Schönenborn will gewinnen: Die ARD stellt ihr Fernsehfilmangebot für das Jahr 2018 vor

24.01.2018 • 35 „Tatort“-Premieren, 35 Erstausstrahlungen unter dem Label „Film-Mittwoch im Ersten“ und 36 neue Freitagsfilme – unter anderem diese Zahlen vermitteln einen ersten Eindruck vom diesjährigen im Ersten Programm anstehenden Fernsehfilmangebot, das die ARD am 18. Januar auf einer Pressekonferenz in der Hafencity in Hamburg vorstellte.

Der erste Mittwochsfilm des Jahres 2018, über den es erhitzte Kontroversen geben könnte, ist „Aufbruch ins Ungewisse“ (Regie: Kai Wessel; Buch: Eva Zahn, Volker A. Zahn und Gabriela Zerhau). Der Film, der am 14. Februar im Ersten zu sehen sein soll, ist angesiedelt in der nahen Zukunft und erzählt von Menschen, die vor Verfolgung aus einem totalitären Deutschland nach Afrika fliehen. Regisseur Kai Wessel inszeniert in dieser Dystopie also die realen Fluchtbewegungen unserer Zeit unter umgekehrten Vorzeichen.

Zu den ambitionierten Projekten des gerade begonnenen Jahres gehört auch der Zweiteiler „Gladbeck“, der im März auf dem Programm steht. Der Film erinnert an das spektakuläre Geiseldrama in der im nördlichen Ruhrgebiet liegenden Stadt Gladbeck, das sich in diesem Jahr zum 30. Mal jährt. Die Ereignisse waren damals nicht zuletzt geprägt vom medienethisch fragwürdigen Verhalten vieler aktuell berichtender Reporter. Dieser Aspekt werde im Film berücksichtigt, sagte Christine Strobl, Geschäftsführerin der ARD-Filmproduktionsfirma Degeto, in Hamburg. Es gehöre zu den Aufgaben der ARD, „verantwortungsvoll auf die Rolle der Medien in diesem Fall draufzuschauen“.

Zweiteiler über Verlegerin Aenne Burda

Jörg Schönenborn, Fernsehdirektor des WDR und Fernsehfilmkoordinator der ARD, betonte auf der Hamburger Veranstaltung, die ARD wolle im Fiktionalen künftig häufiger auf Mehrteiler setzen. Der „Kampf um Aufmerksamkeit“ sei mit Einzelstücken „nicht immer zu gewinnen“, ergänzte Schönenborn. Fürs vierte Quartal ist die zweiteilige SWR-Produktion „Aenne Burda“ geplant, die erzählt, wie Ende der 1940er Jahre aus einer Verlegersgattin eine erfolgreiche Verlegerin wird. Der Spielfilm, in dem Katharina Wackernagel die Hauptrolle spielt, wird durch eine Dokumentation über die 2005 verstorbene Modezeitschriftenmacherin ergänzt.

Im Bereich der Mehrteiler will sich die ARD auf historische Stoffe konzentrieren, um für diese aufwändigen Filme auch internationale Koproduktionsgelder akquirieren zu können. Das erhofft man sich zum Beispiel bei dem Projekt „Oktoberfest 1900“ (Drehbeginn: 2018). Dass sich historische Themen aus deutschen Landen in fiktionaler Verpackung international gut verkaufen lassen, hat bereits die von der öffentlich-rechtlichen ARD und dem Pay-TV-Sender Sky produzierte Krimiserie „Babylon Berlin“ bewiesen, die im Jahr 1929 angesiedelt ist und für viel Aufmerksamkeit sorgte. Man habe diese Serie bereits in 60 Länder verkauft, sagte Christine Strobl. Das Erste wird die ersten beiden Staffeln von „Babylon Berlin“ (insgesamt 16 Folgen) erst im Herbst 2018 ausstrahlen, vorgesehen sei ein Sendeplatz zur Primetime um 20.15 Uhr, wie es dazu hieß. Ihre Premiere hatte die Hochglanzserie im Oktober vorigen Jahres beim Privatsender Sky (vgl. MK-Artikel).

Wen anrufen bei Netflix?

