Raymond Ley/Hannah Ley: Schuss in der Nacht – Die Ermordung Walter Lübckes (ARD/HR/NDR/SWR/RBB)

Weil er für Werte eintrat

28.12.2020 •

Am 1. Juni 2019 wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke auf der Terrasse seines Wohnhauses im hessischen Dorf Istha erschossen. Nur zwei Wochen später nahm die Polizei den Rechtsextremisten Stephan Ernst als dringend Tatverdächtigen fest, weil man Hautpartikel von ihm auf der Kleidung des Ermordeten gefunden hatte. Da Ernst in der Vergangenheit bereits mehrfach durch Straftaten in Erscheinung getreten war, befand sich seine DNA im Polizeicomputer. Seit dem 16. Juni 2020 steht der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke in Frankfurt vor Gericht. Die Tat sorgte bundesweit für großes Aufsehen, da es der erste rechtsterroristisch motivierte Mord an einem deutschen Politiker seit den Zeiten des Nationalsozialismus war.

Der mehrfach für seine Doku-Dramen ausgezeichnete Filmautor und Regisseur Raymond Ley („Eine mörderische Entscheidung“, ARD/NDR/Arte 2013) rekonstruiert im Film „Schuss in der Nacht“ die Ereignisse jenes Abends im Juni vorigen Jahres in einer Mischung aus dokumentarischen Bildern und Spielszenen. In letzteren sieht man Stephan Ernst (Robin Sondermann) wie er von den beiden Ermittlern Norbert Bartels (Joachim Król) und Petra Lischke (Katja Bürkle) verhört wird. Ein zweiter fiktionaler Erzählstrang besteht in der akribischen Rekonstruktion des Mordes am Tatort, an der neben dem Verdächtigen auch die beiden Kommissare beteiligt sind. Wo hat sich Ernst versteckt? Wie hat er sich dem Haus des Opfers genähert? In welcher Hand hat er die Waffe gehalten? Hat er Walter Lübcke von vorn oder von der Seite erschossen? Die langen, immer wieder eingeschnittenen Sequenzen dieser Rekonstruktion sind indes weder sonderlich informativ noch dramaturgisch von großer Relevanz.

Die dokumentarischen Teile des 90-minütigen Films – bei dem Raymond Leys Frau Hannah Ley Koautorin war – bestehen in weiten Teilen aus Statements von Weggefährten des CDU-Politikers, die überwiegend an dessen Wohnort aufgezeichnet wurden. Demnach war Walter Lübcke in dem 800-Seelen-Dorf Istha ein überaus beliebter Mann, der aktiv am Vereinsleben teilnahm. Im Film kamen der Pfarrer des Ortes, Nachbarn, Freunde und Männer der Freiwilligen Feuerwehr zu Wort, die nur Gutes über den Ermordeten („Unser Walter“) zu berichten wussten. Sie erzählen auch von Drohungen, die er aber nicht weiter beachtet habe.

Bewegte Archivbilder aus Lübckes Amtszeit als Regierungspräsident scheint es hingegen erstaunlicherweise kaum gegeben zu haben. Zumindest kommen sie im Film nicht vor. So stammt auch das offenbar einzige Bild-Ton-Dokument einer für den späteren Mord bedeutsamen Versammlung makabererweise vom Handy von Stephan Ernsts Kumpan Markus H., der zeitweise als Mittäter verdächtigt wurde. Auf einer Informationsveranstaltung im hessischen Lohfelden verteidigte Lübcke im Oktober 2015 die liberale deutsche Einwanderungspolitik und wurde dabei immer wieder von empörten Zwischenrufern gestört. Als ihm das Treiben zu bunt wurde, sagte der Politiker an seine Gegner gewandt: „Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten. Wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Es ist die Freiheit eines jeden Deutschen.“ Markus H. stellte das von ihm gemachte Video mit diesen Sätzen ins Netz und Walter Lübcke bekam es daraufhin mit den schlimmsten Drohungen zu tun.

Die zitierten Sätze Lübckes waren Äußerungen, die keinem Manuskript entstammten, sondern eine spontane Reaktion auf die Zwischenrufe. Stephan Ernst, der an jenem Abend auch zugegen war, erklärt im Verhör mehrfach, dass nicht zuletzt diese Aussagen seinen Plan zum Mord an dem Politiker aufkommen ließen. Überhaupt liefern die fiktionalen Verhörsequenzen des Films am ehesten Einblicke in die krude Gedankenwelt des mutmaßlichen Täters. Da ist von der Pflicht zur Bewaffnung die Rede, von Ausländern, die deutschen Frauen nachstellen und das Land zu übernehmen drohen. Es sind Sätze, die sich gespenstisch ausnehmen, aber bekanntlich eine durchaus weitverbreitete Gesinnung widerspiegeln.

Um den geistigen Nährboden solcher Vorstellungen deutlich zu machen, schneidet Ley hier und da markante Äußerungen von AfD-Politikern wie Björn Höcke und Alexander Gauland („Wir werden sie jagen!“) ein. Und auch Bilder einer lokalen Versammlung der AfD, wo die Teilnehmer Gegendemonstranten vor dem Fenster lauthals als „Drecksäue“ und „verfluchtes Pack“ beschimpfen, machen einen als Zuschauer geradezu frösteln. Dass dieses Doku-Drama sinnfällige Einblicke in diese Parallelwelten gewährt, ist fraglos das größte Verdienst des Films (Produktion: AVE Publishing).

Andererseits verbleibt diese Rekonstruktion des Mordes an Walter Lübcke in einem dramaturgisch eher reservierten Vorgehen. So wie Raymond Ley dem Opfer offenbar nicht in Spielszenen zu nahetreten wollte, bleibt jenseits der Verhöre und der Tatortbegehung auch die Figurenzeichnung des Täters eher blass. Man erfährt zwar, dass Stephan Ernst eine Ehefrau und zwei Kinder hat, aber ansonsten bleibt der Alltag dieses Mannes gänzlich außen vor. Hier wäre etwas mehr fiktionaler Mut durchaus wünschenswert gewesen, um eine banale Normalität zu veranschaulichen, die solchen Tätern mit ihren abstrusen Anschauungen durchaus eigen ist.

28.12.2020 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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