Rabiat. Reportage-Reihe, 2. Staffel (ARD/Radio Bremen)

Aus dem „Funk“-Kosmos

23.06.2019 •

• Die zweite Staffel der Reihe „Rabiat“ bestand aus folgenden drei Filmen: Anne Thiele: Arsch hoch, Deutschland! (13.5.), Gülseren Ölcüm: Deutschland den Deutschen? (20.5.), Manuel Möglich: Scheißjob Bulle (27.5.)

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Sie komme aus einer „Akademikerfamilie“, habe insofern einen „finanziell sicheren Hintergrund“ und könne von ihrem Job „einigermaßen gut leben“. Es sei „irgendwie schon immer klar“ gewesen, „dass alles gutgehen wird“. Das sagt die Autorin Anne Thiele zu Beginn ihrer Reportage „Arsch hoch, Deutschland!“, in der sie sich mit dem Thema Armut befasst. Dass Journalisten in solch einem Kontext ihre eigene Situation bzw. ihre Privilegien reflektieren, ist eher ungewöhnlich. In der Reportage „Deutschland den Deutschen?“, die sich mit dem Rechtsruck hierzulande befasst, gibt es eine auf ähnliche Weise für Transparenz und Ehrlichkeit stehende Passage. „Ich freu mich drauf, auch wenn man mir’s jetzt nicht ansieht“, sagt Autorin Gülseren Ölcüm vor einem Interview mit dem CDU-Politiker, Publizisten und Fernsehmoderator Michel Friedman. Sie ist aufgeregt, weil sie Friedmans offensiven Diskussionsstil ein bisschen fürchtet.

„Arsch hoch, Deutschland!“ und „Deutschland den Deutschen?“ sind Teil der drei Reportagen umfassenden zweiten Staffel von „Rabiat“. Die erste Staffel der von Radio Bremen verantworteten ARD-Reihe, gestartet am 30. April vorigen Jahres, hatte noch aus sechs Filmen bestanden (vgl. MK-Artikel). Hinter „Rabiat“, einem Format, bei dem der Autor regelmäßig das Publikum direkt anspricht, steht das Y-Kollektiv, das Teil des gemeinsam von ARD und ZDF veranstalteten Online-Jugendangebots „Funk“ ist und hier wöchentlich eine neue Reportage präsentiert. Etwas größere Aufmerksamkeit in den klassischen Medien bekam das Y-Kollektiv kürzlich aufgrund einer Investigativ-Reportage, in deren Zentrum ein Mann stand, der behauptete, mit Hilfe von Fake-Accounts bei Streaming-Plattformen die Verkaufszahlen deutscher Hip-Hop-Acts in die Höhe getrieben zu haben. Titel des Films: „Der Rap Hack: Kauf dich in die Charts! Wie Klickzahlen manipuliert werden.“

Anne Thieles erste Gesprächspartnerin in „Arsch hoch, Deutschland!“ ist die 30-jährige Kerstin, die als alleinerziehende Mutter in Berlin-Marzahn lebt. Sie verdient 990 Euro im Monat und bekommt als Hartz-IV-Aufstockerin zusätzlich 109 Euro. Die Autorin begleitet sie unter anderem an einem Neujahrsmorgen beim Flaschensammeln (Ertrag: 4 Euro in zweieinhalb Stunden). Kerstin sei „noch nie aus Deutschland rausgekommen“, das sei „echt hart“, sagt Thiele: „Es gibt immer Menschen, denen es noch schlechter geht, aber, ey, das ist doch kein Argument.“ Thiele trifft darüber hinaus unten anderem einen eloquenten langjährigen Hartz-IV-Bezieher, der zwischendurch mal bei der Linkspartei aktiv war und jetzt als Nachtwächter arbeitet, einen im AfD-Milieu anzusiedelnden arbeitslosen Maurer und einen „Hartz-IV-Empfänger im Widerstand“, der das Ziel hat, das Hartz-IV-Gesetz vor dem Bundesverfassungsgericht zu Fall zu bringen.

