Rainer Kahrs: Die Akte BND, 2-teilige Dokumentation. Teil 1: Waffengeschäfte deutscher Reeder, Teil 2: Der Geheimdienst und sein erster Waffenhändler (ARD/Radio Bremen)

Inhaltlich brisant, formal misslungen

31.03.2019 •

„Jetzt, nach sieben Jahren komplizierter Recherche, fahre ich doch noch einmal los“, lautet der erste Satz des Films „Waffengeschäfte deutscher Reeder“. Wenn ein Autor im Einstiegssatz, der den Zuschauer ja eigentlich neugierig machen sollte auf den Inhalt des Films, erst einmal sich selbst ins Spiel bringt, ahnt man natürlich sofort: Unter mangelndem Selbstbewusstsein leidet der Mann nicht.

Zu sehen sind dann nachgestellte Szenen einer Dokumentenübergabe. Aus dem Material, das ein Informant dem Filmemacher Rainer Kahrs übergibt, geht hervor, wie ein Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) – der Mann trägt den Decknamen Klaus Hollmann – ab 2009 Schiffe der mittlerweile insolventen Bremer Reederei Beluga genutzt hat, um Waffen in Regionen zu liefern, für die ein EU-Embargo gilt – etwa in den Südsudan, nach Myanmar und in den Jemen.

Was Kahrs hier im ersten Teil des von Radio Bremen für die ARD hergestellten Dokumentationszweiteilers „Die Akte BND“ präsentiert, ist brisant, vor allem wenn man bedenkt, dass der BND vom Bundeskanzleramt, das sich gegenüber dem Filmemacher inhaltlich nicht äußert, beaufsichtigt wird. Skandalös ist beispielsweise, dass die Bremer Staatsanwaltschaft in einem Verfahren, in dem Hollmann Beschuldigter war, damit vorliebnahm, dass dessen Rechtsanwalt für ihn aussagte – und auch noch akzeptierte, seinen bürgerlichen Namen nicht erfahren zu haben. Der BND-Experte Erich Schmidt-Eenboom sagt dazu gegenüber Autor Rainer Kahrs, so etwas sei „in einem Rechtsstaat eigentlich unvorstellbar“.

Angesichts der Tragweite der Recherchen ist es äußerst ärgerlich, dass der Film (1,09 Mio Zuschauer, Marktanteil: 6,7 Prozent) nach zehn Minuten aus den Fugen gerät. Kahrs überfrachtet den Zuschauer mit Informationen, verliert sich in Nebensächlichkeiten. Man erfährt, dass der frühere Beluga-Chef Niels Stolberg „drei Krebsoperationen hinter sich hat“ und bekommt gleich zweimal mitgeteilt, dass er gegen ein Urteil in einer Wirtschaftsstrafsache – bei der es gar nicht um Waffenhandel geht – Revision eingelegt hat. Außerdem werden die Bilder hier geradezu zugequatscht. Wenn zu sehen ist, wie ein Schiff im Hafen der kenianischen Stadt Mombasa, einer Zwischenstation der Waffen auf dem Weg in den Südsudan, entladen wird, darf die Information nicht fehlen, dass „bewaffnete Soldaten aufpassen“ – obwohl der Zuschauer das selbst sieht.

Ein weiteres Problem: Kahrs ist vernarrt in Spielereien. Immer wieder ist zu sehen, wie er mit der Kamera seines Smartphones Akten und Mails ins Visier nimmt und auf dem Bildschirm des Telefons Schlagworte, Namen oder Zahlen vergrößert. Noch weniger erschließt sich der Sinn der hier vielfach verwendeten Zeichnungen, die der Grafiker Oliver Kurth beigesteuert hat. Die Information, dass bezüglich der Kommunikation zwischen dem früheren Beluga-Charterdirektor und Hollmann 426 Mails vorliegen, muss unbedingt ins Bild gesetzt werden. Man sieht dann einen „Stapel“ von Mails. Auch private Vorlieben des klarnamentlich nicht bekannten Waffenhändlers werden visualisiert, zum Beispiel, dass er gerne Skat spielt und Opern „igittitgitt“ findet.

