Sebastian Bellwinkel: Feindbild Polizei. Gewalt und Gegengewalt ohne Ende? (Arte)

Erhellende Bestandsaufnahme

16.07.2020 •

„Wenn der Schutzmann ums Eck kommt, nimmt der Ede Reißaus“, so beginnt der schunkelige Titelsong zur ARD-Serie „Großstadtrevier“. Womit das Lied ungefähr das andeutet, für das die betulichen Schnurren um ein Hamburger Polizeirevier seit nunmehr 34 Jahren stehen: eine Welt, in der nur Ganoven die Ordnungshüter fürchten müssen, während der Großteil der Bevölkerung in jedem uniformierten Beamten den „Freund und Helfer“ sieht.

Die Zeiten dieser Kiez-Romantik sind im wirklichen Leben lange vorbei. Mit dem Respekt vor der Polizei scheint es in manchen Bevölkerungsgruppen nicht mehr weit her zu sein. Berichte über Angriffe auf Ordnungshüter gibt es nahezu täglich. Auf der anderen Seite stehen aber auch immer wieder Übergriffe von Polizisten. So wie jüngst im Fall des schwarzen US-Amerikaners George Floyd, der am 25. Mai dieses Jahres bei einer gewaltsamen Festnahme in Minneapolis getötet wurde, was weltweit Proteste gegen Polizeigewalt auslöste. Die Untat war für den deutsch-französischen Kultursender Arte Anlass, nur drei Wochen danach einen Themenabend ins Programm zu nehmen. Während die beiden letzten Beiträge des Abends sich explizit mit den USA unter besonderer Berücksichtigung des Rassismus beschäftigten, beschränkte sich die vor den Ereignissen in Minneapolis fertiggestellte Dokumentation „Feindbild Polizei. Gewalt und Gegengewalt ohne Ende?“, mit der der Themenabend am 16. Juni begann, auf die Situation in Deutschland und Frankreich.

Man sieht Demonstrationen der sogenannten Gelbwesten in Paris, die zu Straßenschlachten mit der Polizei ausarten, ähnliche Bilder vom G20-Gipfel in Hamburg und hört zwischendurch immer wieder Expertenmeinungen sowie Erfahrungsberichte von Gewaltopfern. Von Demonstranten und Polizisten. „Ich bin nicht Polizist geworden, um mit Molotow-Cocktails beschmissen zu werden, mit Pflastersteinen und mit metallbespickten Geschossen“, klagt ein französischer Beamter, der im Dezember 2018 im Einsatz war, als bei den Protesten der Gelbwestenbewegung die Situation in den Pariser Straßen eskalierte. In Hamburg kämpft ein Mann, der nach eigenen Angaben als Unbeteiligter während der G20-Demos 2017 durch den Schlagstock eines Polizisten so schwer verletzt wurde, dass er dauerhaft arbeitsunfähig ist, trotz eindeutiger Indizien noch immer um die juristische Anerkennung und um Schmerzensgeld.

„In beiden Ländern nehmen die Konflikte zwischen Bevölkerung und Polizei zu. Warum ist das so?“, formuliert Autor Sebastian Bellwinkel am Beginn seines 80-minütigen Films (Produktion: Eco Media). Letztlich beantworten kann er die Frage schon auf Grund ihrer Komplexität nicht. Dennoch schafft er anhand zahlreicher Beispiele und Gespräche zumindest eine erhellende Bestandsaufnahme der besorgniserregenden Lage.

Er verstehe nicht, was zwischenzeitlich passiert sei, erklärt ein französischer Polizist. Nach den islamistischen Anschlägen auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und den Bataclan-Club 2015 seien sie doch noch die Helden im Kampf gegen den Terror gewesen und nun würden sie auf Demonstrationen massiv angegriffen. Ein Soziologe erklärt, was sich seitdem in Frankreich geändert hat. Zum einen berichtet er von einem massiven Stellenabbau bei der Polizei, zum anderen von deren militärischer Aufrüstung mit Waffen wie Gummigeschossen und Knallgranaten, die gegen Demonstranten zum Einsatz kämen – was die Gewalt auf beiden Seiten eskalieren lasse. Dauerdienst und Stress ließen bei einigen Beamten offenbar schon mal die Sicherungen durchbrennen. Auf der anderen Seite stehen allein im Jahr 2019 in Frankreich 59 Selbstmorde von Polizisten.

Anhand mehrerer Statements macht der Film (265.000 Zuschauer, Marktanteil: 0,9 Prozent) auch deutlich, dass die Politik oft fragwürdige Entscheidungen trifft, deren Folgen die Polizei auszubaden hat. So wollte sich Hamburg beim G20-Gipfel unbedingt als weltoffene Metropole präsentieren und ließ die Veranstaltung trotz polizeilicher Bedenken mitten in der Stadt stattfinden. Zugleich gab man die Order aus, mit massivem Polizeieinsatz für Sicherheit sorgen zu wollen. Doch dieser Polizeieinsatz geriet bereits bei der eigentlich friedlichen Demonstration am Eröffnungstag völlig außer Kontrolle und führte dazu, dass sich die Stimmung auf beiden Seiten während der folgenden Tage immer weiter aufheizte.

So bemühte sich Bellwinkel, das Phänomen der zunehmenden Konflikte zwischen Bürgern und Polizei von beiden Seiten zu beleuchten und ließ zahlreiche Stimmen zu Wort kommen. Darunter auch Polizisten in Deutschland, die einen Korpsgeist beklagten, der Selbstkritik oder gar das Anzeigen von Kollegen wegen Verfehlungen im Dienst verhindere. Wo der Film oft unmotiviert zwischen Frankreich und Deutschland hin- und hersprang, nahmen sich die Versuche, Unterschiede zwischen beiden Ländern deutlich zu machen, eher spärlich aus. Während in Frankreich ein Großteil der Polizisten laut einer Erhebung Sympathien hegt für die rechte Partei Rassemblement National (früher: Front National), gibt es, was Vergleichbares in Deutschland angeht, nur Vermutungen.

Bei allem Bemühen um Ausgewogenheit hatte der vom NDR für den Arte-Themenabend zugelieferte Film hinsichtlich der Bilder von gewaltsamen Übergriffen allerdings eine Schieflage. Die Szenen mit polizeilichen Gewaltattacken waren deutlich zahlreicher als jene, die Angriffe auf die Ordnungshüter dokumentierten. Was nicht unbedingt auf eine Parteilichkeit seitens des Autors verweist. Im Zeitalter der Handyfotografie und Handyvideos ist es schlicht so, dass Bilder von Übergriffen der Polizei unmittelbar danach in den sozialen Netzwerken auftauchen, dass also die Materiallage für einen Filmemacher hier weitaus besser ist. Ob man, wie hier Sebastian Bellwinkel, der die Quellen jeweils per Insert angab, so massiv darauf zurückgreifen muss, ist eine andere Frage. Andererseits wären die skandalösen Todesumstände des George Floyd ohne solche Amateurfilmer womöglich nie öffentlich geworden.

16.07.2020 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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