Sportschau Thema: Druck im Spitzensport. Neue Hintergrundreihe (ARD/NDR)

Das Potenzial einer Gesprächssendung

23.06.2019 •

Zwischen dem Ende der Fußballsaison der Männer, die am 25. Mai mit dem DFB-Pokalfinale zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern München (0:3) ihren Abschluss fand, und dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen (7. Juni), startete die ARD unter dem Label „Sportschau“ ein neues Gesprächsformat: „Sportschau Thema“, so der Titel der von Jessy Wellmer moderierten Sendung, kann man auch als Reaktion auf die Kritik verstehen, dass in der öffentlich-rechtlichen Sportberichterstattung hintergründige Herangehensweisen zu kurz kommen.

„Druck im Spitzensport“ lautete das Thema der ersten Sendung; insgesamt sind für 2019 sechs Ausgaben geplant. Zu Gast waren zum Auftakt der Triathlon-Olympiasieger Jan Frodeno, die 100-Meter-Vizeeuropameisterin Gina Lückenkemper, der für den Fußball-Bundesligisten TSG Hoffenheim tätige Sportpsychologe Jan Mayer und der Fußballtorwart René Adler. Im letzten Drittel der Sendung, als es um die Frage ging, inwiefern die Einnahme von Dopingmitteln zumindest auch das Resultat von Druck ist, stieß der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt dazu. Die „Sportschau“ bestand an jenem Abend somit aus drei Teilen: einem aktuellen Teil (18.00 bis 18.20 Uhr), der Premieren-Ausgabe der „Thema“-Sendung und schließlich der Dokumentation „Moneten statt Moral: Wie der FIFA-Boss den Fußball verscherbelt“ (19.20 bis 19.50 Uhr).

Das Gespräch über „Druck im Spitzensport“ erwies sich als durchaus informativ für Sportler und Sportfans. Bei einem wichtigen Wettkampf oder Spiel sei es ein großer Fehler, „zu viel zu denken“ bzw. „mit Denken in automatisierte Prozesse einzugreifen“, sagte etwa Jan Mayer. Und René Adler erzählte, dass er sich einst während des Bundesliga-Abstiegskampfs mit dem Hamburger SV mit seinem Sportmanagement-Studium gewissermaßen vom Druck abgelenkt bzw. durch die geistige Tätigkeit positive Impulse für sein Spiel gewonnen habe. Von einer hilfreichen „Gegenwelt“ sprach Psychologe Mayer in diesem Zusammenhang.

Leistungsdruck – das kennen nicht nur Leistungssportler. Als Jessy Wellmer daher fragte, was der Unterschied sei zwischen unter Druck stehenden „Normalbürgern“ und Spitzensportlern, sagte Mayer: Letzterer müsse „permanent ans eigene Limit gehen“, er stehe zum Beispiel nach einem großen Erfolg unter dem Druck, beim nächsten Mal nicht hinter das Erreichte zurückzufallen, weil in der Öffentlichkeit sonst schnell Kritik daran laut werde, dass er die Leistung, die er einmal erbracht habe, nicht wiederholen könne. Das sei ein „extremer Unterschied“ zu „Normalbürgern“, so Mayer.

Eingestreut in das Gespräch wurden kurze Reportagen – etwa über den Druck, mit dem Jugendfußballer leben, die sich Hoffnungen auf eine Profi-Karriere machen. Oder über das Drucksimulationstraining an Mayers Arbeitsplatz in Hoffenheim. Das kann auch mal im „Gaming-Raum“ stattfinden, wo etwa TSG-Torwart Oliver Baumann bei einem Computerspiel Reaktionsschnelligkeit trainiert. Einen leicht werblichen Charakter für den in Sachen Technik fortschrittlichen Fußballstandort Hoffenheim hatte der Beitrag allerdings.

Positiv ist zu vermerken, wie stark sich die Sendung (Redaktion: Matthias Cammann und Tim Tonder vom NDR; Produktion: Beckground) von bekannten Gesprächsformaten abhob. Zwar machte fast jeder Beteiligte hier Werbung in eigener Sache oder für seinen Verein – wobei René Adler eine Ausnahme darstellte, da der zuletzt für den FSV Mainz 05 spielende Torwart seine Karriere beendet hat. Aber: Anders als Politiker, die in Polit-Talkshows ihre Positionen verkaufen, oder Gäste, die ein neues Buch oder einen neuen Film zu präsentieren haben, gefiel sich hier niemand in Selbstinszenierungen oder marktschreierischem Auftreten. Die Gäste gingen äußerst zuvorkommend miteinander um – und in diesem Sinne war die erste Ausgabe von „Sportschau Thema“ (628.000 Zuschauer, Marktanteil: 5,1 Prozent) auch eine gute Erinnerung daran, welches Potenzial Gesprächssendungen im Fernsehen grundsätzlich haben.

Die harmonische Stimmung rührte hier freilich auch daher, dass es zwischen den Beteiligten keinen wesentlichen inhaltlichen Dissens gab. In der Runde fehlte ein prinzipieller Kritiker des Systems Leistungssports, dem zum Thema Druck sicherlich gewisse andere Dinge eingefallen wären als Lösungsvorschläge zum Umgang damit. In diesem Sinne wäre für die zweite Sendung – geplant für den 27. Juli um 18.55 Uhr (an jenem Wochenende startet die 2. Fußball-Bundesliga in die Saison 2019/20) – ein etwas konfrontativer besetztes Gäste-Tableu wünschenswert.

23.06.2019 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 19/2019

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