Robert Krause/Beate Fraunholz/Ed Herzog: 3½ Stunden (ARD) / Kristin Siebert/Christian von Brockhausen: Wir Kinder der Mauer (ARD)

Problemstau auf Schienen und gebrochene Biografien

15.08.2021 •

Mauerbau und Mauerfall sind zumindest an runden Geburtstagen Pflichttermine für deutsche Fernsehmacher, die den Ereignissen in Dokumentar- und Spielfilmen noch immer Geschichten abzuringen versuchen, die bis dato noch nicht erzählt wurden. Oder zumindest noch nicht so. Was in Anbetracht all der inzwischen existierenden Mauer-Filme zunehmend schwieriger wird.

Vor diesem Hintergrund hat die Idee zum Spielfilm „3½ Stunden“ durchaus etwas für sich. DDR-Bürger sitzen am 13. August 1961 in einem Interzonenzug von München nach Berlin-Ostbahnhof, als sie nach der Abfahrt über mitgeführte Kofferradios erfahren, dass die innerdeutsche Grenze in Berlin in den frühen Morgenstunden abgeriegelt wurde und man dabei ist, eine Mauer zu errichten, um dem massenhaften Exodus von DDR-Bürgern Richtung Westen Einhalt zu gebieten. Bis der Zug den bayerischen Grenzbahnhof Ludwigsstadt erreicht, bleiben noch dreieinhalb Stunden, in denen sich die Reisenden aus dem Osten entscheiden müssen, ob sie in Anbetracht der Lage nach Ost-Berlin weiterfahren oder im Westen bleiben wollen. Ausgedacht hat sich dieses Szenario der Autor und Filmemacher Robert Krause („Unsere wunderbaren Jahre“, ARD/WDR), dessen Großeltern vor 60 Jahren an jenem 13. August 1961 tatsächlich in solch einem Interzonenzug von West nach Ost unterwegs waren. Krause hat die Geschichte in seinem Roman „3½ Stunden“ verarbeitet und nun mit Beate Fraunholz auch das Drehbuch zum gleichnamigen Film verfasst.

Das Drama der deutschen Teilung quasi unter dem Brennglas als Mikrokosmos von Reisenden in einem Zug zu erzählen, hat auf den ersten Blick etwas Bestechendes. Spannung durch eine Countdown-Dramaturgie inklusive. Wobei dieser Countdown allerdings ein fingierter ist. Denn was hätte die betreffenden DDR-Bürger davon abhalten sollen, den Zug schon bei Zwischenhalten in Nürnberg oder Bamberg zu verlassen, um das Problem noch einmal ein, zwei Nächte zu überschlafen? Wenn sie sich dann doch für eine Rückkehr in die Heimat entschieden hätten, wäre ihnen die Einreise seitens ihrer Staatsmacht doch kaum verwehrt worden.

Doch diese Option wird im Film zum Erhalt der Spannung an keiner Stelle in Betracht gezogen. Stattdessen werden da in 95 Minuten anhand von rund einem Dutzend Figuren so ziemlich alle erdenklichen Probleme und Befindlichkeiten der deutschen Teilung 16 Jahre nach Kriegsende durchdekliniert. So beispielsweise am Ehepaar Marlis und Gerd, das mit Tochter und Sohn unterwegs ist. Während sie als überzeugte Anhängerin der DDR alle Missstände im sozialistischen deutschen Staat mit Anlaufschwierigkeiten rechtfertigt, steht er dem System skeptisch gegenüber und ist frustriert, weil er als gelernter Flugzeug-Ingenieur jetzt Landmaschinen konstruieren soll. Seiner Hoffnung auf größere Karrierechancen in der Bundesrepublik hält sie entgegen, dass im Westen noch immer ehemalige Nazi-Richter im Amt seien und Frauen die Unterschrift des Ehemannes für einen Arbeitsvertrag oder die Eröffnung eines eigenen Bankkontos bräuchten.

Ähnlich uneins sind die vier jungen Musiker, die als Band am Vorabend einen frustrierenden Auftritt in München hatten. Dass zwei von ihnen schwul sind, ein Dritter Jude und als Kind nur knapp dem KZ entkommen ist und die Sängerin für die Stasi arbeitet, dürfte nicht unbedingt repräsentativ für DDR-Combos im Jahr 1961 sein, liefert hier aber die Vorlage für die entsprechenden Dispute. Während Homosexualität im Westen noch strafbar ist, existiert ein ähnlicher Paragraph auch im Osten, wird aber nicht mehr angewandt. Im Westen bleiben, ohne Erfolg zu haben, oder in der DDR die Hallen voll machen, dafür aber nie Paris, New York und Miles Davis zu Gesicht bekommen? Für Sasha, den jüdischen Gitarristen, kommt – im Gegensatz zu den anderen drei Band-Mitgliedern – ein Leben in der BRD absolut nicht in Frage.

