Stefan Rogall/Simon Ostermann/Sophie Linnenbaum: Deutscher. 4‑teilige Miniserie (ZDFneo)

Wenn der Rechtspopulismus siegt

28.04.2020 •

Die einen triumphieren, die anderen ziehen bittere Mienen: Bei der Bundestagswahl hat eine rechtspopulistische Partei die absolute Mehrheit errungen. Beim Ehepaar Pielcke herrscht Jubelstimmung, die Schneiders von nebenan sind besorgt. Die Familien leben in einem ruhigen Vorort (an den Autonummernschildern ist GL zu sehen, Rheinisch-Bergischer Kreis) einer ungenannten Großstadt Seite an Seite in fast identischen Vorstadthäusern. Nur die Fassadenfarben unterscheiden sich. Schneiders wählten rot, die Pielckes hellblau. Das darf man symbolisch verstehen.

Man leistet sich gegenseitig Nachbarschaftshilfe. So werden die etwa gleich alten Söhne David Schneider (Paul Sundheim) und Marvin Pielcke (Johannes Geller) morgens von Christoph Schneider (Felix Knopp) zu ihrer Schule kutschiert, wo er als Lehrer tätig ist. David hat eine Freundin, Cansu (Lara Aylin Winkler), eine deutsche Mitschülerin mit türkischen Vorfahren; Marvin beneidet den Freund, von David unbemerkt.

Schon kurz nach der Wahl ändert sich die Stimmung im Land. Immer häufiger sind ausländerfeindliche Anfeindungen zu hören. So auch in der Apotheke, in der Eva Schneider (Meike Droste) neben dem Kollegen Burak Derzidan (Atheer Adel) als Pharmazeutin arbeitet. Herabsetzende Äußerungen ihrer Kunden beantworten die beiden kritisch. Zum Missfallen ihrer Arbeitgeberin. Es kommt noch schlimmer. Auf dem Heimweg fährt Burak versehentlich auf ein Auto auf. Ein Bagatellschaden. Doch die Insassen steigen aus und prügeln ihn brutal zusammen. Eva, die dazwischengeht, trägt ebenfalls Verletzungen davon.

Das Kollegium an Christoph Schneiders Schule erhält neue Richtlinien. Die verlangen fortan einen „selbstbewussten Umgang“ mit der deutschen Geschichte. Ein Teil der Lehrerschaft begrüßt den revisionistischen Maßnahmenkatalog, andere, auch Christoph Schneider, reagieren empört. Bald fügt sich die Mehrheit, darunter auch die Direktorin, den Populisten.

Frank Pielcke (Thorsten Merten) führt von zu Hause aus einen kleinen Sanitärbetrieb. Günter Kellenburg (Michael Lott), der Vater seines Auszubildenden, rät ihm zur Anmietung eines Ladenlokals und zur Ausweitung des Geschäfts. Sowohl bei der Erteilung des nötigen Kredits wie bei der Kundenakquise will er behilflich sein. Ulrike Pielcke (Milena Dreißig) ist gegen diesen Plan. Sie führt die Bücher und fürchtet, dass das Abenteuer übel ausgehen könnte. Kellenburg hat eine bestimmte Immobilie im Auge. Eigentlich gibt es einen Vorvertrag mit Bilal Oktay (Erdal Gürcü), Cansus Vater, der ein Burger-Lokal betreibt und eine Filiale eröffnen möchte. Aber der ideologisch weit rechts stehende Kellenburg hätte lieber einen Mieter gleicher Couleur.

Latente Spannungen sind in der Figurenkonstellation des ZDFneo-Vierteilers „Deutscher“ (Produktion: Bantry Bay) bereits gegeben. Sie verstärken sich angesichts der veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse. Die einen verharmlosen ausländerfeindliche Beleidigungen und Übergriffe oder heißen sie sogar gut, die anderen leisten noch ideellen Widerstand. Zunehmend hilflos. In der Schule werden christliche und muslimische Schüler getrennt, Burak verliert seine Anstellung in der Apotheke, Marvin schließt sich einer Gruppe rechtsradikaler Jugendlicher an, Bilal Oktays Gaststätte wird in Brand gesteckt. Marvin kennt den Täter, doch er schweigt.

