Ruth Toma/Hermine Huntgeburth: Ruhe! Hier stirbt Lothar (ARD/WDR)

Herrlich lakonische Tragikomödie

18.02.2021 •

Lothar Kellermann kann es nicht fassen. Gerade eben hat ihm eine Ärztin erklärt, dass er im Prinzip kerngesund ist oder zumindest in absehbarer Zeit nicht sterben wird. Doch der Patient nennt die frohe Nachricht „eine Katastrophe“. Was durchaus plausibel ist. Schließlich hatte man bei ihm zuvor Lymphdrüsenkrebs im Endstadium diagnostiziert und nach dem ersten Schock hatte der alleinstehende Fliesenhändler schon alles penibel geregelt. Seinen Betrieb und sein Eigenheim verkauft, den geliebten Hund Bosco ins Tierheim gebracht und, bis auf ein paar tausend Euro für seine Beerdigung, dem Tierheim auch sein gesamtes Vermögen vermacht. Danach hatte er sich einen Platz im Hospiz besorgt, um dort auf den Tod zu warten.

Und nun das: Die Sache mit dem Krebs war eine Fehldiagnose. Jetzt weiß Lothar zwar, dass er gesund ist, weshalb er das Hospiz nach nur einem kurzen Aufenthalt dort wieder verlassen muss, aber nachdem er seine ganze Habe weggegeben hatte, ist er auch arbeits-, obdach- und mittellos. Da Lothar keine Freunde hat, wendet er sich an seine Tochter Mira, zu der er seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hat und auch nicht haben wollte. Und die Unternehmensberaterin ist vom Auftauchen ihres Vaters alles andere als begeistert. Zumal Lothar sich selbst in dieser Situation keine besondere Mühe gibt, mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Ausgedacht hat sich diese Geschichte über einen Mann um die 50, der mit seinem Dasein abgeschlossen hat und plötzlich weiterleben muss, die Autorin Ruth Toma. Und in den meisten Drehbüchern wäre aus dieser absurden Ausgangslage vermutlich ein Rührstück geworden, in dem der Protagonist nach und nach die Freuden des (Weiter-)Lebens entdeckt hätte. Neue Liebe und Happy End inklusive. Davon hat dieser Film erfreulicherweise gar nichts. Obwohl es die neue Liebe hier durchaus gibt. Sie heißt Rosa, lebt im Hospiz, wo Lothar sie kennenlernt, hat aber im Gegensatz zu ihm keine Überlebenschance. Mehr Tragik geht kaum.

Kennengelernt haben sich die beiden beim Rauchen. Er Zigarette, sie Zigarillo. „Rosa, Brustkrebs im Endstadium“, so hat sie sich vorgestellt. „Lothar, Lymphdrüsenkrebs. Auch im Endstadium“, hat er geantwortet. „Wollen wir Du sagen? Ist ja ohnehin nicht mehr für lange“, hat Rosa dann noch gefragt. Macht man sich so in Hospizen bekannt? Mag sein. Auf jeden Fall ist diese Sequenz Ausdruck des herrlich lakonischen Humors, der den Film durchzieht.

Auch der Titel, der dazu so gar nicht zu passen scheint, ist Teil eines Dialogs. Als Lothar sich im Außenbereich des Hospizes über den Lärm eines Rasenmähers beklagt, ruft Rosa mit der ihr eigenen Ironie in Richtung des Gärtners: „Ruhe! Hier stirbt Lothar.“ Aber dann stirbt Lothar eben doch nicht. Und wie sich der bekennende Misanthrop in ein Leben (zurück)kämpft, das er eigentlich nie hatte, ist von wunderbarer Tragikomik. Dabei bleibt der Mann eine zum Glück widersprüchliche Figur. Möchte man ihn in der einen Szene als armen Tropf bedauern, weist er in der nächsten Menschen, die ihm helfen wollen, brüsk zurück.

Dass die Gratwanderung gelingt, hat viel mit dem klugen Drehbuch und mit den Regie-Einfällen von Hermine Huntgeburth, aber vor allem mit Hauptdarsteller und Ifflandring-Träger Jens Harzer zu tun. Mit dicker Hornbrille, linkisch unsicheren Bewegungen und einem Mienenspiel, das ständig zwischen Melancholie, Trotz, Unnahbarkeit und Selbstmitleid schwankt, macht er aus diesem Fliesenhändler eine ebenso kauzige wie bemerkenswert komplexe Figur. Während Lothar bei körperlichen Berührungen mit Menschen so verkrampft, dass es ihm Schmerzen zu bereiten scheint, tollt er mit seinem Hund, den er „mein Schatz“ nennt und schließlich dessen neuer Besitzerin entwendet, ausgelassen wie ein Kleinkind im Park herum.

Corinna Harfouch als bodenständige, gefestigte, aber eben auch todgeweihte Rosa im Schlabberlook hat in dem Film (Produktion: Hager Moss) den vordergründig eindimensionaleren Part, doch wenn sie durch das minimale Heben einer Augenbraune Lothars Selbstmitleid kommentiert oder verächtlich eine Rauchwolke ausstößt, ist auch das große Kunst. Mit Elisa Plüss (Mira), Merlin Sandmeyer (Miras Freund), Vedat Erincin und Milena Dreißig (beide Angestellte in Lothars Fliesengeschäft) waren auch die Nebenrollen gut besetzt, und dies mit Darstellern, die nicht gerade zum Stammpersonal des deutschen Fernsehfilms gehören.

Durch seine eigentlich absurde Story und vor allem durch seinen lakonischen Humor erinnert der ARD-Film „Ruhe! Hier stirbt Lothar“ (3,87 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,7 Prozent) an Aki Kaurismäkis in Anlehnung an einen Jules-Verne-Roman entstandene meisterliche Tragikomödie „Vertrag mit meinem Killer“ (1990), in der es um einen einsamen Mann geht, der nach dem Verlust seines Jobs beschließt, seinem Leben ein Ende zu machen. Nach mehreren gescheiterten Suizidversuchen beauftragt er einen Killer, ihn in der nächsten Zeit umzubringen. Irgendwann, irgendwo. Ohne Ankündigung. Doch dann verliebt sich der Lebensmüde in eine junge Frau und will den Vertrag mit seinem Mörder stornieren. Doch leider ist der Mann, von dem der Auftraggeber weder Namen noch Adresse hat, nirgendwo zu finden. Irgendwie auch dumm gelaufen.

18.02.2021 – Reinhard Lüke/MK

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