Ralph Quinke: Top- oder Flopmodel? Die Laufstegmalocher. Reihe „Spiegel TV  Reportage“ (Sat 1)

Katzenjammer auf dem Catwalk

04.05.2015 •

Fotomodel zu sein, ist für viele junge Frauen der Traumjob schlechthin. Das war schon immer so. Seit dem Dauererfolg des TV-Formats „Germany’s Next Top-Model“ (Pro Sieben) sehnen Nachwuchs-Mannequins sich erst recht nach dem Jetset-Leben zwischen Laufsteg und rauschenden Partys. Der graue Alltag dreier Models, die Ralph Quinke für seine „Spiegel TV Reportage“ mit der Kamera begleitet hat, erscheint dagegen eher ernüchternd.

In dem Beitrag „Top- oder Flopmodel? Die Laufstegmalocher“ (Produktion: DCTP) wird nicht zum ersten Mal ein Blick hinter die Kulissen dieses Business geworfen. Quinkes Film ist aber nur rund 35 Minuten lang und der Autor kommt entsprechend direkt und unverblümt zur Sache. Schnörkellos beobachtet er den grauen Alltag der zierlichen Russin Katya. Sie hat schon einige internationale Erfolge verbucht und fängt nicht bei Null an. Ihre Agentur finanzierte den Flug nach Deutschland, wo man aber auf die 22-Jährige offenbar nicht gewartet hat – trotz ihrer Idealmaße und ihrer wirklich charmanten Erscheinung. Mutterseelenallein zieht die junge Frau ihren Rollkoffer hinter sich her und kommt, da sie die Sprache nicht kennt, am Fahrkartenautomat erst einmal ins Grübeln: „Vor zwei Tagen habe ich nur geweint. Den ganzen Tag nur geweint“, erklärt Katya vor der Kamera. Schon nach einigen Minuten jenseits von Blitzlichtgewitter und Covershooting ist das Model-Business ziemlich entzaubert.

Neben Katya beobachtet der Film noch Nadja, eine langbeinige 15-Jährige aus München, und Kristians, einen 22-Jährigen Letten, der bereits seit fünf Jahren Profi ist und in Asien Erfolge verbuchen konnte. Jobs, bei denen man laut Auskunft eines Modefotografen „bis zu 10.000 Dollar Gage täglich“ erhält, verdienen die hier porträtierten Models alle drei nicht. Diesem Traum hecheln sie jedoch gnadenlos hinterher. Die Reportage dokumentiert dabei den schmucklosen Alltag einer oft ergebnislosen und zermürbenden Akquise. Es ist ein aufreibender Knochenjob, bei dem man, bitte schön, immer natürlich sein und von innen heraus herzlich lächeln muss.

Wenigstens Katya scheint beim Klinkenputzen Erfolg zu haben. Ein Fotograf, die in ihr auf den ersten Blick nur eine weitere „graue Maus“ sah, schwärmt plötzlich davon, wie sie vor seiner Kameralinse förmlich „aufblüht“. Auch die Redakteurin einer Modezeitschrift lobt Katyas authentischen Ausdruck und ihre gepflegten Haare. Eine Szene wie beim Fleischbeschauer. Eine Jobgarantie? Fehlanzeige. Katya darf sich unentgeltlich ablichten lassen, um sich neben vielen anderen für ein Shooting zu bewerben. Die Konkurrenz ist groß. Agenturbetreiber und Fotografen müssen aus der Vielzahl der Bewerber möglichst schnell und effektiv die ‘Spreu vom Weizen’ trennen.

Mit leicht genervtem Unterton erklärt eine Fotografin, die junge Nadja, die wohl zum ersten Mal vor einer Kamera posiere, sei „noch etwas schüchtern“. Und sie fährt fort: „Von den Gesichtsausdrücken könnte eigentlich ein bisschen mehr kommen.“ Einem Profimodel müsse man keine Anweisungen mehr geben. Ein Stichwort genüge, woraufhin der Profi von sich aus jede Menge Gesichtsausdrücke anbiete. Für derartige Nachhilfe ist aber im Alltag kein Platz. Die Mädchen müssen funktionieren. Oder sie haben keine Chance. „Man ist“, so die Fotografin weiter, „nicht so behütet wie in der idealen Modelvilla von Heidi Klum. Es ist ein härteres Business, als es dort dargestellt wird.“ Katzenjammer auf dem Catwalk.

Der Film drängt sich keineswegs als hämischer Spielverderber auf. Es werden lediglich einige Dinge zurechtgerückt. Ohne Schadenfreude dokumentiert Ralph Quinke, was geschieht, wenn routinemäßige Prozesse greifen und Profis ihren Job erledigen. Von Starallüren und Modelromantik bleibt dabei nicht viel übrig. Entsprechend erschöpft und desillusioniert sinkt die Russin Katya nach einem relativ ergebnislosen Arbeitstag auf ihr Hotelbett und skypt mit ihrem Mann, der ein paar Tausend Kilometer entfernt ihre kleine Tochter vor die Webcam hält. Ein gar herzzerreißendes Bild – bei dem der Film (340.000 Zuschauer, Marktanteil: 4,2 Prozent) den schauspielerischen Qualitäten des porträtierten Models allerdings ein wenig auf den Leim geht. Für diesen kurzen, aber informativen Blick hinter die Kulissen der „Laufstegmalocher“ hat sich das Wachbleiben bis zur nachtschlafenden Stunde aber trotzdem gelohnt.

04.05.2015 – Manfred Riepe/MK

Aufreibender Knochenjob: „Den ganzen Tag nur geweint“

Fotos: Screenshots


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