Stefan Brunner/Lorenz Langenegger/Viviane Andereggen: Tatort – Schoggiläbe (ARD/SRF)

Überkonstruiert und klischeehaft

02.03.2021 •

Was, werden sich die Drehbuchautoren Stefan Brunner und Lorenz Langenegger gefragt haben, können wir in der zweiten Folge der in Zürich angesiedelten „Tatort“-Reihe erzählen, was typisch für die Schweiz ist? Diese Frage kam auf, weil die erste Folge mit dem Titel „Züri brännt“, die am 18. Oktober 2020 im Ersten Programm der ARD zu sehen war, nicht nur den Titel eines Dokumentarfilms zitierte, sondern auch inhaltlich Bezug zu den Jugendunruhen nahm, die sich 1980 in der größten Stadt der Schweiz ereigneten und von denen dieser Dokumentarfilm einst berichtete. Die Jugendunruhen von 1980 passen nun aber in das Bild, das sich der gemeine deutsche Fernsehzuschauer von der Schweiz macht, wie ein Öl-Teppich auf dem idyllischen Zürichsee, also gar nicht.

Also sollte es in der am 28. Februar ausgestrahlten zweiten Folge um etwas gehen, was diesem Schweiz-Bild umso mehr entspricht. Schweizer Uhren waren ein Thema, das dann nur am Rande vorkam, während im Zentrum die Schweizer Schokolade stand, die auch den Titel „Schoggiläbe“ spendete, was mit „Schokoladenleben“ zu übersetzen wäre. Die Titel der beiden ersten Folgen des neu konzipierten Schweizer „Tatorts“ täuschen im Übrigen: In ihnen hörte man kaum ein Wort Schwyzerdütsch. Man sprach in den von der ARD ausgestrahlten Fassungen Hochdeutsch oder in kurzen Momenten auch mal Französisch. Was angesichts dessen, wie in Zürich tatsächlich gesprochen wird, natürlich absolut absurd ist. Aber ein Krimi, der gleich an vielen Stellen das Gesprochene untertitelt, ist in der ARD nur noch die seltene Ausnahme.

Neben der Schokolade wurde in dem von Viviane Andereggen inszenierten Film dann noch der Reichtum und also das Schokoladenleben der Menschen thematisiert, die auf dem Zürichberg wohnen. Und dann – das stellte sich erst am Ende heraus – ging es noch um ein weiteres Thema, das man hierzulande mit der Schweiz verbindet, nämlich die Sterbehilfe. Denn der Ermordete hatte den eigenen Tod in Auftrag gegeben. Schon allein dieser Aufzählung merkt man an, wie überkonstruiert der jüngste Fall war, bei dem neue Wendungen – vor allem was die Hintergrundgeschichte des Ermordeten betraf – immer wieder so eintraten, wie Sonderkommandos die Türe von Verdächtigen eintreten, also mit Krach und Peng.

Was gab es da nicht alles zu bestaunen! Einen leitenden Angestellten, der die Schokoladenfirma, die ihm den Aufstieg verschaffte, an die Konkurrenz verscherbeln will. Eine Konzernerbin, die erfahren muss, dass die Frau, die sie für ihre Großmutter hielt, in Wirklichkeit über eine Ei-Spende ihre Mutter ist, während der Mann, den sie als ihren Vater betrachtete, noch nicht einmal den Samen spendete, wofür ein Anonymus herhalten musste. Einen Strichjungen, der seinen besten Kunden, den Mann, der sich selbst ermorden ließ, angeblich liebte, um dann dessen Auftrag zur Tötung an seinen eigenen Bruder weiterzuleiten, dem einst der zu Ermordende Geld zu einer teuren Operation gespendet hatte. Und eine Polizistin, die erst selbst in höchster Not nicht schießen kann, um wenige Filmminuten später einen äußerst präzisen Schuss abzuliefern, wie er nur selten gelingt. Und so weiter und so fort.

Anna Pieri Zuercher als Kommissarin Isabelle Grandjean und Carol Schuler als Profilerin Tessa Ott taten einem leid, wie sie nicht nur in dem überkonstruierten Fall die Fäden in der Hand behalten mussten, sondern zudem vom Drehbuch noch mit vielen privaten Problemen befrachtet wurden. Dass Tessa Ott einst auf dem Zürichberg aufwuchs, also das Schokoladenleben, dem sie einst entfloh, bestens kennt, war noch die beste Idee bei diesem „Tatort“ des Schweizer Rundfunks SRF. Dumm nur der Einfall, dass ihre Kollegin Grandjean sich in dieser zweiten Folge schon wieder aus Zürich versetzen lassen wollte. So etwas erkennt jeder Zuschauer als plumpe Finte, um ein retardierendes Moment in die Krimi-Geschichte einzubauen. Denn der Ausstieg einer „Tatort“-Kommissarin wird heute als erstes über die Boulevardmedien bekanntgegeben und eben nicht im Film per Einschreiben an den Vorgesetzten.

Das Schweizer Frauenduo hat in der Unterschiedlichkeit der Charaktere etwas, auf dem sich aufbauen ließe. Doch dazu bedürfte es besserer Bücher, die vom realen Leben in Zürich handeln und nicht von den Klischees, die zu dieser Stadt im Speziellen und zur Schweiz im Allgemeinen in Umlauf sind. („Schoggiläbe“ hatte bei der Ausstrahlung im Ersten 7,83 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 22,4 Prozent.)

02.03.2021 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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