Sophie Hafner: Die Auschwitz-Tagebücher. Reihe „Abgezockt!“ (ZDFinfo)

Erstaunliche Manipulationen

23.12.2020 •

In loser Folge produziert das zur Holtzbrinck-Gruppe gehörende Unternehmen AVE Publishing mit „Abgezockt!“ ein Format, das von AVE selbst als „Finanzskandal-Reihe“ bezeichnet wird. Ausgestrahlt wird sie im öffentlich-rechtlichen Spartenprogramm ZDFinfo. Bisherige Ausgaben der Reihe galten beispielsweise dem betrügerischen Anlageberater Jürgen Harksen, den windigen Immobiliengeschäften der S&K-Gruppe oder dem Wirtschaftsverbrecher Alexander Falk. Der jüngste Beitrag mit dem Titel „Die Auschwitz-Tagebücher“ widmete sich dem Treiben einer angeblichen ungarischen Gräfin, Virologin und Philanthropin, die Personen der höheren Gesellschaft um hohe Geldbeträge brachte. Die im Film nur Magdolna K. genannte Schwindlerin gab sich auch als Leibärztin der beiden Päpste Benedikt XVI. und Franziskus aus, war laut eigener Darstellung für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) tätig und engagierte sich angeblich als Medizinerin in Krisengebieten.

In Zeiten von Cyber-Kriminalität, weltumspannenden Finanz- und Wirtschaftsverbrechen und internationaler Bandenkriminalität wirkt derartiges Bauernfängertum fast schon rührend altmodisch. Unterhaltungswert hatten solche Vergehen schon immer. Fernsehserien wie „Gauner gegen Gauner“ (Originaltitel: „The Rogues“, NBC) oder „Hustle“ (BBC), beide auch in Deutschland zu sehen, machten sich diesen Reiz zunutze. Ein dramaturgischer Trick erlaubt den unbeschwerten Genuss: Die Delikte richten sich gegen andere Verbrecher, die vom Gesetz nicht belangt werden können.

Bei der Geschichte der Magdolna K. überrascht denn doch, dass ein selbstbewusstes und gewandtes Auftreten noch immer ausreicht, um die Haute Volée zu übertölpeln. Wie selbstverständlich verkehrte die „Gräfin“ in Kreisen des Hoch- und Geldadels. Eine faszinierende Facette, aber die Lügengebilde der Betrügerin Magdolna K. umfassten auch eine ausgesprochen abgeschmackte Komponente: Sie behauptete gegenüber ihrem gesellschaftlichen Umfeld, ihr jüdischer Großvater habe in Auschwitz unter dem berüchtigten Kriegsverbrecher Josef Mengele zwangsweise als Lagerarzt arbeiten müssen. Mit dieser Fama reicherte sie ihre Biografie an, buhlte um Sympathien und ging gar so weit, dem polnisch-deutschen Historiker Bogdan Musial den Nachlass ihres Großvaters anzubieten, darunter ein – wiederum muss man sagen: angeblich – in Auschwitz entstandenes Tagebuch. Für Geschichtsforscher wäre das eine Sensation gewesen, denn den KZ-Häftlingen waren schriftliche Aufzeichnungen strikt verboten. Jan Philipp Reemtsmas ‘Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur’ sagte zu, die Erschließung dieses Materials zu finanzieren.

Musial erhielt drei Koffer voller Hinterlassenschaften. Drei weitere Koffer waren laut Magdolna K. dem Vatikan überlassen worden. Ihr Motiv, damals kaum erahnbar, war pure Geltungssucht. Gemeinsam mit Musial besuchte sie die Gedenkstätte Auschwitz und ließ sich dabei schon einmal filmen, in der Annahme, als wichtige Zeitzeugin bald Protagonistin eines Dokumentarfilms zu werden. Dies sollte sich bewahrheiten, jedoch anders, als von ihr erhofft.

Mit Bogdan Musial hatte die falsche Gräfin einen ausgewiesenen Kenner der Materie angesprochen, dem bald gewisse Unstimmigkeiten auffielen. Mit aller gebotenen Vorsicht und detektivischem Spürsinn ging er den Rätseln auf den Grund. Das Ergebnis: Die Tagebücher waren Fälschungen, „Gräfin“ K. war als Betrügerin entlarvt.