Dann war da in München noch ein betagtes Ehepaar in den Zug gestiegen, das die Urne mit der Asche des Bruders der Frau im Gepäck hat, weil dieser unbedingt in seiner ostdeutschen Heimat bestattet werden wollte. Der Sohn des Paares ist vor einiger Zeit in den Westen übergesiedelt und lebt jetzt in Garmisch. Seine Mutter hätte ihn gern besucht, doch ihr verstockter Gatte ist dagegen, weil er dem Sohn vorwirft, seine Eltern verlassen zu haben.

In einem weiteren Abteil sitzen eine Kette rauchende Turntrainerin und ein Mädchen, das gerade gesamtdeutsche Meisterin im Bodenturnen geworden ist. Die zwei haben zwar keinen Grund, im Westen zu bleiben, sind allerdings der Aufhänger für eine Erörterung des skrupellosen Dopings im DDR-Sport. Wozu ein bayerischer Kommissar hektisch im Zug nach verdächtigen Ampullen fahndet, die von einem Münchner Arzt stammen sollen – ein ebenso grotesker wie überflüssiger Erzählstrang. Letzteres gilt auch für die romantische Lovestory zwischen einer attraktiven DDR-Lokführerin, die mit ihrer Dampflok jenen Zug D-151 an der Grenze übernehmen soll, und einem Kameramann, der für die Produktionsfirma DEFA ein Porträt über sie drehen soll. Und weil beide von Amerika träumen, wird aus der Bekanntschaft binnen weniger Stunden die große Liebe. Eisenbahnromantik inklusive.

Und schließlich sind da noch ein Mann und eine Frau aus dem Westen, die den Zug ohnehin in Ludwigsstadt verlassen wollen, um dort den Bund fürs Leben zu schließen. Mit dabei ist der dunkelhäutige kleine Sohn der Frau, dessen Vater vermutlich als GI irgendwann in die USA zurückgekehrt ist. Einigermaßen überraschend folgt hier aber kein Diskurs über Rassismus in West und Ost. Es bleibt lediglich bei einem verächtlichen Blick seines Opas auf dem Bahnsteig. Aber der Musiker Sasha, der eine Beinprothese trägt, erkennt in dem Bräutigam jenen Lokführer, der einst einen Zug nach Auschwitz fuhr, und in einem der Vierwaggons war Sasha. Dem jüdischen Jungen gelang damals die Flucht, doch dabei wurde er vom Zug überfahren, obwohl der Lokführer noch hätte rechtzeitig bremsen können, und so verlor Sasha ein Bein.

Aus dem Film hätte ein konzentriertes, kammerspielartiges Drama werden können, hätte das Drehbuch hier nicht einen derart grotesken Problemstau auf die Schiene gesetzt. Denn Ed Herzog (Regie), Ngo The Chau (Kamera) und Simon Blasi (Schnitt) beweisen große Klasse, das Geschehen auf beengtem Raum im Fluss zu halten. Da wird nicht ständig zwischen einzelnen Abteilen und Speisewagen hin- und hergeschaltet, sondern die Kamera folgt den Protagonisten auf den Gängen des Zuges und bei Begegnungen gibt es vielfach einen Stabwechsel. Schon die ungeschnittene Eingangssequenz auf dem Bahnsteig in München zeugt von ambitioniertem Filmschaffen. Und dank des durchweg überzeugenden Darsteller-Ensembles (darunter Susanne Bormann, Jan Krauter, Jeff Wilbusch, Alli Neumann, Johannes Meister, Karl Scharper, Birgit Berthold, Harry Täschner, Jördis Triebel. Uwe Kockisch und Martin Feifel) gelingen den Machern von „3½ Stunden“ (Produktion: Real Film Berlin und Amalia Film) zwischendurch auch immer wieder bewegende Miniaturen.

Auf der anderen Seite bleiben Fragen wie die, warum die Sängerin der Band einen Rock trägt, der in seiner Kürze erst viele Jahre später in Mode kommen sollte und was in aller Welt die Verantwortlichen veranlasst hat, im Abspann Personalausweise der fiktiven Figuren nebst Informationen zu ihren weiteren Lebensläufen einzublenden. Was manche Zuschauer völlig unnötigerweise verwirrt haben dürfte. Sasha übrigens verlässt dann im letzten Moment doch noch den Zug, um im Westen zu bleiben. („3½ Stunden“ hatte 5,02 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 20,2 Prozent.)

