Simone Dobmeier/Torsten Striegnitz: Fetisch Karl Marx (Arte)

Den Blick schärfend

10.05.2018 • Überall, wo die Macht sich Paläste baut, überall, wo das Geld angebetet wird und der Mensch ihm das Weihrauchfass schwenkt, ist man gut beraten, sich von Karl Marx beraten zu lassen. Marx lesen, heißt Einspruch gegen solche Götzendienste einzulegen. Wer in diesen Tagen Fernsehen schaut, schaut Marx. Da ist es Mario Adorf, der mit imposantem Maskenbart um die Ecke schaut („Karl Marx – der deutsche Prophet“, Arte, 28.4.18/ZDF, 2.5.18), dort sind es Experten jeglicher Herkunft, die Marx beerdigen oder ihn wiederauferstehen lassen wollen. Der Denker selbst ist gleichsam ein Religionsstifter geworden – und er ist eine mediale Ikone, die natürlich abgefeiert wird, wenn es einen Anlass gibt wie ein solch signifikantes Jubiläum: Geboren wurde Marx vor 200 Jahren, am 5. Mai 1818 in Trier.

Die Dokumentation „Fetisch Karl Marx“ von Simone Dobmeier und Torsten Striegnitz legt keinen übertriebenen Respekt an den Tag. Hier wird kein Heiliger verehrt, sondern ein Bergwerk erkundet, ein Steinbruch origineller Einwürfe befragt. Sollen wir Marx lesen und wenn ja, warum? Der vom ZDF dem Programm des deutsch-französischen Senders Arte zugelieferte Film geht von einem Krisenszenario aus. Was wird sein, wenn die nächste Finanzkrise droht? Diese Frage bezieht sich auf eine Arbeit des Regisseurs Andres Veiel, der 2017 am Deutschen Theater in Berlin 20 Experten versammelte und mit ihnen die Zukunft als Krisenszenario befragte. Aus dieser Reflexionsperformance schneidet der Film (französischer Titel: „Le phénomène Karl Marx“) immer wieder kurze Szenen ein und kombiniert sie mit den Denkanstößen und Marx-Exegesen der Interview-Partner, mit Archivmaterial und neu gedrehten Szenen.

Für diese Szenen lassen die Autoren einen Mann mit Karl-Marx-Maske unter anderem durch London, Berlin und Trier laufen, was einen erstaunlichen Frage-Effekt auslöst: Was würde Marx zu dieser Hyper-Globalisierung sagen? Was hielte er von den Türmen des Finanzkapitalismus, die eine Architektur der Transparenz vorzeigen und dennoch vollkommen undurchdringlich und opak sind? Wäre Marx heute ein Feuilleton-Dandy oder ein Denker, der der Gegenwart die Stirn bietet?

Die Experten, die der Film zu Wort kommen lässt, halten Marx wohl eher für einen Ideenlieferanten, mit dem die Gegenwart durchdrungen und analysiert werden kann, auch wenn sie seine blinden Flecken sehen, sein Unvermögen, eine profunde Geldwerttheorie zu entwickeln, die fehlende Phantasie, sich den aufgeklärten und sich aufklärenden Menschen selbst als warenförmigen Kapitalismus-Fan vorzustellen. Aber tatsächlich überwiegen für diese Sprech- und Denkköpfe die positiven Anregungen, die der Mann aus Trier zu bieten hat. Man schärft mit ihm den Blick auf den Kapitalismus und dessen ungeheure Kreativität, die Kreativität des Menschen auszubeuten und ihn an die Überlebenskette zu legen. Als Marx-Experten kommen zu Wort: die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann, der enthusiastische Marx-Leser und Regisseur Andres Veiel, der britische Marx-Experte Gareth Stedman Jones, der Publizist Gerd Koenen, der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty und der Philosoph Slavoj Žižek, dessen rasende Zunge mehr Schaum als jemals zuvor schlägt.

Die beiden letztgenannten Jet-Set-Stars der Theorie wirken dabei eher entbehrlich, während die anderen Interviewpartner tatsächlich eine Leselust weckende Marx-Reflexion unternehmen. Das sind keine Experten, die sich im Begriffsdschungel verschanzen, sondern die das Groß-Denken selbstdenkend zum Selbstdenken freigeben. Veiel drückt es so aus: „Es geht ja darum, dass wir nicht kapitulieren dürfen vor einer Komplexitätsfalle, weil uns eingeredet wird, auch durch eine Wissenschaft, dass diese Welt so kompliziert ist, dass wir sie eigentlich nicht verstehen können. Da ist Marx ein Katalysator, ein Katalysator des Denkens. Es wird nicht zu einer Heilslehre, die uns eine neue Welt beschert, sondern wo wir – in einer manchmal auch mühevollen Kleinarbeit – immer wieder belohnt werden, weil wir Begriffe anfangen in Frage stellen, neu zu denken und damit zu einer ganz einfachen Schlussfolgerung kommen: Nichts muss so sein wie es ist. Und das ist doch eine wunderbare Botschaft.“

Die knapp 55-minütige Dokumentation (Produktion: Medea Film/Irene Höfer) kontrastiert in erhellender Weise Marx-Zitate mit Stadt- und Industrieräumen; der Film schärft damit auch die Sinne für die Gesichter der Gegenwart. Man hätte gerne hier, aber vor allem auch an anderer Stelle noch mehr erfahren darüber, wie Marx auf Religion geblickt hat, wie er den Kapitalismus als Religionssurrogat gedacht hat. Wer Kirche und Kommunismus nur als Todfeinde denkt und gegeneinander ausspielt, hat weder Marx noch die Bergpredigt wirklich gelesen. Ein anregender Film.

10.05.2018 – Dieter Anschlag/MK

Print-Ausgabe 16/2018

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