Silke Steiner/Sven Bohse: Wendezeit (ARD/RBB)

Die Superheldin

25.10.2019 •

Im Vorspann des vorwiegend in Berlin um die Zeit des Mauerfalls spielenden Fernsehfilms „Wendezeit“ heißt es, dies sei „eine fiktionale Geschichte inspiriert durch wahre Begebenheiten“. Den dokumentarischen Charakter dieses von der ARD aus Anlass des 30. Jahrestags des Mauerfalls (9. November 1989) am Vorabend des Nationalfeiertags ausgestrahlten zweistündigen Fernsehdramas unterstreichen auch die mehrmaligen Einblendungen von Daten am unteren Bildrand, die darauf verweisen, dass es sich bei der Gegenwartsebene des Filmgeschehens um die Zeit zwischen dem 5. Oktober 1989 und dem 4. Februar 1990 handelt, mit Rückblenden in die 70er Jahre. Zudem hat der Film seinen Stoff in Anlehnung an wahre Ereignisse entwickelt, bei denen die – echten – sogenannten „Rosenholz-Dateien“ eine Rolle spielten.

Hierbei handelt es sich um mikroverfilmte Karteikarten, die die Klarnamen von Agenten der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) enthielten, des Auslandsnachrichtendienstes der DDR, und die in der Zeit der politischen Wende in die Hände des amerikanischen Nachrichtendienstes CIA gerieten. Die Amerikaner ließen sie dann – über zehn Jahre später – in Teilen, die sich auf in der Bundesrepublik für die DDR tätig gewordene Spione bezogen, dem deutschen Verfassungsschutz zukommen. Um den in dieser alphabetisch geordneten Liste der Klarnamen fehlenden Buchstabenabschnitt „La-Li“ ranken sich seitdem viele Gerüchte. Drehbuchautorin Silke Steiner hat dazu passend eine Geschichte erfunden, die erzählt, wie es zu dieser Lücke gekommen sein könnte. Regisseur Sven Bohse hat daraus einen spannenden Film gemacht, der vor allem auf seine Hauptfigur setzt, die von Petra Schmidt-Schaller gespielte Doppelagentin Saskia Starke alias Tatjana Leschke.

Der sowohl hinsichtlich seiner Überlänge (120 statt der gewohnten 90 Minuten) als auch mit Blick auf den Drehaufwand außergewöhnliche ARD-Fernsehfilm verbindet eine private Beziehungsgeschichte mit der politischen Zeitgeschichte. Denn Saskia Starke alias Tatjana Leschke ist eine DDR-Agentin, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls in der amerikanischen Vertretung in West-Berlin für die CIA arbeitet. Zudem ist sie mit dem Deutsch-Amerikaner Richard Starke (Harald Schrott) verheiratet; die beiden haben zwei Kinder. Aus politischem Kalkül ist somit längst eine Liebesbeziehung mit enger familiärer Bindung geworden. Mit dem Mauerfall gerät Saskia alias Tatjana in Angst vor einer Enttarnung als „Maulwurf“, an der auch ihr auf eine falsche Identität gegründetes Familienleben zerbrechen würde. In ihrem Bestreben, die Enttarnung zu verhindern, wechselt die Heldin zwischen teils heroischen Aktionen als ganz auf sich gestellte Einzelkämpferin und einem Verhalten, das enge emotionale Bindungen zu ihrer Familie signalisiert.

Der Film (Produktion: Moovie) verliert jedoch seinen dokumentarischen Charakter, weil manche Handlungen der Protagonistin unrealistisch und wenig plausibel erscheinen. So verschwindet Saskia beispielsweise unbemerkt von einer familiären Geburtstagsfeier in West-Berlin, um in Ost-Berlin als DDR-Agentin Tatjana einen potenziellen Überläufer zu erledigen, entgeht dabei einem Polizeieinsatz hängend am Gitter über einem Hauszugang und näht sich danach eine Stichwunde am Bauch eigenständig vor dem Badezimmerspiegel. Schauspielerisch gesehen ist es eine Paraderolle für Petra Schmidt-Schaller, in der man sie bewundern kann. Viele der weiteren mitspielenden Figuren bleiben jedoch eher in Klischees verhaftet.

Schmidt-Schaller spielt ihre Rolle in vielen Nuancen: Sie tritt sowohl als DDR-Teenager der 70er Jahre auf als auch in drei verschiedenen Rollen als Erwachsene. Neben der Doppelrolle als CIA-Agentin und Familienmutter einerseits und in Ost-Berlin agierende, eher androgyn erscheinende DDR-Agentin andererseits, sind das noch einige kurze, aber brillante Auftritte als hyperfeminine Ehefrau eines hohen Stasi-Offiziers, die das Vertrauen der Ehefrau eines weiteren Stasi-Offiziers gewinnt, der Zugang zu den Stasi-Akten mit den Agenten-Klarnamen hat, an die Saskia herankommen will. Auch die Geschichte, wie ihr das schließlich gelingt, ist zwar wenig plausibel, wird aber in Thriller-Manier äußerst spannend bis zu einem überraschenden Schluss erzählt.

„Wendezeit“ ist somit kein Doku-Drama. Die Produktion ist vor allem deshalb sehenswert, weil es der Hauptdarstellerin gelingt, das Spannungsverhältnis zwischen Ost und West, zwischen politischem Auftrag und privatem Glück gut zu vermitteln und die Handlungsebene des Films (4,29 Mio Zuschauer, Marktanteil: 14,9 Prozent) mit einer fiktiven Ost-West-Lebensgeschichte zu verknüpfen. Der Film verwendet zudem alles Können darauf, aus der Doppelagentin eine Superheldin und Sympathieträgerin zu machen. So geschieht der Mord, den sie begeht, um sich vor Enttarnung zu schützen, nur aus einem Moment äußerster Notwehr heraus. Und am Ende überlistet sie auch noch die Hardliner von der CIA und gewinnt ihren zwischenzeitlich misstrauisch gewordenen Ehemann zurück, so dass es zu einem Happy-End kommt, das sie unentdeckt und ihr Familienleben intakt lässt.

25.10.2019 – Brigitte Knott-Wolf/MK