Steffen König/Bernd Seidl/Claus Hanischdörfer: Was glaubt Deutschland? Die Gerechtigkeit und die Religionen (ARD/SWR)

Wenn Menschen Menschen helfen

20.11.2018 •

Wie bei so vielen Dingen des Lebens kommt es auch hier auf die Definition an: Was ist Gerechtigkeit? Wodurch zeichnet sie sich aus? Wie kann man sie erreichen? SWR-Reporter Steffen König hat sich erneut aufgemacht, um im Rahmen seiner Reihe „Was glaubt Deutschland?“ (vgl. MK-Kritik) wieder Vertreter verschiedener Glaubensrichtungen zu befragen. Der 45-minütige Beitrag war einer von sehr vielen, die – zuweilen ziemlich verkrampft inhaltlich dieser Thematik untergeordnet – zur diesjährigen „ARD-Themenwoche Gerechtigkeit“ zählten.

Die beiden Autoren Bernd Seidl und Claus Hanischdörfer versuchten in bewährter Weise im Format der Presenter-Reportage weniger eine Analyse, sondern eine von persönlichen Ansichten und Schicksalen bewegte Bestandsaufnahme. Die Zuschauer begleiten dabei Steffen König auf dessen Tour durch die Republik. Juden und Christen, Muslime, Buddhisten und auch Atheisten geben ihm Auskunft zu der Frage: „Können Religionen für mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft sorgen?“ Steffen König ist das eine Kontinuum dieses Films. Das andere ist der Münsteraner Religionswissenschaftler Perry Schmidt-Leukel. Unaufgeregt und sachlich stellt der 60-jährige Universitätsprofessor die individuellen Aussagen, die König in seinen Gesprächen zuvor eingeholt hatte, mit instruktiven Erläuterungen in den größeren Zusammenhang.

Wie von ihm gewohnt, bringt sich Steffen König auch sehr stark persönlich ein, wir begegnen zum Beispiel erneut seinen Söhnen, mit denen er zu Beginn und am Ende eher spielerisch versucht, ein Gefühl für Gerechtigkeit zu entwickeln. Ähnlich wie die Lehrstücke in Comic-Form zwischendurch geht es darum, möglich verständlich eher komplizierte Sachverhalte zu verdeutlichen. Das ist noch nicht Bildungsfernsehen, macht aber die eher spröde Thematik anschaulich und nachvollziehbar.

In Duisburg-Marxloh packt Steffen König in einer katholischen Kleiderkammer mit an, stellt Pater Oliver Potschien vor, der das sozial-pastorale Zentrum „Petershof“ gegründet hat, in dem es Hilfe für Leib und Seele gibt. Hier geht es nicht um Almosen, sondern um Bildung, Chancen, Zukunftsaussichten, aber auch um eine Notunterkunft, wenn anderes nicht möglich ist. In Ulm schildert Rabbiner Shneur Trebnik, welche Regeln für einen gläubigen Juden gelten, der sich an der Gerechtigkeit Gottes orientiert. Der Frankfurter Martin Wagner hat dagegen in der hessischen Finanzmetropole einen „Gottlosen-Stammtisch“ gegründet und erzählt, warum und wie er sich für eine gerechte Gesellschaft engagiert. König besucht zudem eine junge Mannheimer Muslima in einem Jugendzentrum, die dort Kurse für Mädchen gibt und sich für Chancengleichheit einsetzt. Schließlich widmet sich der Reporter auch der buddhistischen Meditationspraxis und fragt nach, ob man damit einem gerechten Leben näherkommt.

Kann der Zuschauer zunächst den Eindruck gewinnen, es gehe in diesem Film bei der Suche danach, was Gerechtigkeit bedeutet, in erster Linie um finanziellen Ausgleich – warum verdient ein Banker so viel und eine Kindergärtnerin so wenig? –, so entsteht im Lauf der 45 Minuten dann doch der Eindruck, dass für die befragten Christen, Juden, Muslime und Buddhisten, aber auch Atheisten eher die soziale Gerechtigkeit die Hauptrolle spielt. Der Film (670.000 Zuschauer, Marktanteil: 5,5 Prozent) ist also kein verstecktes Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen, sondern seine Richtung zielt eher darauf, soziales Engagement vor Augen zu führen, das über das Angebot einer täglichen preiswerten Mahlzeit hinausgeht. Perspektiven für ein besseres Leben aufzeigen, Bildung vermitteln, Selbstbewusstsein stärken, das macht in den Beispielen Gerechtigkeit aus.

Dabei stellt sich heraus, dass die Religionen, beziehen sie sich auf die Grundaussagen ihrer heiligen Bücher, sehr viel Verwandtschaft in dieser Thematik aufweisen. Der Zehnt bei den Juden, die Nächstenliebe bei den Christen, das Almosen bei den Muslimen – die Aussagen dazu in Thora, Neuem Testament oder Koran mögen eindeutig sein. Mag sein, dass jeder für sich auch im überschaubaren Rahmen zu mehr Gerechtigkeit beiträgt, zumindest in seiner Gemeinde. Das mag ausstrahlen auch auf die Umgebung. Steffen Königs Besuche lassen Spuren von Gerechtigkeit bei seinen Gastgebern aufscheinen. Ob tatsächlich Religion die ausschlaggebende Motivation liefert, bleibt offen. Manchmal ist es nicht das Streben nach Gerechtigkeit, sondern vielleicht einfach nur Menschenliebe. Oder Barmherzigkeit, die dazu beiträgt, dass Menschen anderen Menschen helfen.

20.11.2018 – Martin Thull/MK