RTL Topnews. 12-teilige Comedy-Showreihe mit Sarah Valentina Winkhaus (RTL)

Kopflos mit fünf Köpfen

06.11.2021 •

Der Privatsender RTL hat in seinem Programm mit „RTL Topnews“ ein neues Late-Night-Format, bei dem Comedians die Ereignisse der jeweils vergangenen Woche kommentieren. Das Konzept kommt einem bekannt vor? Von 1996 bis 2005 gab es sowas Ähnliches schon einmal bei RTL und es war – zumindest in den Anfangsjahren – ein Riesenerfolg für den Kölner Kanal: Wer „7 Tage, 7 Köpfe“ sah, den „Olymp des Witzes“, wie ihn Panel-Gast Stefan Raab einmal (aber natürlich nicht ernst gemeint) bezeichnete, ging freitags gut erheitert ins Wochenende und war nebenbei auf den letzten Stand gebracht über Taliban in Afghanistan bis zu Bohlens „Naddel“.

Den Spagat zwischen News und Comedy übt nun auch die neue Reihe „RTL Topnews“. Allerdings, das vorneweg, kommt die Witzigkeit so oft an ihre Grenzen, dass man von einem gelungenen Remake oder einer zeitgemäßen Neuinterpretation des Genres ‘satirischer Wochenrückblick’ nicht sprechen kann.

Nicht freitags, sondern donnerstags nehmen bei den „RTL Topnews“ fünf Köpfe am V-förmigen Tisch Platz. Den Premiumstuhl am Scheitel des Möbels besetzt Sarah Valentina Winkhaus. Sie hat, so entnimmt man es Presseberichten, das Format „erfunden“. Und anders als einst Rudi Carrell, der Erfinder, Produzent und Stammgast von „7 Tage, 7 Köpfe“, hat sie sich die Rolle der Moderatorin gleich selbst zugeschrieben (bei „7 Tage, 7 Köpfe“ ließ Carrell Jochen Busse den Vortritt). Oder versteht sich Winkhaus, die bislang Sportnachrichten bei Sky und Sport 1 moderierte, eher als Anchorwoman nach Art des amerikanischen Breaking-News-Fernsehens? Das schwarzgerahmte Monstrum auf ihrer Nase soll wohl Ausdruck von (gewollter) Nachrichtenseriosität sein und dient sehr wahrscheinlich weniger als Hilfsmittel für Dioptrinschwäche. Komisches Talent bringt Winkhaus jedenfalls nicht mit – sieht man einmal ab von ihrer Begrüßungsformel „Herzlich willkommen zum wahrhaftigsten Wochenrückblick, seit es Lügenpresse gibt“. Ha ha.

Ist eigentlich auch nicht schlimm, wenn es in dieser Show jemanden gibt, der sich aufs gestrenge Stichwortgeben kapriziert („Till, hast du Lust, uns den Wahlkampf zu analysieren?“). Denn Winkhaus’ Sender will ja laut Ankündigung „Top-Talente“ aus der Comedy-Szene engagiert haben.

Zum (sich teilweise abwechselnden) Tischpersonal der „RTL Topnews“ gehören: Özcan Cosar, Bastian Bielendorfer, Till Reiners und Simon Stäblein. Aber nur eine Comedienne: Ilka Bessin. Ob es an der männlichen Übermacht liegt oder sie grundsätzlich mit Panel-Formaten fremdelt – Bessin, die in der RTL-Marktforschung stets top ankommt (und vielleicht auch deshalb den Job bei den „RTL Topnews“ bekam) findet einfach nicht hinein bzw. auch nach inzwischen sechs ausgestrahlten (und für diese Kritik gesichteten) Folgen nicht hinaus aus ihrem „Ich bin dick und brauche eine Bratwurst, aber schnell“-Witze-Repertoire. Das Comedy-Geschehen dominieren eindeutig die Männer.

Insbesondere Özcan Cosar und Bastian Bielendorfer haben sich als Sparringspartner gefunden – was keine Überraschung ist: Gemeinsam betreiben sie den Podcast „Bratwurst und Baklava“ für das WDR-Jugendradio 1Live. In den „Topnews“ necken sie sich auf Kosten des jeweils anderen, wie es einst auch bei „7 Tage, 7 Köpfe“ Ritual war. Kostprobe? „Dein Scheitel ist so undicht, ich kann dir gerne ein paar Haare spenden, auch von meinem Arsch.“ – „Geil, Alter, dann hätte ich endlich Locken.“ Wir lassen an dieser Stelle mal offen, wer der Haarspender sein will. Exemplarisch steht dieser „Dialog“ jedenfalls für eine niedere Witzeebene (also die im berühmten Bereich unterhalb der Gürtellinie). Dabei haben die „Topnews“, folgt man wieder der Sender-PR, doch Höheres im Sinn.

Die „starken Haltungen und ungefilterten Meinungen“, die RTL versprochen hat, stammen überwiegend vom miteinander verheirateten Powerpaar Thomas Spitzer und Hazel Brugger. Er fungiert (mit Joy Chun und Adrian Draschoff) als Headautor in dieser Brainpool-Produktion, sie spricht die Off-Texte von aus Schlagzeilenbildern zusammengestückelten Einspielern ein, die zum jeweils nächsten Thema der Sendung überleiten.

