Raymond Ley/Hannah Ley: Der große Fake – Die Wirecard‑Story (RTL)

Ungewohnt Gutes bei RTL

07.05.2021 •

Eine Entdeckung war der Film „Der große Fake – Die Wirecard-Story“ im Programm von RTL, wo er am 22. April zur besten Sendezeit ausgestrahlt wurde, schon. Denn Fernsehfilmproduktionen von qualitativem Ehrgeiz waren in den letzten Jahren eine Seltenheit im Angebot des Privatsenders und ein Doku-Drama, das dokumentarische Passagen mit fiktionalen verbindet, erst recht. Es half sicher, dass der Film von Hannah Ley (Buch) und Raymond Ley (Buch/Regie) von der Produktionsfirma Ufa Fiction hergestellt worden war, die wie RTL zum Bertelsmann-Konzern gehört.

Auf jeden Fall war das Unterfangen durchaus ambitioniert, den großen Skandal um die Manipulationen des börsennotierten Finanzdienstleisters Wirecard in dieser Form aufzuarbeiten. Denn die Ausstrahlung erfolgte schon zehn Monate nachdem die betrügerischen Machenschaften der in Bayern angesiedelten Firma im Juni 2020 aufgeflogen waren. Seither haben viele Journalisten versucht, Licht ins Dunkel dieses Skandals zu bringen, und nicht zuletzt hat der Deutsche Bundestag einen Untersuchungsausschuss eingerichtet, um den Fall aufzuklären. Am Tag der Ausstrahlung des RTL-Films wurde in diesem Untersuchungsausschuss Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) befragt, am Tag danach war es Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die Auskunft geben musste, inwiefern sie das Skandalunternehmen – etwa auf einer China-Reise im Jahr 2019 – politisch protegiert hatte.

Wer die Berichte über den Untersuchungsausschuss verfolgt, die Titelgeschichten und Dossiers der Tages- und Wochenzeitungen gelesen hatte, erfuhr durch den Film nicht viel Neues. Aber die komplexe Geschichte wurde immerhin in komprimierter und zudem unterhaltsamer Weise dargeboten. Zu den unterhaltsamen Momenten zählte beispielsweise, dass der Darsteller des Jan Marsalek, eines der führenden Manager der Wirecard AG, mitunter direkt in die Kamera sprach und sich somit an das Publikum wandte, um es auf Dinge und Ereignisse, die folgen würden, aufmerksam zu machen. Dieser inszenatorische Einfall war auch insofern möglich, als sich der reale Jan Marsalek seit dem Bankrott der Firma auf der Flucht befindet, so dass persönlichkeitsrechtliche Einwände von ihm nicht zu erwarten waren.

Tatsächlich ließ eine Nebenfigur des Skandals nach der Ausstrahlung der Produktion eine einstweilige Verfügung erwirken, so dass die Darstellung dieser Person aus dem Film herausgenommen wurde, wie er derzeit auf der RTL-Streaming-Plattform TV Now zu sehen ist (wobei dies allerdings nur bei Abschluss eines kostenpflichtigen Abonnements möglich ist). Sicher muss auch die Darstellung von Markus Braun, der jahrelang die Firma leitete, unter diesem rechtlichen Aspekt gesehen werden. Braun sitzt seit Juni 2020 in Untersuchungshaft und hat im Untersuchungsausschuss jedwede Auskunft verweigert. In der Darstellung des Films erscheint Braun so, als sei er jemand, der nicht nur betrogen hat, sondern auch selbst betrogen wurde. Eine Interpretation der Vorgänge, die man nicht teilen muss.

Dass man dem guten Film trotz der zahlreichen Werbepausen gerne folgte, lag auch an einem guten Ensemble, zu dem neben Franz Hartwig als Jan Marsalek noch Christoph Maria Herbst als Wirecard-Chef Braun, Götz Schubert als Vorsitzender des Aufsichtsrats und vor allem Nina Kunzendorf gehörte, die eine erfundene Journalistin spielt, die früh Merkwürdigkeiten um die Firma aufzuklären versucht. Die inszenierte Darstellung der Ereignisse wird unterbrochen von Interviews mit realen Beteiligten, die als Angestellte der Firma den Aufstieg und den jähen Fall miterlebt hatten, oder die beispielsweise ihre Ersparnisse verloren, die sie in Aktien des Unternehmens gesteckt hatten, dessen Börsenwert am Tag des Bankrotts den Bach runterging.

Verblüffend an diesem Wechselspiel zwischen dokumentarischer und fiktionaler Darstellung war, dass einige der realen Zeitzeugen fiktiver wirkten als manche der Schauspieler, die Personen aus der Wirklichkeit darzustellen hatten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Fahmi Quadir beispielsweise, eine reale Finanzmarkt-Rechercheurin aus New York, die mit Aktien handelt, wirkte, als sei sie eine attraktive Schauspielerin, wie sie da von der Regie in einem Luxusloft und auch mal mit ihrem Königspudel in Szene gesetzt worden war. Verglichen mit ihr agierte Nina Kunzendorf, die – wie gesagt – eine fiktive Journalistin spielte, mit der trockenen Sachlichkeit einer Person, die gerade einmal die Augenbraue hochzieht, wenn ihr bei der Recherche Dinge merkwürdig erscheinen.

Dass die Realität hier phasenweise fiktionaler wirkte als die Fiktion, gehört zur Geschichte selbst. Denn der Aufstieg von Wirecard war nur möglich, weil möglichst viele in der Wirtschaft, in der Politik, in der Finanzaufsicht und auch in den Medien das Märchen, also der Fiktion von einem erfolgreichen deutschen Finanzdienstleister glauben wollten. Zu den besten Szenen des Films gehörten denn auch jene Momente, in denen es denjenigen, die nach langem Zögern als Prüfer Beweise und Belege über das Vermögen des Unternehmens sehen wollten, endlich dämmert, dass es die Beweise nicht gibt. In diesen Szenen wurde der Film zu jener Farce, als die der reale Betrug rund um das DAX-gelistete Unternehmen Wirecard heute zu bilanzieren ist.

RTL wurde im Übrigen für das Wagnis, das der Sender mit der Finanzierung und Programmierung des Films einging, nicht belohnt. Der Zuschauermarktanteil dafür lag unter fünf Prozent. Der Film lief bei RTL im Rahmen eines Themenabend zum Wirecard-Skandal. Im Anschluss folgte von 22.15 bis 0.00 Uhr ein „RTL Extra Spezial“ zur Thematik.

07.05.2021 – Dietrich Leder/MK

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