Ronny Schalk/Christian Limmer/Hannu Salonen: Oktoberfest 1900. 6‑teilige Serie (ARD/BR/MDR/WDR)

Bierselig und unbarmherzig

26.09.2020 •

Irgendwann in der vierten Folge der sechsteiligen Serie „Oktoberfest 1900“, die im Ersten Programm der ARD an drei September-Abenden ausgestrahlt wurde, ist dem Besitzer des größten Bierzelts auf der Münchner Theresienwiese die Stimmung in seinem riesigen Saal zu lahm, was sichtbar den Konsum hemmt. Also reißt Curt Prank, der seinen Trinktempel „Bierburg“ genannt hat, dem Dirigenten seiner Kapelle den Taktstock aus der Hand und animiert die Musiker, das Lied „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ mit mehr Schwung und doppeltem Tempo zu spielen. Das hebt sofort die Stimmung, damit den Bierabsatz und also auch Umsatz und Gewinn.

Die Szene, die für die verwickelte Handlung der Serie unwichtig ist, könnte aber repräsentativ für ihre Stoffentwicklung und Produktion stehen. Denn während der insgesamt 285 Minuten hatte man permanent das Gefühl, dass die Auftraggeber (BR, MDR, WDR und Degeto) beim Produzenten (Zeitsprung Pictures) wie der Bierzeltbesitzer auf das Tempo in diesem Fall der filmischen Erzählung drückten und so für eine Häufung vor allem von Gewaltszenen aller Art sorgten. Momente der Ruhe und des Innenhaltens, die Fernsehhierarchen mittlerweile als Umschaltpunkte der Zuschauer ausgemacht haben, gab es in dieser Serie so gut wie nie.

Stattdessen wurden Mord und Totschlag in möglichst vielen Varianten nahezu zelebriert. Und fast alle Figuren trugen bald Stigmata der Gewalt, die gegen sie ausgeübt wurde oder die sie selbst ausgeübt hatten, im Gesicht. Und das Blut spritzte fast so häufig wie das Bier nach dem Anstich eines Fasses. Die internationale Fassung des Sechsteilers, die ab dem 1. Oktober bei Netflix zu sehen sein wird, trägt denn auch den Untertitel „Beer and Blood“.

Nun ist es selbstverständlich ein Irrtum, zu glauben, dass die Modernisierung des Oktoberfestes, die um das Jahr 1900 geschah, gleichsam gewaltfrei geschah: Die Verdrängung vieler kleiner Brauereien zugunsten einiger weniger mächtiger, die sich zudem zu einem Kartell zusammenschlossen, das Errichten von Großzelten, die bis zu 6000 Menschen Platz boten und die Bierbuden ablösten, die seit Gründung des Oktoberfestes im Jahr 1810 den Platz bestimmt hatten, das Vordringen von mechanischen Spielstätten wie den Karussells und anderer Fahrgeschäfte, aber auch das Aufkommen des Cinematographen und die Präsentation fremder Kulturen in „Völkerschauen“, in denen Menschen aus den Kolonialgebieten der europäischen Staaten in einer Art von Zoo ausgestellt wurden – all das kostete Geld und bedeutete für die Betreiber somit ein großes Risiko.

Folgerichtig versuchte man – wie es die Serie erzählt – durch Preisabsprachen, durch Ausstechen von Konkurrenten, durch Bestechung der Kontrolleure und Politiker, durch Ausbeutung von Frauen und Kindern die Kosten zu reduzieren und das Risiko zu minimieren. Doch diese im Kapitalismus gleichsam als System angelegte Gewalt wurde in der Fernsehproduktion auf mehrfache Weise mystifiziert und überhöht. Der umtriebige Unternehmer Curt Prank beispielsweise, den Mišel Matičević mit enormer Körperwucht darstellt, geht bei der Verwirklichung seiner Idee, das erste Großzelt auf dem Oktoberfest zu errichten, wortwörtlich über Leichen. Doch sein innerstes Motiv ist nicht die Geschäftsidee, sondern eine traumatische Kindheitserfahrung. Sein Vater wurde, als er aus Berlin kommend sein Bier in München vorstellte, von wütenden Konkurrenten erschlagen. Ihnen will es Prank nun heimzahlen. Koste es, was es wolle.