Zur Bundestagswahl-Nachlese gab Brugger zum Beispiel diese Frage zur Diskussion frei: „Alter Trott oder Stunde Null?“ Ein andermal, mit Blick auf Millionen-Transfers im Fußball, fragte sie: „Ist der Fußball noch zu retten?“ Oder zu den steigenden Energiepreisen: „Ist die Inflation der Beginn einer Krise?“ Starke Fragen! Die Redaktionen von IllnerMaischbergerWillPlasberg könnten sie nicht besser formulieren. Aber die Antworten darauf, tja, da ist auf der Witzeskala der Tischkomiker noch sehr viel Luft nach oben (also die im berühmten Bereich oberhalb der Gürtellinie). Für Ilka Bessin zum Beispiel, die sich überraschend zu Wort meldete, war Inflation „ein echt schwieriges Thema“: Wenn Alkohol teurer werde, meinte sie, „wie saufe ich mir dann meinen Geschlechtspartner schön?“

Da hilft es auch nichts, wenn Sarah Valentina Winkhaus beim Niveau-Limbo nicht aktiv mitmacht und stets auf den ernsthaften Pfad zurückführen will. Auf ihr Kommando „Habt ihr euch eigentlich schon die ‘Pandora-Papers’ durchgelesen?“ folgen ja dann doch meist, puh, Pimmelwitze. Auch das ist nicht schlimm, wenn es bloß nicht diesen Anspruch („Haltung!“) gäbe.

Aber halt! Haltung, von der ja in jüngster Zeit so viel die Rede ist, blitzte in der Tat einmal sehr offensichtlich auf, in der Auftaktsendung der „RTL Topnews“: Auf ein Zitat der AfD-Politikerin Beatrix von Storch hin („Ich glaube an Gott, nicht an den Klimawandel“) reckte Basti Bielendorfer die Hände in die Höhe und ein leibhaftiger Gospelchor spazierte ins Studio hinein. Die Message: Gott glaubt nicht an Beatrix von Storch. Amen!

Mit solchen Einfällen, die über eine reine Komiker-witzeln-am-Tisch-Produktion hinausgehen, versuchen die „RTL Topnews“ zu punkten und schaffen es auch. So wird Hazel Brugger anlässlich der James-Bond-Filmpremiere sogar nach London ausgeflogen für eine Straßenumfrage, die ohne Weiteres auch in der ZDF-„Heute-Show“, für die Brugger ebenso arbeitet, hätte laufen können. In einer anderen Sendung durfte Friedrich Liechtenstein, der Doyen des Irrsinns, vor einer realen Villenkulisse über bedingungsloses Grundeinkommen sinnieren und dabei seine frisch lackierten goldenen Fingernägel zeigen. Im Studio selbst ergreift Till Reiners wiederholt die Chance zum Solo-Auftritt, um etwa den Bundestagswahlkampf anhand einer Fußballtafel zu analysieren.

Und dann hat noch der Sat-1-bekannte Komiker Faisal Kawusi eine eigene feste Rubrik in den „RTL Topnews“. Was ist „Greenwashing“, was bedeuten „sheesh“ und „cringe“? Solche Begriffe soll er erklären, als wäre er das lebende Gegenstück zur Online-Bibliothek Wikipedia. Lebendig wird es tatsächlich. Denn Kawusi redet sich, warum auch immer, in Nullkommanix so sehr in Rage, dass er im blitzweißen Set, das aus dem Psycho-Klassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“ stammen könnte, jedes Mal PC, Tastatur und Schreibtisch kurz und klein schlägt. Gäbe es nicht schon seit Jahr und Tag in der ZDF-„Heute-Show“ den Berserker Gernot Hassknecht (der es allerdings beim verbalen Ausrasten belässt), könnte man Kawusis Performance, nun ja, originell finden. Aber lustig? Gar nicht. Ab zum Anti-Aggressionstraining!

Aber noch mal kurz zurück ins Studio der „RTL Topnews“. Man hört von dort Publikum lachen, live, nicht aus der Konserve. Die Tischkomiker suchen offensichtlich die Interaktion. Immer wieder wandert ihr Blick dorthin, um Reaktion bettelnd. Aus welchem Grund auch immer verzichtet die Bildregie stoisch auf den Schnitt ins Publikum, mit wenigen Ausnahmen: Passend zum Thema Anuga-Messe (im Oktober in Köln) und Lebensmitteltrends wurden, nein, nicht Bratwürste (die gab’s zur Premiere exklusiv nur für Ilka Bessin), sondern vegetarische Fleischbällchen serviert.

Wenn aber der optische Beweis fürs Amüsement fehlt, wie soll man dann daheim in Stimmung kommen, innerlich applaudieren? Sorry, RTL, Köpfe hin oder her, da ist noch einiges recht kopflos geraten.

06.11.2021 – Senta Krasser/MK

Spagat zwischen News und Comedy: Das gelingt in dieser neuen Sendereihe nicht wirklich

Foto: Screenshot


Print-Ausgabe 23-24/2021

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