Ralf Rättig: Stefan George – Das geheime Deutschland (3sat)

Der Dichterfürst, der einen Attentäter inspirierte

31.07.2018 •

31.07.2018 • Der Film setzt ein mit einem sybillinischen Gemunkel. War der Dichter Stefan George „ein Fabelwesen“? Ein „Wesen aus einer anderen Zeit“? Der „Einbruch einer fremden Mentalität“? Der Kommentator spricht von einem „Raunen“, das allein von Stefan George geblieben sei. Droht da eine schwülstige Ode an einen Dichterfürsten in der Manier der frühen Fernsehjahre? Auch in der heutigen Zeit geraten solche Huldigungen noch gelegentlich in die Programme, wenn Filmautoren allzu ergriffen sind vom Gegenstand ihrer Arbeit.

Stefan George als ambivalente Gestalt der Literaturgeschichte zu umschreiben, wäre eine Untertreibung. Der 1868 geborene, 1933 verstorbene George war ohne Frage ein Lyriker von Rang und mit exorbitantem Einfluss. Aber auch ein Zeitgenosse ganz eigener Art, der einen anfangs offenen, dann autokratisch geführten Kreis von Gleichgesinnten und jungen Nachwuchsautoren um sich versammelte (George-Kreis). Wobei nicht immer der rein literarische Aspekt ausschlaggebend war für die Aufnahme in die elitäre Runde. Georges homoerotisches Interesse steht heute außer Frage und wäre kein Thema, hätte es sich nicht teils auch auf Minderjährige gerichtet. Eine heikle Angelegenheit, ein Jahrhundert später nicht mehr einwandfrei zu klären. Wie also sich verhalten zu Stefan George?

Der 3sat-Film über den Dichter wurde anlässlich von dessen 150. Geburtstag ausgestrahlt, Stefan George wurde am 12. Juli 1868 in Büdesheim an der Nahe geboren. Der Filmautor Ralf Rättig, der der Redaktion des 3sat-Magazins „Kulturzeit“ angehört, liefert in seiner 50-minütigen Dokumentation zunächst einmal die zum Verständnis notwendigen biografischen Daten und erläutert den zeitgeschichtlichen Hintergrund. Allein das führt schon zu allerlei Verästelungen. Bemerkenswert, angesichts des Verhaltens anderer Intellektueller wie Thomas Mann und Gerhart Hauptmann beinahe überraschend sogar, dass Stefan George nicht dem nationalistischen Pathos verfiel, als Deutschland in den Ersten Weltkrieg zog.

Die nachfolgende Republik fand ebenso wenig Gnade vor seinen Augen, George propagierte einen hierarchischen Staat und rief ein – so der Titel eines seiner Gedichte – verklärendes „Geheimes Deutschland“ aus, ließ sich aber wiederum auch von den Nationalsozialisten nicht für deren in seinen Augen niedere Sache einspannen. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hätte den bei einem Teil der Jugend beliebten George gern als Präsident einer neuen deutschen Akademie für Dichtung gehabt. George lehnte ab. Und: Zu Georges Kreis gehörte der Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der die Legitimation für seinen Widerstand unter anderem aus George-Gedichten bezog.

Das alles bisher sind gleichsam nur ein paar Stichworte zu einer höchst komplexen Persönlichkeit. Ralf Rättig gelingt es tatsächlich, diese überbordende Materialfülle zu strukturieren, die wesentlichen Punkte anzusprechen und verständlich zu präsentieren. Diese Leistung ist umso höher zu bewerten, als natürlich kaum zeitgenössische Filmdokumente zur Verfügung standen. Als hilfreich erweist es sich da, dass Rättig Experten vor die Kamera holt, sie aber nicht in den Interviewsessel bittet, sondern mit ihnen an die Schauplätze geht, die Georges Leben bestimmt haben. Das funktioniert sogar dann, wenn die damaligen Gebäude gar nicht mehr vorhanden sind. Maik Bozza etwa, Leiter des Stefan-George-Archivs in Stuttgart, gehört zu diesen Fachleuten, auch Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin des „Philosophie-Magazins“, die den eng mit Stefan George verbundenen Begriff des Charismas erläutert.

Zudem schafft Rättig originelle Interviewsituationen: Der Journalist und Schriftsteller Simon Strauß beispielsweise steht auf einem Balkon, wird von einer unsichtbaren Person aus dem Gebäudeinneren befragt und von einem Nachbarbalkon aus gefilmt – ein Gegenentwurf zu den klassischen, stereotypen Expertenbildern, die stets halbnah oder nah abgelichtet und lichtgestalterisch herausgehoben, mithin hierarchisierend inszeniert werden.

Ganz ohne Abstriche geht es aber dann doch nicht. Rättig konzentriert sich auf Georges Schaffen, auf seine Philosophie, seinen Kreis von Jüngern und Gefolgsleuten. Ein Außenseiter wird sich fragen: Wie gestaltete sich der ökonomische Alltag eines solchen Lyrikers? Stefan George reiste viel, hatte verschiedene Wohnsitze – war die Dichtkunst Anfang des 20. Jahrhunderts derart einträglich? Hier bleibt der Autor denn doch allzu sehr im Fach, das Interesse einer breiteren Zuseherschaft vernachlässigend.

Dennoch erweist sich der Film, nicht zuletzt der historischen Einbettung wegen, als sehenswert nicht nur für Literaturinteressierte. Rättig verklärt den Dichter nicht, dessen Lebensentwurf, so heißt es abschließend und nach dem Gesehenen nun nachvollziehbar, „uns fremd bleiben muss, weil er ganz in seine Zeit gehört. Nicht in unsere.“ Eine solche Distanz würde man sich häufiger wünschen. Denn ebenso wenig gehören filmische Lorbeerkränze in unsere Zeit, die den Genius der jeweils porträtierten Künstlergestalt herausstellen und deren Schattenseiten verschweigen.

31.07.2018 – Harald Keller/MK

` `