RTL direkt. Nachrichtensendung (RTL)

Krudes Sammelsurium

31.08.2021 •

Eigentlich hatte man damit gerechnet, dass Peter Kloeppel am 16. August zum Ende von „RTL aktuell“ (18.45 bis 19.05 Uhr) noch ein Schaltgespräch mit Jan Hofer führen würde, um diesen zum neuesten Stand der Dinge bei „RTL direkt“ zu befragen. Jenem Nachrichtenformat, das am späteren Abend dieses Montags an den Start gehen würde. Letztlich beließ es Kloeppel jedoch bei der Ermahnung an die Zuschauer, dass man diese neue RTL-Sendung auf keinen Fall verpassen sollte. Schließlich hatte der Sender in den vergangenen Monaten auch derart eifrig die Werbetrommel für das neue Produkt gerührt, dass man eigentlich nicht weniger als die Neuerfindung des Nachrichten-Fernsehens erwarten durfte.

Als Jan Hofer im Dezember vorigen Jahres nach fast 36 Jahren als „Tagesschau“-Sprecher seinen Abschied nahm, durfte man eigentlich davon ausgehen, dass er mit 71 Jahren künftig seinen Ruhestand genießen wollte. Anfang 2021 war der rüstige Rentner dann plötzlich in diversen RTL-Magazinen zu Gast und im März verkündete der Sender, Hofer werde im August ein völlig neues News-Format im Abendprogramm übernehmen. Damit nicht genug, war er auch noch Teilnehmer der neuen Staffel der RTL-Bewegungsshow „Let’s Dance“. Den Tanzkurs hat Hofer tapfer durchgestanden, doch nun sollte es endlich mit „RTL direkt“ losgehen. Den Titel muss man nicht sonderlich originell finden. Scheint er doch arg dem ZDF-Dauerläufer „Berlin direkt“ entlehnt, der bereits 1987, damals noch als „Bonn direkt“, auf Sendung ging.

Am Tag der Premiere spielte das Weltgeschehen Jan Hofer und der Redaktion nicht unbedingt in die Karten. Sämtliche Nachrichten drehten sich bereits seit dem Vortag um die dramatischen Ereignisse in Afghanistan und insbesondere am Flughafen der Hauptstadt Kabul. So konnte man auch bei RTL dieses Thema schlecht komplett umgehen. Dabei hatte man doch eigentlich Annalena Baerbock eingeladen, um mit ihr über den Bundestagswahlkampf und andere Themen zu sprechen.

Nun stand die Kanzlerkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen am Stehpult neben Jan Hofer und sollte nach einem Einspieler, der die jüngsten Ereignisse in Kabul kurz zusammenfasste, zu den Versäumnissen der deutschen Politik in Afghanistan Stellung nehmen. Was ihr nicht sonderlich Mühe bereitete. Schließlich ist ihre Partei nicht in der Regierungsverantwortung. Auf die Frage, wie sie sich in der aktuellen Situation als Bundeskanzlerin verhalten würde, kam die erwartbare Antwort, dass man nun alles dafür tun müsse, um so viele gefährdete Menschen aus dem von den Taliban eroberten Land rauszuholen wie möglich. Damit war Afghanistan durch.

Nach einem News-Block sah man das Duo dann sitzend und nachdem Baerbock ein paar Pannen während ihres Wahlkampfs eingeräumt hatte, sollte es um Ökologie gehen. Wozu die Redaktion einen Einspieler produziert hatte, in dem eine vierköpfige Familie zum Einkaufen ging. Einmal konventionell, einmal bio. Und siehe da: Bio war teurer. Was da genau wo gekauft worden war, blieb unerwähnt. Solche belanglosen Filmchen gibt’s nicht nur in Magazinen der Privatsender, sondern regelmäßig auch in Verbrauchersendungen von ARD und ZDF. Nun sollte Annalena Baerbock erklären, wie sie denn einkommensschwächeren Bürgern das gesunde Leben ermöglichen wolle. Antwort: Mindestlöhne erhöhen und Bio-Produkte auch bei Discountern in die Regale (wo sie ja längst sind.) Nachfragen von Jan Hofer: keine. Schließlich musste ja noch ein weiteres Element von „RTL direkt“ abgearbeitet werden. Im Sinne von ‘Bürger fragen, Politiker antworten’, zeigte man dem Gast nun Fotos von vier Personen, die angeblich höchst brisante Frage an die Kanzlerkandidatin hatten. Von den Gesichtern sollte Baerbock zwei auswählen. Die erste Wahl fiel auf eine jüngere Frau, die per Videoschnipsel wissen wollte, was die Grünen denn zur Stärkung des Mittelstands zu tun gedächten. Auch diese Frage konnte die Parteichefin der Grünen nicht sonderlich in Verlegenheit bringen.

