Sara Endepols/Theresa Berwian: 7 Tage … Leben im Kloster (SWR Fernsehen)

Eine Familie mit Schwiegermüttern

25.04.2020 •

Der Ausgangspunkt ist klar: SWR-Reporterin Sara Endepols ist nicht getauft. Die Frage, wie sie es mit Gott und der Religion halte, habe sie immer offengelassen, heißt es im Pressetext zu dieser Sendung. Für sieben Tage ist sie ins Noviziat der Dominikanerinnen vom Kloster Arenberg in Koblenz eingezogen. In dieser Zeit will sie herausfinden, wie viel Wahrheit in den Klischees steckt, die sie im Kopf hat: Klosterleben mit dem Gelübde zu Gehorsam, Armut und Keuschheit, das ist doch von gestern und hat mit dem Alltag nichts zu tun. Was sie vorhat, ist in etwa so, als würde eine Vegetarierin ein Praktikum in der Metzgerei machen.

Es gibt im Dritten Programm SWR Fernsehen die Reportagereihe „7 Tage …“ (ein Format gleichen Namens läuft auch beim NDR Fernsehen); dafür begeben sich TV-Journalisten gleichsam in einem Selbstversuch für eine Woche in neue Gefilde jenseits ihrer eigentlichen beruflichen Tätigkeit und berichten in mal 30-, mal 45-minütigen Filmen darüber, wie’s war: „7 Tage … unter Winzern“, „7 Tage … unter Binnenschiffern“ oder auch „7 Tage … auf dem Jakobsweg“. Nun also begab sich Sara Endepols für sieben Tage hinter Klostermauern, fügte sich ein in den strengen Tagesablauf mit festen Gebets- und Schweigezeiten. Ausgestrahlt wurde die Reportage darüber am 8. April in der Karwoche (Koautorin: Theresa Berwian).

Entstanden ist ein 45-minütiger Film, der ganz überwiegend aus Einzelgesprächen mit einigen der 50 Ordensschwestern des Klosters Arenberg besteht. In sehr persönlichen Gesprächen – von beiden Seiten. Außen vor bleibt, was in dem riesigen Gebäudekomplex sonst noch geschieht, wie sich die Dominikanerinnen wirtschaftlich über Wasser halten, warum es an Nachwuchs fehlt, wie es sich lebt unter 50 Frauen mit einem Durchschnittsalter von 81 Jahren. Die jüngste der Nonnen ist 44 Jahre alt, eine einzige junge Frau befindet sich im Noviziat. Keine guten Aussichten. Wir sind wie eine Familie“, beschreibt eine der Schwestern die Gemeinschaft. Familie könne man sich nicht aussuchen wie Freunde. Zwischen den Zeilen scheint durch, dass es auch Konflikte gibt. Äußerlich belegt durch den Zwischenruf „… mit Schwiegermüttern“. Der wiederum mit wissendem Lachen der Mithörenden quittiert wird.

In den behutsamen Fragen von Sara Endepols geht es um die Motive zum Klostereintritt, darum, welche Vorerfahrungen die heute über 90-jährigen Schwestern mit Verliebtsein oder einer Beziehung hatten, was etwa Schwester Christa bei ihrem Missionseinsatz im Ausland mit den Einheimischen gemacht hat und was sie lernen konnte. Verblüffend ist die Offenheit, mit der sich die Frauen begegnen. Mag sein, dass die ein oder andere Verweigerung einer Antwort wegen zu großer Intimität aus dem sicher umfangreichen Material nicht mit in den Film übernommen wurde.

Der Vorzug dieser Reportage ist, dass Sara Endepols sich mit ihrer eigenen kritischen Haltung gegenüber dem Ordensleben nicht zurückhält, umgekehrt aber auch offen ist für neue Erfahrungen und Eindrücke. Man kann es mutig finden, dass die Dominikanerinnen ein Fernsehteam so nah an ihr Leben herangelassen haben. Denn nicht auszuschließen ist, dass durch die geraffte Auswahl und die Montage des Films manche der sehr persönlichen Äußerungen wie eine Karikatur wirken. Doch insgesamt haben die beiden Autorinnen das Vertrauen, das ihnen die Nonnen geschenkt haben, nicht enttäuscht.

Und wer zum Kloster Arenberg googelt, der erfährt, dass die Gemeinschaft sehr wohl die Zeichen der Zeit erkannt und die benediktinische Regel des „Ora et labora“, des „Bete und arbeite“ in die heutige Zeit transformiert hat. So pflegen die Schwestern einen fruchtbaren Kräutergarten, dessen Erzeugnisse sie verkaufen. Sie bieten darüber hinaus auch „Wellnesstage im Kloster“ an. Dazu ist auf dessen Internet-Präsenz zu lesen: „Einmal wieder tief durchatmen und sich entspannen. Zur Ruhe kommen und sich besinnen. Neue Kraft schöpfen. Einfach Da-Sein. In einem Kloster.“ Doch dieser Aspekt kommt in der Reportage nicht vor. Keine Werbung, der Film beschränkt sich auf die zwischenmenschliche Begegnung und die Gebetszeiten, die dem Tag den Takt geben.

Und damit ist der Film dann eher eine Werbung, eine Respekterweisung für das Ordensleben allgemein in heutiger Zeit. Die Schwestern erzählen authentisch von ihrem Leben, durchaus mit Witz und einer gewissen Selbstironie. Und Sara Endepols lässt sich mitnehmen auf diesen Weg zu Gott und wieder zurück zu den Menschen. Alle seien sie Suchende, sagen sie, und keine der Akteurinnen macht den Eindruck, selbst ganz genau zu wissen, was richtig und was falsch ist. Viel ist von Barmherzigkeit und Nächstenliebe die Rede, aber auch von Zweifeln und von Krisen. Wohltuend ist bei den Gesprächen das Fehlen von oft gängigen Floskeln wie auch immer wieder das Ringen um eine Formulierung – dies ebenfalls auf beiden Seiten. Eine Reportage, wie geschaffen für die Karwoche.

25.04.2020 – Martin Thull/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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