Rita Knobel-Ulrich: Faktor Menschlichkeit. Was macht Unternehmen erfolgreich? Reihe „Die Story im Ersten“ (ARD/SWR/NDR)

Glück am Arbeitsplatz

31.10.2016 •

Rita Knobel-Ulrich ist Autorin zahlreicher politischer Inlands- und Auslandsreportagen; sie hat Mut zu durchaus strittigen Positionen, ob es dabei um die Flüchtlingsfrage geht oder um Hartz-IV-Bezieher und Kritik an der an ihnen gut verdienenden Hilfsindustrie. Nun hat sie im Rahmen der doch vor allem auch für kritischen, investigativen Journalismus stehenden Reihe „Die Story im Ersten“ eine auffallend friedvolle Dokumentation mit versöhnlichem Grundton abgeliefert. In ihrem Film, mit dem Titel „Faktor Menschlichkeit. Was macht Unternehmen erfolgreich?“ werden nahezu ausschließlich positive Erfahrungen artikuliert.

Es geht in dem 45-minütigen Stück, das zugleich ein Beitrag für die vom 30. Oktober bis zum 5. November laufende ARD-Themenwoche „Zukunft der Arbeit“ ist (vgl. MK-Meldung), um Beispiele für eine Unternehmenskultur, die für Transparenz, Beteiligung und für Vertrauen unter den Mitarbeitern sorgt, ja, die sogar von sich behauptet, ihre Mitarbeiter glücklich machen zu wollen. Alles denkbar Negative wird als das nunmehr Überwundene in die Vergangenheit abgeschoben, so etwa die Wirtschaftskrise, die zu einer Unternehmens- und Führungskrise wird. Diese hier beschriebene, sich gegen einen autoritären, die Eigeninitiative der Mitarbeiter unterdrückenden Führungsstil richtende ‘Revolution’ kommt von oben, denn sie geht von der Chefetage aus.

Und man könnte diese Blickrichtung noch weiter nach oben fortsetzen, denn unübersehbar taucht bereits im Titelvorspann der Benediktiner-Pater Anselm Grün auf, dessen Seminare, wie an späterer Stelle in der Dokumentation dargestellt wird, offensichtlich maßgeblich zu dem neuen Betriebsklima beigetragen hätten. Kein Experte ‘von draußen’ wird dazu befragt. Alle in der Dokumentation Interviewten treten auch als Akteure in den von der Filmemacherin beobachteten Alltagsszenen auf.

Rita Knobel-Ulrich besuchte für die ARD-Themenwoche ein Unternehmen der Hotelbranche an der Ostseeküste (Kühlungsborn), einen Industriebetrieb der High-Tech-Branche in Ostwestfalen-Lippe (Blomberg) und die deutsche Google-Filiale (Hamburg). Zwischen diesen drei Orten wechselt ihr Film mehrmals, wobei dem Ostseehotel die meiste Sendezeit zukommt. Es stellt auch mit seinem Personal – wie beispielsweise dem Hoteldirektor, dem Küchenchef, dem Zimmermädchen und dem Lehrling – die in der Dokumentation dominierenden Protagonisten. Sie alle geben Musterbeispiele für den Erfolg dieser neuen Unternehmenskultur ab.

Die Filmemacherin erfragt die Gründe dafür und spricht dabei mit männlichen und weiblichen Repräsentanten aus unterschiedlichen Ebenen. Da die aufgesuchten Unternehmen hier deutlich als Vorbilder dienen, gibt es so gut wie keine kritische Äußerung zu ihnen. Mit einer Ausnahme: Beim Bericht über die nahezu euphorisierende Stimmung unter den Mitarbeitern der deutschen Google-Dépendance findet sich im Kommentar doch ein kurzer distanzierender Hinweis darauf, dass die Interviews mit den Beschäftigten kontrolliert worden seien. Die Filmemacherin spricht hier dann aber auch von einer „Rundumbeglückung“, der wiederum gleichzeitig ein durchaus knallhartes Leistungsmanagement gegenüberstehe. Und nach dem Hoch auf das bei Google herrschende Betriebsklima wird dann doch noch ein zweites kleines, weil wiederum kurzes Tief angefügt: Ein ehemaliger Mitarbeiter erklärt, dass er dieses Klima bei Google nicht ausgehalten habe wegen der damit verbundenen Erwartung auf ständige Verfügbarkeit, was sein Familienleben stark belastet habe.

Bei den beiden anderen vorgestellten Unternehmen fehlt diese zumindest kleine Dosis an kritischer Distanz auf Seiten der Filmemacherin völlig. Bereits zu Beginn der Dokumentation erfährt man aus dem Munde des Hoteldirektors, dass er Klarheit über sich und damit auch über seinen Führungsstil im Kloster gefunden habe. Das Kloster, das gemeint ist, wird nicht namentlich erwähnt, doch der Kamerablick auf seine Außenanlagen verrät, dass es sich um das Benediktiner-Kloster in Münsterschwarzach bei Würzburg handelt. Dem gehört der inzwischen über 70-jährige Pater Anselm Grün an, der hier Seminare zu Führungs- und Lebensfragen veranstaltet und dessen Bücher längst zu Bestsellern geworden sind. Der Hoteldirektor möchte, dass auch seine „70 Führungskräfte“ dort an einem Seminar teilnehmen und gegen Ende der Dokumentation kann man einige von ihnen auch dort beobachten.

Zwar geht es erst etwa zehn Minuten vor Filmende ins Kloster, aber dennoch gewinnt man den Eindruck, auf diese Szenen hätte der Film von vornherein hingearbeitet. Hier findet sich dann noch ein zweiter Punkt, den man als vorsichtige Distanzierung interpretieren könnte: Ganz kurz wird berichtet, dass die Hotelgruppe auch an den Gebetszeiten der Mönche in der Klosterkirche teilnehmen könne, was die Frage aufwerfe, inwieweit hier auch Glaubenspropaganda betrieben werde. Hier werde niemand instrumentalisiert, antwortet darauf der Hoteldirektor. Und auch bei der High-Tech-Firma ist man sich sicher, es gehe vor allem um mehr Zufriedenheit durch Vertrauen, um Glück am Arbeitsplatz.

(Die Dokumentation „Faktor Menschlichkeit“ begann um 23.00 Uhr und damit 15 Minuten später als ursprünglich angekündigt, da die ARD um 22.45 Uhr kurzfristig eine Ausgabe von „Farbe bekennen“ ins Programm nahm. In der 15-minütigen Interview-Sendung, die dann auch Teil der Themenwoche „Zukunft der Arbeit“ war, stellte sich der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann den Fragen von Tina Hassel, Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, und Rainald Becker, ARD-Chefredakteur.)

31.10.2016 – Brigitte Knott-Wolf/MK