Doch die Gewalt, die er selbst zuerst gegen die Brauereifamilie Hoflinger lostritt, richtet sich bald auch gegen ihn selbst. Seine Opfer nehmen Rache und so setzt sich die Gewalt fort. Bis auf die Kinder gibt es in dieser Serie keinen, der unschuldig wäre. Selbst die Kellnerin Colina Kandl (Brigitte Hobmeier), die einen Streik der Wies’n-Kellnerinnen anzettelt, damit diese neben dem Trinkgeld auch ein festes Gehalt bekommen, wird am Ende ihren gewalttätigen Ehemann, der sie schlägt und vergewaltigt, töten. Sie macht das zusammen mit ihrer Freundin Clara (Mercedes Müller). Diese Clara ist die Tochter von Curt Prank, die sich ihrerseits in Roman (Klaus Steinbacher), einen Sohn der Hoflinger-Familie, verliebt. Ihre Romeo-und-Julia-Geschichte löst die nächste Gewaltwelle aus, denn vor allem Mutter Maria Hoflinger (Martina Gedeck) nimmt ihrem Sohn diese Liaison übel, was sie damit bezahlt, dass dieser sie entmündigen lässt.

All das erzählt die Serie – wie erwähnt – temporeich und mit vielen Hinweisen auf die Zeitgeschichte Münchens gespickt, so dass man durchaus angeregt zuschaut. Die Kehrseite des bierseligen Amüsierbetriebs auf dem Oktoberfest mit all dem Abfall und dem Dreck, den die meist betrunkenen Besucher hinterlassen, wird naturalistisch dargestellt. Die Kamera von Felix Cramer fährt die dunklen Seiten dieses Ortes, an dem die Bürger für eine gewisse Zeit dank des Alkohols aus sich herausgehen, unbarmherzig ab. Und die Regie von Hannu Salonen zeigt immer wieder Momente, in denen in einem dokumentarischen Duktus die Arbeit zu sehen ist, die erst das Bier und dann diesen Freizeitzirkus hervorbringt (Headautoren: Ronny Schalk und Christian Limmer).

Auch die Besetzung der handelnden Personen ist weitgehend gut gelungen, wiewohl man einigen der Schauspieler die bayerisch gefärbte Sprache nicht so ganz abnimmt. Aber vor allem Mišel Matičević und Martina Gedeck, die in einer Todfeindschaft fixiert sind, werden von Hannu Salonen auf eine Parforcetour der Emotionen geschickt, die sie mit Bravour bestehen. Hinzu kommt manche überraschende Besetzung wie die des Polizeiinspektors mit Eisi Gulp, die durchaus überzeugt. Nur Martin Feifel nimmt man die Rolle des finsteren Auftragsmörders Glogauer nicht ab, auch wenn ihm die Sonnenbrille, die er meistens trägt, gut zu Gesicht steht. Zu loben ist auch der Titelsong („Wos übrig bleibt“ von der oberbayerischen Band Dreiviertelblut) wie überhaupt der Soundtrack, der mit mancher Besonderheit aufwartet, etwa wenn zu Szenen auf dem Oktoberfest Leonard Cohen ertönt!

Weniger überraschend dann schon die Anklänge an Wagner-Opern. Denn das Oktoberfest ist für die populäre Kultur das, was für die höhere Kultur die Wagner-Festspiele in Bayreuth sind. Und der Hass der Bierbrauer aufeinander kann es mit dem von Siegfried und Gunther im „Ring des Nibelungen“ durchaus aufnehmen. Das gehört schon zu den zahlreichen Überhöhungen der im Grunde einfachen Konkurrenzgeschichte, die hier erzählt wird. Die Serie soll nach mehr aussehen, als sie ist. So wird die lineare Erzählung immer wieder durch Rückblenden unterbrochen, welche die Haltungen und Aktionen der Figuren psychologisch begründen oder ins Archaische übertreiben.