Auf die Frage, ob künftig auch Kooperationen mit Streaming-Anbietern vorstellbar seien, gab sich Strobl in Hamburg reserviert. Das Fernsehen sei schließlich „ein Menschengeschäft“ und bei Netflix und Amazon Prime wisse sie, anders als bei Sky, gar nicht, wen sie anrufen solle. Generell gelte aber: Wenn die ARD „ein Erzähl- und Ausstattungsniveau“ wie in „Babylon Berlin“ halten wolle, „werden wir uns neue Wege überlegen müssen“ – das heißt, es wäre entweder mit anderen hiesigen Sendern oder internationalen Partnern zusammenzuarbeiten. Das sei nach „Babylon Berlin“ nun „viel, viel leichter“. Dass es auch kritische Stimmen zu Kooperationen etwa mit Pay-TV-Anbietern gebe, erwähnte Strobl aber ebenfalls.

Jörg Schönenborn stellte auf der Pressekonferenz heraus, dass die ARD-Fernsehfilmkoordination und die ARD-Filmgesellschaft Degeto sich vor zwei Jahren auf ein „Fünf-Jahres-Projekt“ verständigt hätten, damit im Bereich Regie „endlich mehr Frauen“ zum Zuge kämen (vgl. dazu auch diese MK-Meldung). Die Zwischenbilanz dazu falle positiv aus, man sei allerdings noch nicht am Ziel.

Zumindest das ARD-Programmheft mit den „Highlights 2018“ in den Bereichen Fernsehfilm, Spielfilm und Serie lässt diesbezüglich positive Rückschlüsse kaum zu: Für 2018 sind im Ersten sechs „Themenabende“ vorgesehen – also Kombinationen aus einem fiktionalem Werk und entweder einer Dokumentation oder einer „Maischberger“-Talksendung. Von den Fernsehfilmen, die jeweils im Zentrum dieser Schwerpunkte stehen, stammt lediglich „Aenne Burda“ von einer Regisseurin (Franziska Meletzky). An einer der beiden neuen Dienstagsserien – den Anwaltsserien „Falk“ und „Die Heiland: Wir sind Anwalt“ (Arbeitstitel) – ist eine Frau als Co-Regisseurin beteiligt: Pia Strietmann bei „Falk“. Davon, dass bei den in pittoresken internationalen Städten und Regionen spielenden Donnerstagskrimis 2018 zwei weitere Schauplätze hinzukommen – Amsterdam und Prag –, profitieren Frauen im Regiebereich nicht. Bei den neun ausgewählten „Tatort“-Filmen, die im Programmheft vorgestellt sind, führt keine Frau Regie.

Im Doku-Bereich reaktionsfähiger werden

Mit Blick darauf, dass die Ministerpräsidenten der Länder in den kommenden Wochen in Sachen Rundfunkbeitrag möglicherweise eine Entscheidung fällen, die der ARD nicht gefallen wird, sagte Jörg Schönenborn, das Genre, „bei dem Einsparungen am ehesten spürbar sein werden“, sei der Fernsehfilm. Beim Programmdirektor des Ersten, dem in Hamburg krankheitsbedingt abwesenden Volker Herres, klingt es im Vorwort zum „Highlights-2018“-Heft in Nuancen anders: „Auch in Zeiten knapper werdender Kassen werden wir an einem nicht sparen: an Umfang und Qualität unseres fiktionalen Angebots, für das unser Herz im Ersten schlägt.“

Im Rahmen der Veranstaltung wies darüber hinaus ARD-Chefredakteur Rainald Becker auf geplante Schwerpunkte im Informationsangebot des Ersten hin. „Unser Ziel ist es, im dokumentarischen Bereich reaktionsfähiger zu werden“, sagte er. Zusätzlich zu „Markenchecks“ und Naturfilmen sollen am Montagabend um 20.15 Uhr künftig auch gesellschaftspolitisch relevante Dokumentationen laufen – gegebenenfalls gekoppelt mit einer ergänzenden Diskussion in der nachfolgenden Sendung „Hart aber fair“ von Frank Plasberg. Die „treibende Kraft“ bei dieser Reform sei der WDR gewesen, sagte Becker. Erstmals öffentlich grob skizziert hatte der ARD-Chefredakteur diese Pläne Anfang Dezember vorigen Jahres in Berlin in der Deutschen Kinemathek bei der Veranstaltung „Die Bedeutung des Dokumentarischen“ (vgl. diesen MK-Artikel).

24.01.2018 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 22/2018

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