Sebastian Bellwinkel/Romy Straßenburg/Marta Werner: Rechts, zwo, drei – driftet Europa ab? (Arte)

Beunruhigende Bestandsaufnahme

15.04.2016 •

„Ich bin eigentlich Christin, aber das treibt mich noch aus der Kirche“, sagt die ältere Frau aus Chemnitz in das Mikrofon des Reporters. Der Grund für ihre Empörung ist nicht etwa ein Kirchenskandal, sondern die Art, wie sich Priester für die Solidarität mit Kriegsflüchtlingen aussprechen. „Ich kann mir das von der Kanzel nicht mehr anhören“, fügt die Frau noch hinzu. Man ist ja aus dem ausländerfeindlichen Pegida-Umfeld bereits einiges an extremen und manchmal auch kuriosen Ansichten und Kommentaren gewohnt, aber dass eine (nach eigenem Dafürhalten) überzeugte Christin ihrer Kirche den Rücken kehren will, weil diese in der aktuellen Situation an das Gebot der Nächstenliebe erinnert, mutet denn doch geradezu absurd an.

Andererseits hätte sie mit ihrer Haltung in Polen vermutlich keinerlei Probleme. Denn dort schürt die Amtskirche eher die Angst vor Überfremdung und dem Islam, statt ihr zu begegnen. Das erklärt zumindest ein – ob dieser Haltung empörter – polnischer Priester in der ebenso aufwändigen wie informativen Arte-Dokumentation „Rechts, zwo, drei – driftet Europa ab?“ (Regie: Sebastian Bellwinkel, Romy Straßenburg und Marta Werner).

Rund ein Dutzend Journalisten war dafür kreuz und quer durch Europa gereist, um Phänomene und Ursachen von zunehmenden, rechtslastigen Strömungen in mehreren Ländern zu untersuchen. Dabei überraschte es kaum, dass die Ablehnung von Flüchtlingen und Migranten dort am stärksten ausgeprägt ist, wo noch weit weniger Ausländer leben als etwa im Pegida-Stammland Sachsen. Der ausgiebige Rückblick auf die jüngsten Wahlerfolge der rechtspopulistischen Partei AfD und deren Hintergründe wäre für deutsche Zuschauer vielleicht verzichtbar gewesen, doch Franzosen dürften ihm durchaus neue Informationen entnommen haben.

Auf der anderen Seite bekommt man ein Interview mit AfD-Mitbegründer Konrad Adam, das Teil des Films war, auch im hiesigen Fernsehen eher selten. Gab sich der ehemalige „FAZ“-Redakteur im Gespräch noch betont gemäßigt und distanzierte sich von seinem Thüringer Parteikollegen und Scharfmacher Björn Höcke mit dem Satz „In solchen Gewässern möchte ich nicht fischen“, so warnte aber auch Adam auf einer Wahlkampfveranstaltung vor einem, wie er und seine AfD-Mitkämpfer es befürchten, Deutschland mit Polygamie, Schweinefleisch-Verbot und Ehrenmorden.

Eine der Stationen der journalistischen Europareise war Ungarn, wo die rechtspopulistische Partei „Bewegung für ein besseres Ungarn“ (abgekürzt: Jobbik) seit den letzten Wahlen drittstärkste Kraft ist und zunehmend die Roma im Osten des Landes diskriminiert. Mit Kriegsflüchtlingen möchte man schon gar nicht zu tun haben. Jobbik-Chef János Volner: „Mit den Migranten begeht die EU Selbstmord. Das lassen wir uns nicht gefallen. Bei uns werden keine Frauen von Migranten vergewaltigt.“

Es waren jedoch weniger die Parolen der politischen Offiziellen, die in diesem Film für Unbehagen sorgten, sondern die sogenannten Stimmen aus dem Volk. Bürger, die ungeniert ihrem Unmut Luft machten, um gegen angebliche Überfremdung und vor allem gegen die EU zu wettern. Hier wurde deutlich, dass sowohl Migranten als auch der Staatenbund als Sündenböcke für ökonomische und soziale Missstände dienen, die rechten Populisten in ganz Europa Wähler in die Arme treiben. Besonders erschreckend bei diesem Trend: Es sind keineswegs nur die Ewiggestrigen, die nun das Heil wieder in nationaler Souveränität suchen, sondern es sind in großer Zahl auch junge Menschen ohne berufliche Perspektiven. Angesichts dieser beunruhigenden Bestandsaufnahme liegt der Schluss nahe, dass die EU für viele Bürger immer nur eine Wirtschafts-, aber keine Wertegemeinschaft war.

Besonders große Aufmerksamkeit widmete der 90-minütige Film mit Kroatien einem Land, das in jüngerer Zeit eher selten im Fokus des Interesses stand. Hier sah man, wie auf Volksfesten zum Hitler-Gruß hemmungslos faschistische Lieder aus der Ustascha-Zeit gegrölt und NS-Devotionalien verkauft wurden. Für die Schriftstellerin Slavenka Drakulić resultieren solche Praktiken und die Stärke der Nationalisten in ihrem Land aus dem Umstand, dass Kroatien weder seine Verbrechen des letzten Balkankriegs noch die Kollaboration mit den Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet habe.

Für einen interessanten Schlenker kehrte der Film noch einmal nach Deutschland zurück, um zu erforschen, wie eigentlich die etablierten Einwanderer zu den neuen Migranten stehen. Im Bahnhofsviertel von Frankfurt am Main, neuerdings eine hippe Gegend in der Stadt, äußerten die meisten Befragten große Vorbehalte gegen den Zuzug, weil sie fürchteten, die damit einhergehende Fremdenfeindlichkeit würde auch sie treffen. Unter dem Strich war „Rechts, zwo, drei – driftet Europa ab?“, als Teil eines Arte-Themenschwerpunkts unter dem Titel „Der neue Rechtsruck“, eine unbedingt sehenswerte, von drei Produktionsfirmen (Eco Media, Spiegel TV, Kobalt Productions) erstellte Dokumentation, die dabei mit sparsamem Off-Kommentar und wenigen, aber durchweg erhellenden Experten-Statements auskam.

15.04.2016 – Reinhard Lüke/MK

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