Man ist dann schon beinahe froh, wenn ein Experte zu Wort kommt, der einmal etwas Substantielles zu Protokoll gibt. Der Grünen-Politiker Frithjof Schmidt etwa, der seit 2009 dem Auswärtigen Ausschuss des Bundestags angehört und erklärt:. Was der BND-Mann Hollmann getan habe, sei völkerrechtswidrig, er habe „gegen die Intention der Bundesregierung“ gehandelt, die die Embargos gegen die mit Hilfe von Beluga-Schiffen belieferten Länder mitbeschlossen habe.

Der zweite Teil des ARD-Schwerpunkts „Die Akte BND“ – der Film „Der Geheimdienst und sein erster Waffenhändler“ – ist inhaltlich ebenfalls hochinteressant. Die Geschichte von Gerhard Mertins und der 1963 von ihm gegründeten BND-Waffenfirma Merex, die wiederum Rainer Kahrs hier erzählt, ist allerdings in weiten Teilen bereits recht gut dokumentiert. Mertins, eine Art Vorläufer des mysteriösen Klaus Hollmann, war in der NS-Zeit bei der Waffen-SS gewesen – und damit dafür prädestiniert, 1956 in die Dienste des BND zu treten, der in den 1950er Jahren gern auf alte Nazis zurückgriff. Zwischen dem 1993 verstorbenen Gerhard Mertins und Klaus Hollmann gibt es eine signifikante Parallele: Beide wurden juristisch nie belangt.

Den praktischen Umgang mit Waffen hatte der einstige Waffen-SS-Mann Mertins offenbar auch während seiner Tätigkeit als Geschäftsmann nicht verlernt. Der spätere „Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert erzählt im zweiten Teil von „Die Akte BND“, dass Mertins ihn 1974 bei einem Treffen im Zuge von Recherchen für das ARD-Politmagazin „Monitor“ (WDR) mit einem Gewehr bedroht habe.

Auch im Beitrag „Der Geheimdienst und sein erster Waffenhändler“ (690.000 Zuschauer, Marktanteil: 6,0 Prozent) frönt Autor Rainer Kahrs seinem Spieltrieb. Weil Mertins zwischenzeitlich plante, die Zentrale für seine Geschäfte im Bremer Hafengebiet anzusiedeln, lässt der Filmemacher eine Drohne über Teile des heutigen Hafenbeckens fliegen. In Anlehnung an ein berühmtes Bonmot des Showmasters Hans-Joachim Kulenkampff ließe sich an dieser Stelle sagen: Wie Sie sehen, sehen Sie fast nichts. Und als zur Sprache kommt, dass Mertins gegenüber einem Staatsanwalt die ihm politisch nahestehende rechtsextreme chilenische Sekte Colonia Dignidad verharmloste, die er offenbar im Auftrag des BND besucht hat, kommt mal wieder Zeichner Oliver Kurth zum Einsatz: Zunächst referiert ein Historiker die Aussage von Mertins, es gebe in der Colonia keine Folterkeller. „Folterkeller gibt’s da nicht“, sagt dann gleich darauf der Sprecher. Und dann? Fügt der Zeichner einer Illustration des Gesprächs zwischen Mertins und dem Staatsanwalt den Satz „Folterkeller gibt’s da nicht“ hinzu.

Wie so oft bei den beiden jeweils 45-minütigen „Akte-BND“-Filmen fragt man sich auch an dieser Stelle wieder kopfschüttelnd: Was soll das alles bloß? Immerhin ist der Zweiteiler gewissermaßen auf erhellende Weise misslungen. „Die Akte BND“ ist jedenfalls geeignet dafür, auf Workshops und in Seminaren vorgeführt zu werden – als Beispiel dafür, wie man es formal lieber nicht machen sollte.

31.03.2019 – René Martens/MK

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