Am Ende machten Jan Hofer und Annalena Baerbock einen vorwiegend erleichterten Eindruck. Sie, weil ihre bisweilen zuckenden Gesichtszüge verrieten, dass ihre zur Schau gestellte Lockerheit eine arg angestrengte war. Er, weil es endlich vorbei war. Denn trotz aller Kamera-Erfahrung hatte Jan Hofer überaus nervös gewirkt und sich immer an seine Kärtchen mit den vorformulierten Fragen geklammert. So etwas wie ein Gespräch war da nie wirklich zustande gekommen.

Aber so ganz war ja noch immer nicht Schluss mit der Sendung. Denn es folgte noch ein Einspieler mit dem Comedian Abdelkarim, der den aktuellen Bundestagswahlkampf gänzlich unkomisch als Kampf der Gladiatoren zu persiflieren versuchte. Man wolle die Zuschauer auch künftig jeden Abend mit einem Lächeln aus der Sendung entlassen, hatte Hofer zuvor erklärt. Welch seltsames Ansinnen für ein Nachrichtenformat. Oder sollte man ernsthaft glauben, Fans der ZDF-„Heute-Show“ würden für diese 90 oder 120 Sekunden nun Stammgäste bei „RTL direkt“?

Tags darauf zollte man dem Thema Afghanistan gänzlich Tribut und präsentierte mit der Frauenrechtlerin Tahora Husaini und dem Migrationsforscher Gerald Knaus gleich zwei Gesprächspartner dazu. Die Sendung war offenbar mit heißer Nadel gestrickt, was ihr aber keineswegs schadete. Ohne belanglose Einspieler oder die pseudo-basisdemokratische Bürgerfragerunde per Minivideo ging es in der zweiten Ausgabe von „RTL direkt“ vergleichsweise informativ zur Sache. Am Mittwoch folgte dann eine Themenmixtur aus Afghanistan und der Misere an deutschen Schulen in Zeiten von Corona, bis schließlich der Donnerstag ganz im Zeichen der Pandemie stand. Und da waren sie dann auch endlich wieder, die Videoschnipsel mit Bürgerfragen.

Unter dem Strich präsentierte sich „RTL direkt“ während der ersten Sendewoche als ein krudes Sammelsurium, vor dem die Macher der zeitgleich ausgestrahlten (halbstündigen) ARD-„Tagesthemen“ gewiss nicht zittern müssen. Die ohnehin knappen 20 Minuten der RTL-Sendung werden von so vielen einzelnen Elementen zerstückelt, dass da intensive Gespräche oder Interviews kaum zu führen sind. Ob der langjährige Nachrichtensprecher Jan Hofer die führen kann bzw. könnte, wird sich auch erst noch erweisen müssen. Seine früheren Erfahrungen als Komoderator des MDR-Plauderkränzchen „Riverboat“ dürften da keine große Hilfe sein. Diesbezüglich ist seine alte und neue Kollegin Pinar Atalay, die sich demnächst mit Hofer abwechseln soll, als ehemalige Moderatorin der „Tagesthemen“ sicherlich im Vorteil.

Zu den Kuriositäten von „RTL direkt“ gehört auch, dass es die Macher nicht für nötig befanden, dem Format eine eigene Homepage einzurichten. Wer sich vorab über Themen und Gäste der jeweiligen Sendung informieren wollte, klickte sich vergeblich durch das bunte RTL-Angebot. Was immer an dem neuen Format noch optimiert werden mag, das größte Manko bleibt der Sendeplatz. Nicht wegen der Konkurrenz auf anderen Kanälen, sondern hinsichtlich des eigenen RTL-Vorlaufs, der in Sachen Audience-Flow ein schlechter Witz ist. Im unmittelbaren Anschluss an trashige Dating-Formate wie „Bauer sucht Frau“, „Schwiegertochter gesucht“ und „Die Bachelorette“ wäre jede Nachrichtensendung nahezu chancenlos. Sollte man womöglich Jan Hofer seinerzeit zur Teilnahme an „Let’s Dance“ überredet haben, damit RTL-Stammzuschauer vor dem Start von „RTL direkt“ das Gesicht des ARD-Mannes schon mal gesehen und seinen Namen gehört hatten?

PS: Als Jan Hofer am 14. Dezember 2020 seine letzte „Tagesschau“ moderierte, entledigte er sich am Ende der Sendung vor laufender Kamera seiner Krawatte (vgl. MK-Beitrag). Bei „RTL direkt“ moderierte er bisher krawattenlos und mit geöffneten Hemdkragen. So lässig und taff, wie diese Äußerlichkeit wirken soll, war seine Moderation in der ersten Sendewoche noch nicht.

31.08.2021 – Reinhard Lüke/MK

` `