Sebastian Bellwinkel/Birgit Wärnke: Das Schweigen der Männer Die katholische Kirche und der Kindesmissbrauch (ARD/NDR)

Eitrige Wunde

20.03.2015 •

„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Dieses Bibelwort (Mt 7,20) könnte ein Appell an die katholische Kirche insgesamt sein, aber insbesondere auch an die deutschen Bischöfe. Denn über den seit spätestens 2009 offenkundigen Skandal um den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch kirchliche Amtsträger sind Worte ausreichend gesagt worden.

„Wir wollen Klarheit und Transparenz über diese dunkle Seite in unserer Kirche“, sagte Bischof Stephan Ackermann im Namen der katholischen Bischöfe, als er im März 2014 ein interdisziplinäres Forschungsprojekt dazu vorstellte. Nicht erst dann, wenn die Geschichten der Opfer und die Geschichten der Täter erzählt sind, sind die Missbräuche aufgearbeitet, sondern erst dann, wenn auch die Geschichte um das Versagen der Bischöfe offenliegt: Dieses Schlusswort in dieser ARD-Dokumentation über die katholische Kirche und den Kindesmissbrauch kam vom Bonner Kirchenrechtler Norbert Lüdecke. Die 45 Minuten zuvor waren der Versuch, das „Schweigen der Männer“ im Bischofstalar und damit ihr Versagen zu illustrieren.

Dabei unterlagen die beiden Autoren Sebastian Bellwinkel und Birgit Wärnke nicht der Versuchung, einfach nur polemisch bekannte Fakten neu aufzuzeigen, Zeugen zu Wort kommen zu lassen oder bekannte Thesen zu wiederholen. Selten zuvor sind die konkreten Misshandlungen so klar beim Namen genannt worden. Dabei halfen die Illustrationen und Animationen von Jörn Peper, die notwendige Distanz zu den Geschehnissen zu wahren und jegliche Spekulation zu vermeiden.

Zwei Bischöfe kamen in dem Film zu Wort. Neben Stephan Ackermann aus Trier, Missbrauchsbeauftragter der deutschen Bischofskonferenz, noch Franz-Josef  Bode, Bischof in Osnabrück. Nicht ganz fair wurden sie gegeneinander ausgespielt, weil nur Bode sich in seinem Alltag vom Filmteam hatte begleiten lassen; Ackermann war lediglich zu einem Interview bereit. Unfair auch deshalb, weil der eine allein für sich und sein Bistum sprechen konnte, Ackermann aber die offenkundig widerstreitenden Motive der gesamten Bischofskonferenz zu vertreten hatte. Wohl deshalb wirkten seine Äußerungen teilweise so unbeholfen und schwammig. Denn zwar haben die Bischöfe insgesamt – das wurde deutlich – Leitlinien für den Umgang mit Missbrauchsfällen verabschiedet; in Kraft gesetzt werden müssen sie aber in jedem Bistum einzeln. Und so konnte es geschehen, dass der damalige Bischof von Regensburg, Gerhard Ludwig Müller, einen offenkundig einschlägig straffällig gewordenen Priester erneut einsetzte und etwa für die Ministrantenseelsorge zuständig sein ließ. Mit der Folge, dass dieser erneut übergriffig wurde. Heute ist Müller Kardinal in Rom und Präfekt der Glaubenskongregation und trägt damit weltkirchliche Verantwortung. Die Autoren übergingen diesen Aspekt, warum auch immer.

Fünf Jahre nach dem Bekanntwerden der ersten Missbrauchsfälle nehmen dazu in diesem Film Bischöfe, Ordensleute und Opfer Stellung. Kritiker zeigten auf, dass es der katholischen Kirche lange Zeit mehr um das Wohl der Täter aus den eigenen Reihen und das Ansehen der Institution als um das Schicksal der Opfer gegangen ist. Die von den Kirchenoberen angekündigte und inzwischen angelaufene wissenschaftliche Aufarbeitung mache den Anschein, so die Kritik, als sei sie nicht viel mehr als eine PR-Aktion der Bischöfe. Viele Bischöfe ließen ihren Worten nur bedingt Taten folgen, etwa wenn den Wissenschaftlern angeblich nur gefilterte Personalakten zur Verfügung gestellt werden. Vor allem Opfer wie zum Beispiel Matthias Katsch beklagen, dass sie bei den Vorbereitungen der Studie nicht mit einbezogen wurden. Pater Klaus Mertes, der den Skandal am Berliner Canisius-Kolleg aufgedeckt hatte und umfangreiche Erfahrungen im Aufarbeiten der Missbrauchsfälle gewonnen hat, wurde für die Studie ebenfalls nicht befragt.

Ganz sicher wird es zu einer innerkirchlichen Diskussion um die zwangsweise Verbindung von Zölibat und Priesteramt kommen müssen. Ein Thema für die Weltkirche. Denn Fachleute erkennen in vielen der Missbrauchsfälle Ersatzhandlungen von Männern, die niemals eine Beziehung gelebt haben. Sie sind nicht pädophil, sondern viele können ihre natürlichen Bedürfnisse nicht ausleben und benutzen dann wehrlose Kinder und Jugendliche. Man mag die Diskussion derzeit noch aufhalten können, entziehen kann man sich ihr, so jedenfalls der Eindruck nach den unterschiedlichen Statements im Film, aber nur kurzfristig. Nicht nur dies eine „eitrige Wunde“, wie es Matthias Katsch formuliert.

In der filmisch geschickt zusammengestellten Dokumentation (670.000 Zuschauer, Marktanteil: 6,3 Prozent) wechseln Statements von Theologen und Psychologen mit Ausschnitten aus Nachrichten- und Magazinsendungen ab, angereichert im Fall der Opferzitate durch Illustrationen. Vor allem die Ausschnitte aus den diversen Sendungen machen dem Zuschauer nochmals deutlich, wie sehr die Aufdeckungen der Missbrauchsfälle zu einem nicht nur innerkirchlichen, sondern gesellschaftlichen Fall wurden. Das Vertrauen, das  verspielt wurde – durch Ordensleute beiderlei Geschlechts und durch Priester – kann erst langsam wieder aufgebaut werden. Aber nur dann, wenn das „Schweigen der Männer“ beendet wird. Jedenfalls ist es nicht vertrauensbildend, wenn tatsächlich Akten vernichtet werden. Nach dem Kirchenrecht geschieht dies nach zehn Jahren zwar völlig legal, gegenüber den Opfern, denen diese Akten helfen könnten, ist so etwas jedoch eine moralisch höchst zweifelhafte Maßnahme.

20.03.2015 – Martin Thull/MK

Vertrauen verspielt: Nun ist transparente Aufarbeitung nötig

Foto: Screenshot


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