Rainer Komers: Barstow, California (3sat)

Ein dokumentarisches Gedicht

08.12.2019 •

An einem verhängnisvollen Tag des Jahres 1977 ging Spoon Jackson in seiner Heimatstadt Barstow, Kalifornien, aus dem Haus. Er hatte nicht die Absicht, jemanden zu töten. Doch dann erschoss er einen Mann. Diese Tat, für die man ihn zu lebenslänglicher Haft ohne Möglichkeit auf Bewährung verurteilte, markierte den verhängnisvollen Endpunkt einer unheilvollen Entwicklung, auf die sein Leben zugesteuert war. Warum dies so ist, wurde Jackson allerdings erst allmählich hinter Gittern bewusst. Dort begann für ihn ein anderes Leben: Über die Jahre hinweg entwickelte er sich zu einem feinfühligen Poeten und Schriftsteller – für dessen Gedichte sogar Samuel Beckett Bewunderung zeigte.

In seinem neuen Dokumentarfilm, der unter anderem auf der diesjährigen Duisburger Filmwoche gezeigt wurde, lässt Rainer Komers den nach wie vor inhaftierten Afroamerikaner Passagen lesen aus dessen 2010 erschienener Autobiografie „By Heart: Poetry, Prison and Two Lives“. Die Audioaufnahmen entstanden im kalifornischen Gefängnis ‘New Folsom Prison’, das in der Nähe von Sacramento liegt. Jackson selbst ist im Film nicht zu sehen. Sein Text, der in Auszügen zuweilen auch von Passanten auf der Straße verlesen wird, bildet dennoch die formale Klammer in dem 75-minütigen Film.

Gegenüber der früheren Arbeitsweise von Rainer Komers – etwa in „ErdBewegung“ (vgl. FK-Heft Nr. 22/04), „Ma’rib“ (vgl. FK-Heft Nr. 24/09) oder zuletzt „Ruhr Records“ (vgl. MK-Kritik) – ist in „Barstow, California“ folglich eines neu: die Verwendung von Sprache. In den vorangegangenen Filmen des Autors und Regisseurs war Sprache sehr stark zurückgenommen. Sie rangierte gleichrangig mit Geräuschen, ungefähr so wie in Filmen des französischen Komikers Jacques Tati (1907-1982), der in seinen Komödien („Monsieur Hulot“) auf Dialoge verzichtete.

Dennoch ist Komers sich in „Barstow, California“ auf überraschende Weise treu geblieben. Der Filmemacher unternimmt Streifzüge durch die Heimatstadt des heute 62-jährigen Spoon Jackson. Im Gegensatz zu einem konventionellen Dokumentarfilm oder einer Fernsehdokumentation geht es Komers dabei nicht um eine journalistische Bearbeitung des Themas und auch nicht um soziologisch-politische Beobachtungen. Dass der aus der schwarzen Unterschicht stammende Jackson ein Opfer des amerikanischen Systems und des in ihm obwaltenden Rassismus ist – diese Moral wird nicht durch die Auswahl der Fakten vermittelt. Der Blick auf Barstow ist nicht thematisch fokussiert. Wie in Komers’ früheren Filmen ist die exponierte Montage zentrales Stilelement.

So erscheinen auch die Streifzüge durch Barstow, eine Bergbausiedlung zwischen Los Angeles und Las Vegas, wieder wie eine freie Assoziation. Da hält ein Mann mit dem Wagen und spricht einige Sätze über eine alte Brücke, an der ihm persönlich etwas liegt. Eine Frau erinnert sich an ihre Kindheit, in der die Mütter anderer Familien sich gegenseitig bei der Beaufsichtigung der Kinder unterstützten. Afroamerikaner streifen durch die Wüste und erzählen, wie es hier früher ausgesehen hat. Zu Wort kommt auch eine Geologin, die über spezifische Verwerfungen in den Gesteinsformationen in der Gegend von Barstow, Kalifornien, spricht.

Bilder, Statements und Eindrücke verknüpfen sich hier nicht zu einer argumentativen Kette im üblichen Sinn. Dennoch ist die Auswahl der Bilder, die teilweise wie Gemälde wirken, nicht beliebig. Natur und Kultur, Handel und Wandel werden mit der Kamera seziert wie von einem Chirurgen. Durch diese unaufdringliche Art der Betrachtung, die zuweilen touristisch anmutet, ohne tatsächlich im naiven Sinn touristisch zu sein, bekommt man beim Zusehen eine Beziehung zu dem Ort. Es ist, als ob die triste Bedeutungslosigkeit dieser Stadt zum Sprechen gebracht wird. Und während des Hinsehens fragt man sich immer wieder: Wer war dieser Spoon Jackson, der hier lebte?

Der Film selbst lässt ihn nur durch seine poetische Autobiografie zu Wort kommen. Passanten, die sich vor der Kamera äußern, erinnern sich an Fragmente seiner Biografie. Vertiefende Hintergründe über Jacksons Lebens- und Leidensgeschichte muss der Zuschauer sich aus anderen Quellen zusammensuchen. Der Film ist – der Titel sagt es – keine Dokumentation über Spoon Jackson. Was man aus dem Film selbst über den Gefängnispoeten erfährt, entspricht einer audiovisuellen Anknüpfung an sein Werk. „Barstow, California“ ist ein dokumentarisches Gedicht. Ein Poem, das nicht aus im üblichen Sinn aus Formulierungen und Reimen geformt ist. Sondern aus Kameraeinstellungen, Pausen und Beobachtungen. Es ist, als ob die Banalität des Alltags plötzlich über sich selbst spricht.

08.12.2019 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 21/2020

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