Rita Bossaer/Maarten Moerkerke: 13 Gebote. 13‑teilige Serie (Netflix)

In der belgischen Provinz

02.06.2021 •

Außergewöhnliche Serien, wie man sie sonst hierzulande nicht zu sehen bekommen würde, gibt’s immer wieder im mittlerweile unendlich erscheinenden Streaming-Angebot zu entdecken. Zu jenen Mehrteilern, auf die man auch etwas später noch einmal blicken kann, zählt die belgische Produktion „13 Gebote“, die 2018 zuerst vom heimischen Privatsender VTM ausgestrahlt wurde und seit Ende August 2019 beim Streaming-Anbieter Netflix international abrufbar ist. Es handelt sich um eine flämische Produktion, die Originalsprache ist somit Niederländisch, weshalb der bei Netflix eingeblendete Originaltitel entsprechend „13 (sprich: Dertien) Geboden“ lautet.

Um was geht es in dieser Ausnahmeproduktion, bei der bereits der Titel Rätsel aufgibt? Es geschehen seltsame Dinge in der belgischen Provinz. Ein mysteriöser Unbekannter, der sich Moses nennt, verübt Selbstjustiz. Seine Zielpersonen sind Menschen, die jeweils gegen eines der biblischen zehn Gebote verstoßen haben. Der Peiniger tötet seine Opfer nicht. Denn das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ gilt auch für den unbekannten Rächer. Doch die von ihm bestraften Delinquenten durchleben wahre Höllenqualen. Sie sind gezeichnet. In den Medien und der Öffentlichkeit wird das martialische Projekt wohlwollend aufgenommen. Eine religiöse Sekte sympathisiert sogar unverhohlen mit Moses’ Rachefeldzug gegen den sittlichen Verfall.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, nimmt Peter Devriendt (Dirk Van Dijck) mit seiner neuen Assistentin Vicky Degraeve (Marie Vinck) die Ermittlungen auf. Beide Polizisten haben eigentlich mehr als genug mit ihrem Privatleben zu tun. So besucht der geschiedene Devriendt, ein kauziger Veteran, der in seiner Freizeit ein altes Landhaus renoviert, regelmäßig eine Prostituierte. Zudem hält ihn seine verpeilte Tochter in Atem, die drauf und dran ist, in die Drogenszene abzugleiten. Nicht viel besser ergeht es seiner Kollegin. Die junge Ermittlerin Vicky Degraeve leidet nach einem Autounfall an chronischen Rückenschmerzen. Ihre Mutter, die mit im Wagen saß, liegt seither im Koma. Regelmäßig liest Vicky ihr deshalb Geschichten vor, in der Hoffnung, dass die Mutter dadurch das Bewusstsein wiedererlangt.

So zusammengefasst, klingt das nach dem Strickmuster jener nordischen Krimis von Henning Mankell und Håkan Nesser, deren Adaptionen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bis zum Geht-nicht-mehr ausgestrahlt wurden. Die Serie „13 Gebote“ ist jedoch erfrischend anders. Sie hat nicht das Mainstream-Publikum im Auge. Die Zielgruppe ist eher jenes Nischenpublikum, das ungewöhnliche Serien mag, in denen sich regionenspezifisches Lokalkolorit mit sehr eigenen Geschichten verbindet. Also Produktionen wie beispielsweise der französisch-belgische Mehrteiler „Black Spot“ („Zone Blanche“) über ein Funkloch in den Vogesen, wo plötzlich keltische Krieger gesichtet werden, oder die französische Mystery-Serie „Le Chalet“, wo die Enklave eines Bergdorfes nur durch das Nadelöhr einer maroden Brücke erreichbar ist.

Zu solchen liebevoll inszenierten Serien, die dank internationaler Streaming-Plattformen ein weltweit verstreutes Nischenpublikum erreichen, zählt auch „13 Gebote“, eine Produktion, die nach einer Idee der belgischen Drehbuchautorin Rita Bossaer entstand (die mit weiteren Kollegen die Geschichten schrieb). Bereits die ersten Minuten verdeutlichen, dass in der Serie brisante Themen angesprochen werden. Und das ist denn auch in alle 13 Folgen (jeweils 45 Minuten) der Fall. Es geht in der Auftaktepisode um eine junge Frau aus einer muslimischen Familie. Sie spielt nicht nach deren Regeln. Warum genau sie in Ungnade fiel, wird in dieser elliptischen Betrachtung nur dann sofort klar, wenn man Türkisch versteht. Die Serie ist zwar synchronisiert, doch diese ersten Szenen hier bleiben in Türkisch, und es gibt dazu auch keine Untertitel.

