Regina Schilling: Kulenkampffs Schuhe (ARD/SWR)

Fernsehunterhaltung als Trauerarbeit

09.08.2018 • Wer angesichts des Filmtitels „Kulenkampffs Schuhe“ und der ARD-Programmankündigung, die „eine ganz neue Sicht auf das Unterhaltungsfernsehen der Bundesrepublik“ verheißt, erwartet hat, hier in erster Linie eine dokumentarische Aufarbeitung der deutschen Fernsehunterhaltung der 1960er Jahre vorzufinden, wird gleich nach dem – mit Originalausschnitten aus Kulenkampffs Fernsehshows unterlegten – Titelvorspann aufgeschreckt, als die Ich-Erzählerin aus dem Off zu Bildern von der holländischen Nordseeküste vom „ersten und letzten gemeinsamen Urlaub mit meinen Eltern“ spricht. Ihr Vater ist zu dem Zeitpunkt, den der Film hier zitiert, bereits herzkrank, wie dies eine bald darauf gezeigte Röntgenaufnahme seines Brustkorbs dokumentiert.

„Ihr dürft euren Vater nicht aufregen“, lautet, so erfährt man dann, die Anweisung an die Kinder der Familie, die ansonsten eine ganz gewöhnliche Durchschnittsfamilie aus den 1960er Jahren darstellt, die – wie die meisten ihrer Art – die große Samstagsabend-Unterhaltung des neuen Mediums Fernsehen genießt: Die ARD-Show „Einer wird gewinnen“ von Hans-Joachim Kulenkampff gehörte damals zu den Favoriten, auch zu denen der Filmemacherin im Kindesalter. Mit dem Rückgriff auf frühe Fernseherfahrungen versucht sie nun in ihrem Dokumentarfilm den frühen Tod ihres Vaters zu verarbeiten und mehr über sein Leben zu erfahren. Das ist ein eher ungewöhnlicher Ansatz, um ein privates Trauma aufzuarbeiten. Doch führt dies tatsächlich zu einer interessanten Sicht auf das frühe Unterhaltungsfernsehen, weil die Autorin dem Genre dabei eine große zeitgeschichtliche Relevanz zukommen lässt.

Die Autorin, das ist Regina Schilling, Jahrgang 1962. Sie war elf Jahre alt, als ihr Vater starb; das geschah also rund 45 Jahre vor der Ausstrahlung dieses Dokumentarfilms. Den Film zu machen, muss daher ein Lebensthema für die Filmemacherin gewesen sein, die bereits mit einigen früheren preisgekrönten Dokumentarfilmen auf sich aufmerksam gemacht hat (darunter „Geschlossene Gesellschaft“, zusammen mit Luzia Schmid, vgl. FK-Hefte Nr. 33/2011, und „Titos Brille“, 2014). In „Kulenkampffs Schuhe“ zieht Schilling auf beeindruckende Weise Parallelen zwischen der Zeitgeschichte und der Fernsehgeschichte, die sie mit ihrer privaten Biografie verknüpft. Damit gelingt es ihr, ihre Recherchen zum Leben ihres Vaters und ihre Reflexionen und Trauer über dessen frühen Tod auf eine Weise mit medialen und allgemein politischen Erfahrungen zu verbinden, dass ihr doch sehr persönlicher Essayfilm zugleich auch einen Zugang zu einem längst vergangenen Stück Zeit- und Mediengeschichte exemplarisch öffnet. In der großen Samstagsabend-Unterhaltung etwa mit Hans-Joachim Kulenkampff, der der gleichen Generation wie ihr Vater angehörte, sieht sie sowohl eine Art „Wellness“-Programm für die Generation ihrer Eltern, wie sie auch in den Biografien der diese Shows moderierenden Entertainer eine Spiegelung des Lebens ihres Vaters erkennt.

Neben Kulenkampff sind es Peter Alexander und Hans Rosenthal, deren Biografien die Filmemacherin parallel zur Geschichte ihrer eigenen Familie erzählt. Und da gibt es noch eine überraschende Parallele zwischen Fernsehgeschichte und privater Lebensgeschichte: Man sieht Ausschnitte aus Egon Monks heute nahezu vergessenem Fernsehspiel „Industrielandschaft mit Einzelhändler“ (ARD/NDR 1970; vgl. FK-Kritik), mit Horst Tappert in der Hauptrolle eines Drogisten. Die Ausschnitte sind so ausgewählt, als wäre es eben genau die berufliche Situation von Regina Schillings Vaters gewesen, die für Monk den Anlass zu dessen Fernsehspiel gegeben hätte. Der legendäre Fernsehspielleiter des NDR und ehemalige Brecht-Schüler Egon Monk erfand seinerzeit mit seinem didaktisch-aufklärerischen und gesellschaftskritischen Konzept das realistische Fernsehspiel. Das erscheint heute eigentlich als ästhetisch und dramaturgisch überholt, in „Kulenkampffs Schuhe“ passt es jedoch auf nahezu verblüffende Weise.

Regina Schillings Dokumentarfilm (1,93 Mio Zuschauer, Marktanteil: 12,6 Prozent) besteht ausschließlich aus Archivmaterial: aus privaten Super-8-Aufnahmen, aus den Fernseharchiven und aus weiteren historischen Bild- und Tondokumenten. Das umfangreiche Material wird nicht in chronologischer Reihenfolge dargeboten, sondern ist thematisch sortiert. Die Perspektive, aus der es ausgewählt wurde, der Schnitt und der literarische Qualität beanspruchende Kommentartext, hervorragend gesprochen von der Schauspielerin Maria Schrader, machen die Handschrift der Autorin aus.

Die 1960er und frühen 1970er Jahre stehen im Vordergrund, aber es gibt auch Rückblenden auf die Vorgeschichte bis hin in die Zeit des Nationalsozialismus. Denn der Vater ist nicht nur viel zu früh gestorben, sondern in der Familie wurde auch über die Vergangenheit geschwiegen: Nie wurde etwas von seinen Erfahrungen während des Kriegs erzählt. Und so tastet sich die Filmautorin über die Kriegserfahrungen der Fernsehhelden aus ihrer Kinderzeit Schritt für Schritt an diese Vergangenheit heran. Leider sind viele der Dokumente in diesem zweifellos herausragenden Dokumentarfilm (Produktion: Zero One Film) undatiert und lassen sich vom Zuschauer historisch nicht immer einfach zuordnen. Es gibt mehrere Zeitsprünge, bei denen eine genauere Datierung des verwendeten Materials wünschenswert gewesen wäre – nicht nur für Zuschauer, die zu jung sind, um hier auf eigene Fernseh- und Politikerfahrungen zurückgreifen zu können.

09.08.2018 – Brigitte Knott-Wolf/MK