Besonders penetrant geschieht dies mit einer kleinen Gruppe von Samoanern, die hier in einer jener „Völkerschauen“ auf dem Oktoberfest des Jahres 1900 ausgestellt werden und die in der Serie auch eine ähnliche Funktion als Schreckensgestalten wahrnehmen müssen, ohne dass sie nur einen Hauch von Individualität, ja selbst Kommunikationsfähigkeit zeigen können. Von ihnen stammt denn auch der Hinweis, dass jeder Mensch gleichsam einen Fetisch besäße, der die Wahrheit über ihn verrate. Ein Satz, der selbstverständlich Quatsch ist, aber eben genau die Psychologisierung der Serienfiguren selbst auf den Punkt bringt.

Es sind diese Versatzstücke aus den Baukästen der Filmdramaturgen, die einen von Folge zu Folge mehr gegen die Serie eingenommen haben. Sie hatte man so oder leicht anders in schon vielen anderen Fernsehfilmen und -serien gesehen. Hier führten sie zu Überdeutlichkeiten und zu einem Übermaß an psychologischer Erklärung, die vielleicht von der veristisch zu nennenden Lust an der Gewaltdarstellung ablenken sollen. Das zeigte sich selbst noch in der letzten Szene der letzten Folge, die fast idyllisch anhob, als Roman Hoflinger und Clara Prank in der Kirche heiraten. Doch kaum haben sie sich das Ja-Wort gegeben, taucht aus dem Dunkel des Kirchenschiffs Claras Vater auf, neben sich den Hund, der einst beim Mord an Romans Vater dabei war – ein Mord, den Curt Prank in Auftrag gegeben hatte. Eine dramatische Kamerafahrt signalisiert, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende ist. Der Hass geht weiter.

So wie die Szene aus der vierten Folge, in der Prank im Bierzelt das Dirigat übernimmt und das Tempo der Musik erhöht, für die Auftraggeber der Serie steht, die von den Produzenten mehr Action einfordern, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht zu verlieren, kann man die Schluss-Szene der sechsten Folge als Wunsch und Verheißung der Produzenten verstehen, die Serie möge prolongiert werden. Das Fernsehen ist ja die Fortsetzung des Jahrmarkts, als den man das Oktoberfest auch begreifen muss, mit anderen Mitteln.

26.09.2020 – Dietrich Leder/MK


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• Die Einschaltquoten von Oktoberfest 1900 (ARD) 

Di 15.9.20 – 20.15 bis 21.50 Uhr

Folgen 1 und 2: 4,45 Mio Zuschauer, Marktanteil: 15,5 Prozent

Mi 16.9.20 – 20.15 bis 21.50 Uhr

Folgen 3 und 4: 3,52 Mio Zuschauer, Marktanteil: 12,0 Prozent

Mi 23.9.20 – 20.15 bis 21.50 Uhr

Folgen 5 und 6: 3,45 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,9 Prozent

• Das Erste zeigte an den drei Sendetagen jeweils zwei Folgen (je 47 bis 48 Minuten) der insgesamt sechsteiligen Serie hintereinander. Die einzelnen Folgen hatten diese Sendetitel: 1) Die Vision, 2) Die Zeichen der Zeit, 3) Liebe und Kapital, 4) Anstich, 5) Aufbruch in ein neues Jahrhundert, 6) Das jüngste Gericht.

Die Drehbuchautoren waren Ronny Schalk und Christian Limmer als Headautoren sowie außerdem Stefan Betz, Christian Lex, Michael Proehl und Nikolaus Schulz-Dornburg (nach einem Konzept von Alexis von Wittgenstein). Produziert wurde „Oktoberfest 1900“ von Zeitsprung Pictures (federführend) zusammen mit Violet Pictures und Maya Production. Die Serie ist in der ARD-Mediathek weiterhin abrufbar. 

Im Anschluss an die ersten beiden Folgen von Oktoberfest 1900 am 15. September zeigte das Erste von 21.50 bis 22.20 Uhr die Dokumentation München 1900 – Von Bierbaronen und Künstlerfürsten (2,74 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,3 Prozent). Als Presenterin führte Brigitte Hobmeier, eine der Hauptdarstellerinnen der Serie, durch die als eine kleine Münchner Kulturtour angelegte Dokumentation und das machte die aus München stammende Schauspielerin mit einer schönen Balance aus Informationsvermittlungsbewusstsein und bayerischem Charme auf eine sehr stimmige Art und Weise.

26.09.2020 – MK

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