Rosa Hannah Ziegler: Du warst mein Leben / Lin Sternal: Ewas Brief. Jeweils Reihe „Ab 18!“ (3sat)

Formal kompromisslose Filme

24.11.2017 •

24.11.2017 • Bereits zum fünften Mal zeigte 3sat jetzt in der Reihe „Ab 18!“ Erstausstrahlungen von Autorendokumentarfilmen, die Geschichten aus dem Leben junger Erwachsener bzw. vom Erwachsenwerden erzählen. Die in diesem Jahr zu sehende Staffel umfasste sechs Filme, die 3sat jeweils in zwei Dreierblöcken am 6. und 7. November ausstrahlte.

In „Du warst mein Leben“, am Auftakttag der aktuellen Staffel als zweiter Film zu sehen, trifft eine ehemals heroinsüchtige Mutter, die ihre Kinder einst massiv vernachlässigt hat, ihre Tochter wieder. Nachdem der Kontakt lange abgebrochen war, fahren sie gemeinsam in den Urlaub. Schauplatz des 45-minütigen Films ist ein Appartement in einer Ferienwohnungsanlage irgendwo am Meer.

Yasmin, die Tochter, ist Anfang 20. Einen Teil von Yasmins Geschichte hat Regisseurin Rosa Hannah Ziegler bereits in dem Kurzfilm „A Girl’s Day“ (2014) erzählt. Das Alter der Mutter Eleonore ist schwer zu schätzen, sie ist vom Leben stark gezeichnet, ihre Stimme klingt angegriffen. Eleonore hat Erinnerungslücken, und sie erträgt es oft nicht, wenn Yasmin von Vorfällen erzählt, die sie, die Mutter, vergessen hat. „Ist das jetzt deine kalte Abrechnung?“, fragt sie an einer Stelle, und kurz darauf geht sie zum ersten Mal in dem Film „aus der Situation raus“, wie sie selbst es formuliert. Eleonore verlässt den Balkon der Ferienwohnung, wo das Gespräch bis dahin stattgefunden hat. Die Kamera bleibt nun erst einmal in einer langen Einstellung nur auf Yasmin, wie sie schweigend mit einem kleinen Plastikelefanten Klappergeräusche macht.

Es ist ein stockendes Gespräch, geprägt von gegenseitigen Vorwürfen. Der Dialog ist für beide schmerzhaft – und aus anderen Gründen manchmal auch für den Zuschauer. Das gilt etwa für die eindringlichste Passage dieses puristischen Kammerspiels: Eleonore erzählt ihrer Tochter – offenbar zum ersten Mal detailliert –, wie sie, Eleonore, als Kind über Jahre permanent von ihrem Vater missbraucht wurde. Nach den schrecklichen Dingen, die ihre Mutter und sie selbst während ihrer Kindheit erlebt haben, habe sie sich entschieden, keine Kinder in die Welt zu setzen, sagt Yasmin später. Eine Prognose, wie sich das Verhältnis von Mutter und Tochter entwickeln wird, ist kaum möglich.

Parallel zu „Du warst mein Leben“ (Produktion: Wendländische Filmkooperative; Redaktion: Daniel Schlösser, 3sat/ZDF) entstand eine 55-minütige Radiofeature-Version des Stoffs, die am 4. November um 18.05 Uhr unter dem Titel „Was sagt mir Eleonore?“ im Programm Deutschlandfunk Kultur innerhalb der Reihe „18 plus!“ erstausgestrahlt wurde. Während im Film der Zuschauer in das Gesprächsgeschehen hineingezogen wird, ohne dass er vorher Informationen über die beiden Protagonistinnen bekommt, steigt das Radiofeature mit zwei längeren O-Tönen der beiden Frauen ein, die zumindest einen kurzen Eindruck in deren Lebensgeschichte liefern.

Nach „Du warst mein Leben“ zeigte 3sat Lin Sternals halbstündigen Dokumentarfilm „Ewas Brief“. Die Regisseurin war 2016 mit ihrem ersten Dokumentarfilm, „Eismädchen“, für einen Grimme-Preis nominiert. Den Film über zwei junge Eiskunstläuferinnen und deren Mutter hatte das Dritte Programm SWR Fernsehen im Rahmen seiner Reihe „Junger Dokumentarfilm“ ausgestrahlt.

In Lin Sternals aktuellem Film richtet sich der titelgebende Brief an eine Freundin namens Paula, der die Schreiberin Ewa erklärt, warum sie vor einigen Jahren, ohne sich zu verabschieden, ihr polnisches Heimatdorf Richtung Berlin verlassen hat. Ewa erzählt vom Verschweigen einer ungewollten Schwangerschaft und vom Verschweigen einer medizinisch unbetreuten Abtreibung. Schließlich, berichtet sie der Freundin, habe sie sich ihrer Mutter anvertraut, doch das sei im Nachhinein ein Fehler gewesen, denn die Mutter habe bloß gesagt: „Wie konntest du uns das nur antun!“

Der Brief, das zentrale Element des Films (Produktion: Thurnfilm; Redaktion: Nicole Baum, 3sat/ZDF), wird von einer anderen Frau vorgelesen. Die Briefschreiberin möchte auf keinen Fall erkannt werden. Die Abtreibungsregelungen in Polen sind außergewöhnlich strikt und die gesellschaftliche Ächtung für Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, ist in manchen Milieus und Regionen stark.

Ausschnitte aus dem Brief kombiniert Lin Sternal mit Impressionen aus dem Dorf, das Ewa verlassen hat: Zu sehen sind verschneite Wege, urige Holzhäuser, viel Wald. Es sind teilweise poetische Bilder, die deutlich machen, dass zwischen Idylle und Tristesse ein schmaler Grat liegt. Als Kontrast dazu dient eine „belebte auditive Ebene“, wie Regisseurin Sternal, die an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert hat, es formuliert. Sie blendet einen Radiobericht ein, in dem polnische Abtreibungsgegner zu Wort kommen, und bei Demonstrationen aufgezeichnete Slogans von Frauenrechtlerinnen.

Die Einschränkungen und Schwierigkeiten, mit denen sich Sternal bei den Dreharbeiten konfrontiert sah – die Hauptperson darf weder zu sehen noch zu hören sein –, nutzt sie produktiv, es entsteht eine ungewöhnliche künstlerische Erzählform. Wie so oft bei Filmen der Reihe „Ab 18!“ fällt auch bei „Du warst mein Leben“ und „Ewas Brief“ positiv auf, dass die Redaktion den Autorinnen und Autoren formal kompromisslose Filme ermöglicht. Warum das im Fernsehen sonst so selten möglich ist, ist eine andere Frage.

24.11.2017 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 24/2020

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