Rosa Hannah Ziegler: Familienleben (NDR Fernsehen)

In Sachsen-Anhalt am Ende der Welt

20.12.2018 •

Der Fernseher läuft immer, meistens tonlos. Auf dem Tisch stehen stets Utensilien zum Zigarettendrehen, oft auch eine 1,5-Liter-Flasche Cola. Meistens sind mehr Hunde im Raum als Menschen. Diese Bilder aus dem Wohnzimmer eines Resthofs im ländlichen Sachsen-Anhalt sind ein wiederkehrendes Element in Rosa Hannah Zieglers 95-minütigem Dokumentarfilm „Familienleben“, sie werden sich wohl jedem Zuschauer für längere Zeit einprägen. Auf dem Resthof leben Alfred und Biggi, die vier Jahre lang ein Paar waren und nun immer noch unter einem Dach wohnen – aus finanzieller Not. Zwei Töchter Biggis und sehr viele Tiere leben ebenfalls dort.

Alfred und Biggi schreien sich oft an. Und wenn ihn die „verdammte Lüchnerin“, wie er sie gleich zu Beginn nennt, in Rage gebracht hat, geht er „in die Halle rein“. Die „Halle“ diente früher wohl als Stall, heute wirkt das Gebäude wie eine Ruine und liegt voller Gerümpel. Alfred lebt in dieser archaischen Umgebung beim Holzhacken und Kaputthauen anderer Dinge seine Aggressionen aus. Später im Film wird deutlich, dass er sich nicht nur auf diese Weise abreagiert. „Ich hau’ nun mal keine Frau, aber sie ist keine Frau, sie will behandelt werden wie ein Mann“, sagt er über seine Ex-Partnerin. Deshalb müsse sie auch „einstecken“ können „wie ein Mann“. Es ließen sich über das Verhältnis zwischen Biggi aber „auch gute Sachen“ sagen: „Wenn sie nichts mehr zu rauchen hat, helfe ich ihr aus, auch umgekehrt.“

Biggi hat eine Zeitlang wegen Ladendiebstahls im Gefängnis gesessen und wurde von der Familie ihrer leiblichen Mutter verstoßen. Und Alfred „kennt sich mit der ganzen Drogenscheiße aus“, wie er eines Abends im Wohnzimmer preisgibt, als mal wieder der Fernseher tonlos läuft. Die Probleme, die die beiden Erwachsenen in jüngeren Jahren hatten, drohen nun in ähnlicher Form auf die nächste Generation überzugreifen, die zwei Töchter von Biggi. Denise, 17, leidet unter Angstzuständen, geht nicht zur Schule, Saskia, 14, hat bereits phasenweise im Heim gelebt. Zunächst ist die ältere von beiden mit einem Jungen aus dem Dorf zusammen, der Drogenprobleme hat, dann verliebt sich die Jüngere in ihn.

Dieser Plot-Twist, wie man bei einem fiktionalen Film sagen würde, zeigt auch, wie isoliert die vier Menschen leben, deren Alltag Rosa Hannah Ziegler ein Jahr lang verfolgt hat. Entsprechend reduziert ist das Setting. Es gibt fast keine Bilder von außerhalb des Hofs. Einmal sieht man Saskia rauchend eine Straße im Dorf entlanggehen und einmal rauchend an einer Haltestelle.

Die Filmemacherin gibt allen vier Personen Raum, ihre Sicht der Dinge darzustellen, und ihr gelingt es auch, beim Zuschauer Empathie für Alfred zu wecken, obwohl der Biggi, wie diese ihrer älteren Tochter erzählt, einmal bewusstlos geprügelt hat („Ich weiß nicht, wie oft er zugeschlagen hat“). Wenn Ziegler zeigt, wie Alfred auf seinem Computer „Love Hurts“ von Nazareth oder „Words don’t come easy“ von F.R. David hört und dabei mitsingt oder mit dem Kopf wippt, bringt sie damit auf sehr beeindruckende Weise seine existenzielle Verlorenheit zum Ausdruck. Diese Bilder gehören zu den emotionalsten in dem Film (Produktion: Wendländische Filmkooperative), der zu später Stunde, ab Mitternacht, vom Dritten Programm NDR Fernsehen ausgestrahlt wurde.

Rosa Hannah Ziegler porträtiert in ihrem ersten Langfilm Menschen, die – so platt das klingen mag – am Ende der Welt leben, geografisch, sozial, kulturell. Jedenfalls leben sie viel weiter am Rand der Gesellschaft als jene, die heute gern mit dem Modeadjektiv „abgehängt“ belegt werden. Ziegler beweist dabei ein außerordentliches Gespür für die Lebenswelt und die Geschichte ihrer Protagonisten: Sie zeigt sie mit all ihren Schwächen und Problemen, ohne sie dabei bloßzustellen noch unverzeihliche Dinge, die sie tun oder getan haben, in einem milden Licht erscheinen zu lassen.

Ziegler hat zudem die Gabe, Menschen dazu zu bringen, vor der Kamera sehr persönliche Dinge auszusprechen, Dinge, die sie sonst vermutlich noch nie formuliert haben. Das zeichnete auch ihre 2018 mit dem Grimme-Preis prämierte Dokumentation „Du warst mein Leben“ aus, die in der letztjährigen Staffel der 3sat-Reihe „Ab 18“ zu sehen war (vgl. MK-Kritik).

„Familienleben“ ist ein intimer, von langen Einstellungen geprägter Film (Bildgestaltung: Matteo Cocco), der oft Beklemmungen auslöst. Zumindest der „Epilog“ dieses Dokumentarfilms, der auf der diesjährigen Berlinale Premiere hatte und danach auf weiteren Festivals zu sehen war, weckt aber eine leise Hoffnung: Ziegler berichtet hier kurz, dass Biggi und ihre beiden Töchter nach langem Suchen eine neue Bleibe gefunden haben.

20.12.2018 – René Martens/MK