gewesen. Ein ordentlicher, gewollt subjektiver Überblick war es immerhin. Nicht das schlechteste Ergebnis.

17.08.2015 – Martin Thull/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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