Sascha Adamek/Jo Goll/Susanne Katharina Opalka/Norbert Siegmund/Ulrich Kraetzer: Der Anschlag. Als der Terror nach Berlin kam. Reihe „Die Story im Ersten“ (ARD/RBB)

Akribische Rekonstruktion

16.12.2017 •

Eigentlich war hinsichtlich der Pannen und Versäumnisse der deutschen Sicherheitsbehörden im Fall Anis Amri im Lauf dieses Jahres schon so einiges ans Licht gekommen. Doch anlässlich des bevorstehenden Jahrestages von Amris Lkw-Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016 ließen es sich die öffentlich-rechtlichen Sender nicht nehmen, die Ergebnisse in eigenen Dokumentationen noch einmal zusammenzufassen.

Waren die beiden Autoren Arndt Ginzel und Ulrich Stoll für ihren am 5. Dezember als Beitrag des ZDF-Magazins „Frontal 21“ ausgestrahlten Film „Die Akte Anis Amri“ (21.00 bis 21.45 Uhr) sogar bis in das tunesische Heimatdorf des Attentäters gereist, um in Gesprächen mit dessen Bruder und mit ehemaligen Weggefährten seine problematische Jugend zu rekonstruieren, blieben die Macher des ARD-Beitrags in Deutschland. Dafür bot die Dokumentation im Ersten mit dem etwas irreführenden Haupttitel „Der Anschlag“ (als hätte es selbst in der jüngeren Vergangenheit nur diesen einzigen Anschlag gegeben) gleich fünf Autoren auf. Was darauf zurückzuführen sein dürfte, dass es sich hier um ein gemeinsames Rechercheteam des Rundfunk Berlin-Brandenburgs (RBB) und der „Berliner Morgenpost“ handelte, deren Kooperation sich sonst vorwiegend auf den Online-Sektor beschränkt.

Weil das Aufschlüsseln von Ermittlungspannen auch im Fall von Terrorismus eine vergleichsweise trockene Materie ist, setzten die Autoren in den ersten Minuten des Films vor allem auf Emotionen. Während Arbeiter sich am Aufbau des diesjährigen Weihnachtsmarktes am Berliner Breitscheidplatz zu schaffen machten, stand eine junge Frau vor einer provisorischen Gedenkstätte und kämpfte mit den Tränen. „Hier verlor Astrid Passin ihren Vater“, hieß es dazu im Off. Dann durfte noch ein Schausteller, der dem Attentat vor einem Jahr knapp entgangen war, schildern, wie er das Ganze akustisch wahrgenommen hatte: „Das hörte sich an wie das Abladen eines Müllcontainers.“ Und der flüchtende Täter sei ihm „wie ein erbärmlicher Feigling“ vorgekommen, ergänzte er dann noch.

Solche Statements hatten mit der eigentlichen Thematik eher weniger zu tun und hätten auch einen Beitrag des ARD-Boulevardmagazins „Brisant“ einleiten können, aber offenbar ist man inzwischen bei der ARD der Ansicht, ohne solche emotionalen Intros auch bei seriösen Dokumentationen nicht mehr auskommen zu können. Auch wenn da später noch einmal eine Frau erschien, die bei dem Anschlag ebenfalls Angehörige verloren hatte und sich Bilder der Verstorbenen anschaute (Kommentarbinse dazu: „Der Anblick ihrer Bilder im Familienalbum schmerzt offenbar“), konzentrierten sich die Autoren im Folgenden auf das Wesentliche.

Sie begannen ihre Rekonstruktion im Jahr 2011, als Amri in einem italienischen Flüchtlingsheim Feuer gelegt hatte – eine Straftat, nach der er eigentlich nie nach Deutschland hätte einreisen dürfen. Dennoch gelangte er in den Wirren des Jahres 2015 mit einem Flüchtlingstreck illegal nach Freiburg, wurde erkennungsdienstlich erfasst und landete später in einem Heim in Emmerich am Niederrhein. Und obwohl das Landeskriminalamt (LKA) Nordrhein-Westfalen Amri zu diesem Zeitpunkt bereits als gewaltbereiten Islamisten im Visier hatte, wurde die Information nicht an die städtischen Behörden weitergeleitet. Was der Emmericher Bürgermeister Peter Hinze im Film „eine unglaubliche Geschichte“ nannte.

Detailgenau listeten die Autoren im weiteren Verlauf eine Vielzahl von Versäumnissen und Kommunikationspannen zwischen den verschiedenen Diensten und Behörden auf. Dass da viele Informationen und Handydaten vorhanden waren, aber zum Teil nie ausgewertet wurden, begründete ein Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) mit akutem Personalmangel. Was der Film anschaulich machte, in dem in einer Grafik allein für Berlin 74 sogenannte Gefährder aufgelistet wurden, während das Personal bei der Berliner Polizei lediglich für zwei Rund-um-die-Uhr-Überwachungen reichte. Keine sonderlich überzeugende Figur gab im Film Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt ab, der jegliches Versagen seiner Behörde zurückwies oder Handybilder, die Amri mit Waffen zeigten, lapidar als „gängiges Imponiergehabe“ bezeichnete.

Ein besonderes Augenmerk legte der Film auf Anis Amris offenbar enge Beziehung zu dem Berliner Hassprediger Abu Walaa, bei dem er vermutlich die religiöse Legitimation für seinen Anschlag eingeholt hatte. Auch diese Beziehung war den Behörden bekannt. Natürlich konnten die fünf Autoren in ihrem Film (1,23 Mio Zuschauer, Marktanteil: 6,9 Prozent) keinen Hauptverantwortlichen für die Pannenserie an den Pranger stellen, wie es sich die Hinterbliebene Astrid Passin an einer Stelle der Dokumentation erhofft hatte. Mit Hilfe einer Fülle von Dokumenten und zahlreichen Statements von Experten und unmittelbar Beteiligten setzen sie jedoch in den 45 Sendeminuten akribisch ein Mosaik zusammen, das deutlich machte, dass der von Amri begangene Anschlag mit zwölf Toten und rund 60 Verletzten zu verhindern gewesen wäre, wenn die Arbeit von Polizei und Behörden, insbesondere im Bereich der Datenauswertung, nur einigermaßen funktioniert hätten.

16.12.2017 – Reinhard Lüke/MK

` `