Drehbuchautor Stefan Rogall wählt einen interessanten Ansatz für das Thema einer rechtspopulistischen Regierungsübernahme, das auf eine Anregung der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ zurückgeht: Das Geschehen siedelt nicht auf der großen politischen Bühne in Berlin, sondern in zwei typisch deutschen, beinahe zwillingshaften Einfamilienhäusern, die von der Kamera (Tom Holzhauser, Claire Jahn) immer wieder in symmetrischer Perspektive in den Blick genommen werden. Auf den ersten Blick gleiche Lebensumstände – dennoch hegen die Bewohner konträre politische Ansichten, geraten darüber gar in offenen Streit.

Bei den Pielckes wirken in beiden Generationen die Erfahrung wirtschaftlicher Unsicherheit und das Gefühl von Benachteiligung, beim Sohn ist es der Schmerz des Zurückgesetztseins, Stichwort: fünftes Rad am Wagen. Im Umfeld der Schneiders regieren Gruppenverhalten und Eigennutz. Forderungen nach Meinungsfreiheit und Weltoffenheit verkommen schnell zu Lippenbekenntnissen. Man passt sich an, sobald das bequeme Leben bedroht scheint. Dieses Handlungsmotiv ist keine Ausgeburt schriftstellerischer Phantasie. Es lässt sich vielfach in der Wirklichkeit beobachten.

Stefan Rogall und die Regisseure Simon Ostermann und Sophie Linnenbaum, letztere für ihre originellen Kurzfilme mehrfach preisgekrönt, verzichten auf explosive Eskalationen. Sie widmen sich intensiv und mit psychologischer Einfühlung, bildnerisch in subtiler Symbolik, dem schleichenden moralischen und kulturellen Verfall, der wachsenden Beunruhigung und Verunsicherung, zeigen auf, wie Opportunismus und Passivität zur Zerrüttung sozialer Beziehungen und des bürgerlichen Zusammenlebens beitragen. Die Perspektive bleibt durchweg lebensweltlich, hier wird niemand denunziert und ebensowenig idealisiert. Die Palette menschlicher Eigenschaften ist bunt, unabhängig von Kultur, Herkunft, Religion.

Intervenierende Programmbeiträge wie die Miniserie „Deutscher“ machen deutlich, wo die Stärken und zugleich Verpflichtungen der öffentlich-rechtlichen Sender auf dem Gebiet der fiktionalen Unterhaltung liegen. Von kommerziellen Sendern hierzulande wird man vergleichbar aktuelle und brisante Inhalte nicht erwarten dürfen. Zwar bekennen sich Streaming-Anbieter wie Netflix werbewirksam auch zu regionalen Themen; die entsprechenden Eigenproduktionen, die sich nicht zuletzt der in der EU auferlegten Pflicht zu europäischen Investitionen verdanken (30 Prozent europäischer Produktionsanteil), bleiben im Gros jedoch inhaltlich unverfänglich und leicht konsumierbar. Es dominiert das aktionsbetonte Genre-Spektakel, meist in einer Spielart des Krimis. Hier wird überwiegend das gepflegt, was der Dramaturg und Produzent Martin Wiebel (WDR) 1999 in anderem Zusammenhang als „Jahrmarktsmentalität“ bezeichnete. Serien wie „You Are Wanted“ (Amazon Prime Video; vgl. MK-Kritik) oder „Dark“ (Netflix; vgl. diese MK-Kritik und diese MK-Kritik) brauchen die deutschen Drehorte nicht. Für einen Mehrteiler wie „Deutscher“ sind sie unabdingbar.

28.04.2020 – Harald Keller/MK