Ralf Bonsels: Ruhe sanft und günstig – Das Bestattungsgeschäft im Umbruch. Reportage des Wirtschaftsmagazins „Makro“ (3sat)

Särge aus Osteuropa

18.11.2016 •

18.11.2016 • Es ist beinahe ein wenig modisch geworden, namentlich den öffentlich-rechtlichen Sendern eine mangelhafte Pflege des abendfüllenden Dokumentarfilms anzukreiden. Unberücksichtigt bleibt dabei häufig die Frage, ob diese Form jedem Thema angemessen ist und ob sie gerade in Zeiten nicht-linearen Fernsehens über den kleinen Kreis der Genre-Fans hinaus noch genügend Interessenten anspricht. Bei einem – vorgezogenen – Blick zurück aufs Fernsehjahr zeigt sich jedenfalls, dass in den Haupt- und Nebenprogrammen der öffentlich-rechtlichen Sender die Zahl ambitionierter Reportagen mit einer Laufzeit zwischen 30 und 45 Minuten zugenommen hat. Da geht es nicht mehr nur um die Apfelblüte im Alten Land oder dergleichen, sondern es werden gegenwärtige Themen angepackt und fürs Publikum gut aufbereitet.

Ein Beispiel findet sich mit der Reportage – oder Kurzdokumentation – „Ruhe sanft und günstig“, die 3sat unter dem Dach seiner wöchentlichen Wirtschaftsreihe „Makro“ ausstrahlt. Zu Beginn seines Films über die Bestattungsbranche zeigt Autor Ralf Bonsels die Vorbereitungen zu einer Trauerfeier, wie sie für ältere Zuschauer die Norm darstellen dürfte: ein aufgebahrter Sarg inmitten von Blumengestecken und Buchsbäumchen, Kerzenständern und anderen Dekorationsgegenständen. Doch diese Form der Bestattung ist längst nicht mehr die Norm. Die Bräuche ändern sich. Jüngere Generationen hegen andere Vorstellungen, auch die Vorschriften nicht christlicher Religionen tragen dazu bei. Während immer mehr Deutsche die Einäscherung nebst Urnenbestattung vorziehen, halten beispielsweise Muslime an der Erdbestattung fest. Und sie wünschen Grabstellen auf Dauer, während auf deutschen Friedhöfen Befristungen üblich sind. Sofern keine Verlängerung vorliegt, kann ein Grab nach einer gewissen Karenzzeit neu vergeben werden. Für gläubige Muslime unverständlich.

Da „Makro“ wie erwähnt ein Wirtschaftsmagazin ist, gilt in dem halbstündigen Film das Augenmerk des Autors naturgemäß den gewerblichen Gesichtspunkten. Nicht ganz so neu, wie in dem Beitrag behauptet, ist das Phänomen, dass Discounter alteingesessenen Bestattungsunternehmen Konkurrenz machen. Diese Preisbrecher traten schon in den 1980er Jahren in den Markt ein. Aber der Aspekt wird richtigerweise angesprochen, weil er sich mit den Jahren verschärft hat. Die Bestattungsbranche umfasst nicht nur die Beerdigungsunternehmer, sondern außerdem Friedhofsgärtner und Steinmetze, Hersteller von Trauerkarten und die Tageszeitungen mit ihren Traueranzeigen. Auch Behörden und die kommunalen Friedhöfe selbst erzielen Einnahmen. Doch die Kundschaft ist, auch als Folge der Wirtschaftslage, preisbewusster geworden. Särge kommen heute nur noch selten aus der örtlichen Sargtischlerei, sondern en gros aus Osteuropa. Jenseits der östlichen Grenzen gibt es auch Krematorien, die billiger arbeiten als die hiesigen.

Weltanschauliche Veränderungen wirken sich ebenfalls aus. Private Unternehmen bieten heute Alternativen zum städtischen Friedhof. Friedwälder zum Beispiel oder Kolumbarien, Seebestattungen und anderes mehr. Zu den Vorzügen dieser „Makro“-Reportage gehören die kritischen Nachfragen. Häufig führt eine ökologisch orientierte Weltanschauung zu dem Wunsch, nach der Einäscherung in einem Friedwald unter Bäumen begraben zu werden. Doch ökologisch ist dies nach Expertenmeinung gerade nicht – demnach belaste Aschenlauge mit Chrom- und Nickelrückständen die Böden. Ein Vorwurf, dem im Film die Sprecherin der gewerblichen Friedwald GmbH widerspricht.

Aus einer Reihung von Phänomenen ergibt sich in der Summe die Bestandsaufnahme eines Branchenwandels, der wirtschaftliche, soziale und kulturelle Gründe hat, also auch etwas über unsere Gesellschaft aussagt. Die ökonomischen Aspekte werden durch Animationssequenzen veranschaulicht (Grafik: Titus Gust), die die Informationen verständlich aufbereiteten, musikalisch und bildlich die US-Kultserie „Six Feet Under“ zitieren und überhaupt einen gewissen Witz aufbieten, der entfernt an Terry Gilliams Arbeiten für die britische Komikertruppe Monty Python’s Flying Circus erinnert. Für Freunde des bedächtigen dokumentarischen Langfilms vermutlich ein Frevel, aber ein geeignetes Mittel, ‘Normalzuschauer’ für das Thema zu interessieren und an die Sendung zu binden. Sei es im linearen oder im nicht-linearen Fernsehen.

18.11.2016 – Harald Keller/MK

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