Im Film von Sophie Hafner ist Bogdan Musial der Hauptprotagonist. Er spricht anschaulich über seine anfängliche Begeisterung, die gewinnende Art der „Gräfin“, die ersten Zweifel. In Wahrheit stammte die Frau aus einem kleinen Ort in Serbien und gehörte dort der ungarischen Minderheit an. Sie suchte Zutritt zur gehobenen Gesellschaft und verstand es, sich entsprechend zu inszenieren. Eine für den Film befragte Soziologin mit dem Forschungsschwerpunkt Hochstaplertum beschreibt das außergewöhnliche Einfühlungsvermögen von Schwindlern wie Magdolna K., das ihnen erstaunliche Manipulationen ermöglicht. K. hatte unter anderem eine Münchner Unternehmerin um Beträge in sechsstelliger Höhe geprellt und sich diese teils bar auszahlen lassen, ohne Misstrauen zu erregen.

Die „Gräfin“ K. wie auch die Münchner Unternehmerin verweigerten jede Mitwirkung am Film. Der Filmautorin Hafner blieb somit nur, die zentrale Hauptfigur quasi zu umkreisen. Neben Bogdan Musial standen der zuständige Münchner Kriminalkommissar Tom Gottmann, Jan Philipp Reemtsma und mit Karin Reischauer eine frühere Freundin Magdolna K.s für Auskünfte zur Verfügung. Auch existieren Fotos und Filmaufnahmen von Magdolna K., ihr Gesicht wurde jedoch unkenntlich gemacht. Etwaige Materiallücken wurden durch animierte Szenen mit Illustrationen von Matthias Schardt überbrückt.

Mit der Aufarbeitung der Ereignisse und einer knappen Charakteranalyse waren die 45 Minuten Laufzeit des Films bereits gut ausgefüllt. Die Autorin ließ dennoch Raum für eine Frage, die über die reine Nacherzählung dieses erstaunlichen Verbrechens hinausweist und wohl noch Inhalte für weitere 45 Minuten hergegeben hätte: Was eigentlich treibt Menschen dazu, ausgerechnet nationalsozialistische Gräueltaten für Betrügereien, finanzielle Abzocke und erlogene Biografien zu missbrauchen? Magdolna K. ist, im Film kommt es zur Sprache, kein Einzelfall. Im Vorjahr wurde die mittlerweile verstorbene bloggende Historikerin Marie Sophie Hingst als Fälscherin entlarvt. Sie hatte sich als Jüdin ausgegeben, sich angeblich in Konzentrationslagern ermordete Vorfahren ausgedacht, die erdichteten Biografien sogar nach Jerusalem an die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gesandt. Der Schweizer Schriftsteller Bruno Dössekker schrieb unter dem Pseudonym „Binjamin Wilkomirski“ eine frei erfundene KZ-Autobiografie.

Eine Erklärung besagt, dass die Betrüger psychologisch bedingt die Opferrolle suchen. Materielle Absichten sind, die Akte der „Gräfin“ K. zeigt es, indes nicht auszuschließen. Beim Thema Holocaust gibt es eine verständliche Scheu, Aussagen über leidvolle Erlebnisse kritisch zu hinterfragen. Das erleichtert den Betrug. Die Gedenkstätte Yad Vashem erklärte anlässlich des Falls Hingst laut israelnetz.com bezeichnenderweise, in solchen Angelegenheiten würden die angegebenen Daten „zwar kurz geprüft, grundsätzlich gehe man aber davon aus, dass die Gedenkseiten in ehrlicher Absicht ausgefüllt werden“.

Sophie Hafner machte das Beste aus dem verfügbaren Material unter Vermeidung boulevardesker Ausrutscher. Nimmt man den Film als Fallstudie, so lässt der Beitrag „Die Auschwitz-Tagebücher“ notgedrungen einiges offen, regt aber gerade auf diese Weise dazu an, die Inhalte durch eigene Lektüre zu vertiefen. Keine schlechte Bilanz für eine Fernsehdokumentation.

23.12.2020 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 1/2021

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