Bewegende, echte Biografien im Zusammenhang mit dem Mauerbau gab es schließlich unmittelbar im Anschluss an den Spielfilm an diesem Themenabend am Samstag im Ersten. Anders als zu solchen Anlässen zumeist üblich folgte dem Spielfilm keine Talkrunde und keine (Kurz-)Dokumentation mit Archivbildern, Einschätzungen von Historikern und kurzen Statements von Zeitzeugen, sondern Kristin Siebert und Christian von Brockhausen ließen in ihrem Beitrag „Wir Kinder der Mauer“ über 90 Minuten Betroffene ihre persönlichen Erfahrungen mit der Mauer erzählen. Und das in gebotener Ausführlichkeit.

Den direkten Anschluss an den Spielfilm lieferte dabei das Drama der Liane Weinstein, das just am Tag des Mauerbaus an jenem Sonntag im August 1961 begann. Ihre Eltern in West-Berlin hatten ihr zwei Monate altes Baby zu den Großeltern im Ostteil der Stadt gebracht, um übers Wochenende in Ruhe die Wohnung zu renovieren. Als am 13. die Grenze abgeriegelt wurde, musste das Kleinkind bei Oma und Opa und bleiben. Die DDR-Behörden verweigerten eine Familienzusammenführung. Jahre später wagten die Großeltern den Versuch, das Kind über einen Fluchttunnel den Eltern zuzuführen. Der Versuch misslang, die „Republik-Flüchtlinge“ wurden verhaftet und Liane landete in einem Kinderheim. Erst mit elf Jahren ließ man sie in den Westen ausreisen. Doch zu dem Zeitpunkt hatten sich ihre Eltern, die sie nie wirklich kennengelernt hatte, bereits getrennt.

Dazu kamen hier mehrere, wenn auch vielleicht nicht ganz so tragische Geschichten von DDR-Bürgern, die an den Widersprüchen und Zwängen ihres Staates zunehmend verzweifelten. Gebrochene Biografien. Einige flüchteten in den Westen, andere litten vor allem psychisch darunter, dass ihnen beispielsweise ein Studium versagt wurde, weil sie in der Schule mal die falschen Fragen gestellt hatten. 

Bemerkenswerterweise hatten die Autoren aber auch viele Menschen ausfindig gemacht, die den umgekehrten Weg gegangen waren und von der BRD in den Osten emigriert waren, weil sie an den Sozialismus glaubten. So etwa der Hamburger Peter Drauschke, der als 18-Jähriger zwei Jahre nach dem Mauerbau gemeinsam mit einem Freund in die DDR ging und dort schließlich zum hochrangigen Funktionär der Freien Deutschen Jugend (FDJ) aufstieg, bis er die Verlogenheit des Systems durchschaute und nach einem gescheiterten Fluchtversuch inhaftiert wurde, bis man ihn schließlich in die Bundesrepublik ausreisen ließ. Den betagten Mann hat seine – nach eigenem Dafürhalten missglückte – Biografie bis heute traumatisiert. Bei seinen Erzählungen bricht er immer wieder in Tränen aus.

Gänzlich anders verlief der Lebensweg von Pierre Boom. In einem gutbürgerlichen Viertel in Bonn aufgewachsen, fiel er 1974 aus allen Wolken, als seine Eltern, Günter und Christel Guillaume, als hochrangige Spione des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR enttarnt wurden. Um auch nur ansatzweise deren Motive zu verstehen, siedelte Boom in die DDR über, aus der er 1988 frustriert wieder zurückkehrte.

So bot der Dokumentarfilm in Parallelmontage eine Vielzahl von höchst unterschiedlichen Menschen und Geschichten rund um die deutsche Teilung und den Protagonisten vor allem Zeit, ihre Biografien darzulegen. Ergänzt wurden die Berichte lediglich durch einen erfreulich spärlichen Off-Kommentar und Archivbilder, die aus „Wochenschauen“, Propaganda-Filmen und privaten Fotoalben stammten. Die Übergänge von einzelnen Personen, Geschichten und Orten wurden dabei bisweilen von dezenten Popsongs von David Bowie oder Nick Cave unterlegt. Unter dem Strich eine überaus sehenswerte, souverän gemachte Dokumentation (Produktion: Eco Media), die sich wohltuend vom gängigen Standard solcher Gedenktagsproduktionen unterschied und für die rekordverdächtig gleich alle neun ARD-Sender redaktionell verantwortlich zeichneten. (Der Film „Wir Kinder der Mauer“ hatte 2,73 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 12,7 Prozent.)

15.08.2021 – Reinhard Lüke/MK

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