Relativierte Brisanz: Die Stimmengleichheit in den MDR‑Sendungen „Fakt“, „Exakt“ und „Exakt – Die Story“

16.03.2020 •

Wenn TV-Redaktionen für ihre Beiträge häufig auf dieselben Sprecherinnen und Sprecher zurückgreifen, erhoffen sie sich dadurch unter anderem eine bessere Zuschauerbindung. Hört jemand in einer Sendung eine vertraute Stimme, trägt das möglicherweise dazu bei, dass er weiter zuschaut – und nicht ab- oder umschaltet.

Dass man es in Sachen stimmlicher Wiedererkennbarkeit möglicherweise auch übertreiben kann, zeigt ein Blick auf die journalistischen MDR-Sendungen „Fakt“ (ARD), „Exakt“ und „Exakt – Die Story“ (beide MDR Fernsehen), die im Netz unter „MDR Investigativ“ gebündelt sind. „Fakt“ ist eines drei Politikmagazine, die am Dienstag von 21.45 bis 22.15 Uhr im Ersten Programm der ARD zu sehen sind; das Magazin „Exakt“ und das dazugehörige „Story“-Format laufen jeden Mittwoch direkt hintereinander im Dritten Programm des MDR (jeweils eine halbe Stunde ab 20.15 bzw. 20.45 Uhr). Fast schon zu den Markenzeichen von „Fakt“ und „Exakt“ gehört Olaf Baden, ein Off-Sprecher mit einer tiefen, manchmal raunenden Stimme, die, auch wenn solche Vergleiche natürlich immer ungerecht sind, ein bisschen an Christian Brückner erinnert, den Synchronsprecher unter anderem von Robert de Niro.

Zunächst ein Blick auf die letzten drei „Fakt“-Sendungen des Jahres 2019: In den Ausgaben vom 15. Oktober und 26. November sprach Olaf Baden zwei Beiträge, in der „Fakt“-Sendung vom 17. Dezember sogar gleich drei von vier Beiträgen. Bei der Magazinausgabe von „Exakt“ war er unter anderem am 15. Januar (erste Sendung des Jahres 2020) sowie am 22. und 29. Januar 2020 bei jeweils der Hälfte aller Filme vertreten.

Wenn alles gleich wichtig erscheint

In der besagten „Fakt“-Sendung, in der Baden bei drei Viertel der Beträge zu hören war, beginnt einer davon folgendermaßen: „Wir sind einem brisanten Hinweis auf der Spur: Wird trächtigen Stuten in Deutschland Blut abgenommen, um so das Hormon PMSG zu gewinnen?“ Der im Film kritisierte Umstand, dass auf diese Weise Hormone für die Medikamentenherstellung gewonnen werden, mag für sich genommen „brisant“ sein, aber: Wenn man immer wieder Badens nach Brisanz klingende Stimme hört, relativiert sich diese Brisanz irgendwann. In jener Sendung etwa war Baden auch noch bei einem Beitrag zum nach Ansicht der „Fakt“-Redakteure offenbar höchst brisanten Thema Linksextremismus zu hören.

Olaf Baden selbst wirbt auf seiner Website damit, seine Stimme besitze „die Fähigkeit, Dinge ‘wichtig’ zu machen“. Aber es sind nun mal nicht alle Dinge gleich wichtig. Anders gesagt: Dass Baden sehr oft eingesetzt wird, sorgt bei der Wahrnehmung für den regelmäßigen Zuschauer für eine gewisse Gleichförmigkeit: Der Charakter einzelner Beiträge wird abgeschwächt bzw. verwässert.

Welche bizarren Ausmaße die Praxis, Baden sehr häufig einzusetzen, annehmen kann, zeigte sich, als am 18. und 19. Februar bei einem Beitrag, der am Dienstag jener Woche bei „Fakt“ unter dem Titel „House of Cards in Thüringen“ zu sehen war und bei „Exakt“ einen Tag später unter der Überschrift „Wie geht es weiter in Thüringen?“. Sprecher des „Fakt“-Beitrags war Olaf Baden. Offenbar weil er in der „Exakt“-Sendung bereits bei den Filmen „Tierquälerei – Das grausame Geschäft mit den Pelztieren“ und „Heimkinder in der DDR – Kampf um Anerkennung gesundheitlicher Folgeschäden“ zum Einsatz kam, buchte man für die zweite Version des politischen Lageberichts Annette Gerhardt, die andere Sprecher-Stammkraft der drei MDR-Formate.

Die Beiträge „House of Cards in Thüringen“ und „Wie geht es weiter in Thüringen?“ wichen zwar voneinander ab, viele Passagen waren aber identisch – etwa der über die Erfurter Vertreterinnen von „Omas gegen rechts“. Das heißt, wesentliche Teile mussten hier zweimal eingesprochen werden. Wenn man schon durch die doppelte Verwendung von Material in zwei sehr ähnlichen Sendungen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Kosten sparen will, ist es ein bisschen widersinnig, für zwei Versionen eines Beitrags zwei Sprecher zu bezahlen. Außerdem wird Vielfalt hier ja bloß vorgetäuscht, denn in beiden Sendungen sprachen nur Olaf Baden und Annette Gerhardt (jeweils zwei Beiträge). Mit anderen Worten: Würde der MDR Baden lediglich regelmäßig buchen und nicht exzessiv, wäre es überhaupt kein Problem gewesen, wenn er dann auch beide Beiträge zur politischen Lage in Thüringen gesprochen hätte.

Ungewohnte individuelle Note

Auch bei einem anderen Thema kam es zu einer bemerkenswerten Arbeitsteilung: Am 5. Februar lief bei „Exakt – Die Story“ eine auf einer Langzeitrecherche basierende Reportage zum 15-jährigen Jahrestag der Einführung von Hartz IV. Sprecherin hier: Annette Gerhardt. Bei zwei kürzeren Versionen bzw. Auskopplungen für die „Exakt“-Magazinausgaben vom 29. Januar und 26. Februar kam allerdings Olaf Baden zum Einsatz. Auch hier liegt die Vermutung nahe, dass es effizienter gewesen wäre, die Arbeit von einer Person erledigen zu lassen. Und auch hier gilt: Wäre der Stab an Sprecherinnen und Sprecher größer, gäbe es keinen zwingenden Grund dafür, auf die beschriebene Weise Abwechslung vorzugaukeln.

Annette Gerhardt ist die Hauptsprecherin von „Exakt – Die Story“. In diesem Jahr hat sie dort bisher sämtliche Filme gesprochen (Stand: 4. März). Ihre Stimme ist indes weniger aufdringlich als die Olaf Badens. Insofern stellt sich in ihrem Fall nicht so schnell der Eindruck von Gleichförmigkeit ein.

Am 26. Februar erlebten die Zuschauer dann bei der Magazinausgabe von „Exakt“ ein ungewohntes Hörbild: Zwar war – natürlich – zweimal Olaf Baden am Start. Aber zwei Reportagen in dieser Sendung wurden aus der Ich-Perspektive erzählt, die Reporter waren jeweils gleich zu Beginn im Bild. In solchen Fällen führt dann natürlich kein Weg daran vorbei, dass die Autoren diesen Beitrag selbst sprechen. Bei beiden Beiträgen hatte man dann beinahe den Eindruck, eine ganz andere Sendung zu sehen. Denn: Man ist es überhaupt nicht mehr gewohnt, dass Filme bei „Exakt“ auf diese Weise eine individuelle Note bekommen.

16.03.2020 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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