Aus der Türkei ist der Onkel des Mädchens angereist. Die Familie begegnet ihm mit größtem Respekt, denn er muss für die Sippe eine unangenehme Pflicht erfüllen. In diesem Sinne bringt er die junge Frau an einen abgelegenen Ort, wo er der an einen Stuhl Gefesselten ohne zu zögern die Kehle durchschneidet. Der mit erbarmungsloser Brutalität ausgeführte Ehrenmord, dessen Routine darauf hindeutet, dass der Täter derartige Jobs schon öfter erledigt hat, wird mit einer Deutlichkeit gezeigt, die im deutschen Fernsehen undenkbar wäre.

Kurze Zeit später folgt die Überraschung. Der Mörder wird mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus eingeliefert. In großen roten Buchstaben wurde am Tatort das erste Gebot an eine Wand geschrieben: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“

In Anspielung an David Finchers Kinoklassiker „Sieben“ (1995), der sich an den sieben Todsünden abarbeitet, beginnt nun eine Reihe martialischer Rachefeldzüge – die dann aber seltsamerweise nicht nach dem zehnten, sondern erst nach einem 11., 12. und 13. „Gebot“ ihr Ende findet. Mit dieser Übererfüllung wird zugleich die Frage aufgeworfen, ob die biblischen Gesetze in unserer heutigen Zeit noch ausreichend sind: Verhandelt werden dabei unterschiedliche Themen wie die Flüchtlingsproblematik, Mietwucher oder Pädophilie. Jeder der dargestellten Konflikte erweist sich jedoch auch als Symptom dafür, dass die Polizei mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln nicht mehr in der Lage zu sein scheint, ein friedliches und gerechtes gesellschaftliches Miteinander zu garantieren. Sinnbildlich für dieses Versagen steht die profillose Polizeichefin Liesbet Dujardin (Karlijn Sileghem), die, gefangen in ihrer bürokratischen Administration, meist falsche Entscheidungen trifft.

Sehenswert ist diese Serie unter anderem auch deshalb, weil man im Gegensatz zu den üblichen Verdächtigen im deutschen Fernsehkrimi unverbrauchte Gesichter sieht. Sowohl Dirk Van Dijck als verschrobener Einzelgänger, der sich außerdem als Teilzeit-Babysitter um das Kind seiner Nachbarin, einer alleinerziehenden Mutter, kümmert, als auch Marie Vinck in der Rolle der leidgeprüften Motorrad fahrenden Ermittlerin verkörpern ambivalente Figuren.

Zudem ergeben sich über die 13 Episoden immer wieder bemerkenswerte Nebenstränge, die jeweils nur indirekt mit der Jagd nach dem Serientäter Moses zu tun haben. Bewegend ist beispielsweise die Tragik um Peter Devriendts Kollegen Marnix Santermans (Tom Ternest), ein begriffsstutziger und unsympathischer junger Mann, der eigentlich gar nicht Polizist werden wollte und aufgrund seiner notorischen Unfähigkeit bei einem leicht vermeidbaren Zwischenfall einen Passanten erschießt. Als er sich über seine spätere Rehabilitierung wie ein Kind freut – ohne Mitgefühl für sein Opfer zu zeigen –, schauen die Kollegen fassungslos auf diesen empathielosen Menschen. Solche Momente machen die Qualität dieser düsteren, melancholischen und teils auch schockierenden belgischen Serie aus, die sich nicht an Liebhaber des konfektionierten Fernsehkrimis mit politisch korrekter Botschaft adressiert.

Ganz neu ist der Plot um einen gebrochenen Ermittler, der das Gesetz hütet, indem er es (wie sich am Ende herausstellt) selbst in die Hand nimmt, zwar nicht; dennoch erweist sich „13 Gebote“ als eine Entdeckung auf dem immer größer werdenden Markt des Serien-Angebots.

02.06.2021 – Manfred Riepe/MK

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