So sinnvoll es hin und wieder sein kann, dass Autoren Dinge von sich preisgeben: Ob es jemanden interessiert, dass Anne Thieles erster Job Babysitterin war, ist eine andere Frage. Im Lauf des Films trifft sie bei einer Stippvisite in ihrem früheren Wohnviertel in Jena dann noch eine Erzieherin aus ihrem einstigen Kindergarten (mit der sie aber nie zu tun hatte). Auch das ist für den Film nur bedingt relevant und angesichts der allesamt interessanten Gesprächspartner ist es schade, dass hier Zeit für solche Details aus dem Leben der Autorin draufgeht.

Beim Beitrag „Deutschland den Deutschen?“ erweisen sich einige Formulierungen der Autorin Gülsen Ölcüm als störend. Vor einem Gespräch mit der früheren AfD-Bundesvorsitzenden Frauke Petry (jetzt: Die blaue Partei) sagt die Filmemacherin: „Sie ist seit 14 Stunden auf den Beinen.“ Ölcüm erwähnt das, weil Petry zu diesem Zeitpunkt hochschwanger ist. Andererseits: Dass Journalisten einen Hang dazu haben, die Aufopferungsbereitschaft von Politikern herauszustellen, ist unangemessen, denn niemand zwingt Letztere zu physischen Höchstleistungen. Und in einer Szene vor einer Demonstration, an der die von Ölcüm hier porträtierte Gruppierung „Omas gegen Rechts“ teilnimmt, ist die Autorin mit einem Demo-Schild zu sehen. „Ich bin keine Oma, ich halte dieses Schild aber trotzdem hoch, hahaha“, sagt sie. Mag ja sein, dass das dem Bemühen geschuldet ist, angesichts des ernsten Themas etwas Lockerheit in den Film zu bringen. Dennoch: Ölcüm hätte das lieber sein lassen sollen.

In den Gesprächen dagegen agiert Ölcüm besser, jedenfalls gelingt es ihr, ihren Interviewpartnern aufschlussreiche Äußerungen zu entlocken. Als sie sich mit Michel Friedman über den Grad ihres Pessimismus angesichts der politischen Lage in Deutschland unterhält, erläutert dieser, warum er skeptischer ist als die Autorin. Er habe die „Lügen­legenden“ und die „Verlogenheit der Nach-Nazi-Zeit“ noch miterlebt. Was jetzt in Deutschland zu beobachten sei, sei „subkutan immer da gewesen“. Und wenn die AfD in die Bundesregierung einträte, egal ob als „Junior- oder Seniorpartner“, werde er das Land verlassen, sagt Friedman, der von 2000 bis 2003 stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland war. Außerdem bringt Ölcüm den Soziologen Wilhelm Heitmeyer, der hier noch einmal den von ihm geprägten Begriff „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ erläutert und auf seine diesbezüglichen Studien seit 2002 eingeht, dazu, einzuräumen, dass er in seinem persönlichen Umfeld oft Fehler gemacht habe. „Um des lieben Friedens willen“ habe er auf Familienfeiern bei rassistischen Äußerungen „nicht interveniert“.

In Gülseren Ölcüms Film stimmt die Balance zwischen persönlichen Schilderungen der Autorin und dem eigentlichen Thema. Bei Anna Thiele stimmt sie nur so einigermaßen. Im dritten Film der zweiten „Rabiat“-Staffel stimmt sie dagegen gar nicht. Manuel Möglich, der Autor des Beitrags „Scheißjob Bulle“, nimmt sich selbst zu wichtig. Ob er nun mit Polizeischülern redet – und mit einem Ex-Azubi, der wegen Rassismus unter Polizeikollegen jetzt lieber Architektur studiert –, oder in Hamburg eine Nachtschicht bei der Bereitschaftspolizei mitmacht: Ihm gelingt es nicht, beim Zuschauer Interesse für seine Gesprächspartner zu wecken. Und manchmal weiß man auch gar nicht, ob er das überhaupt will. 

„Scheißjob Bulle?“ wirkt eher wie ein Film über Manuel Möglich, der Polizisten und Experten trifft. Möglich fährt mal hierhin, mal dorthin, eine Dramaturgie ist aber nicht erkennbar. Einen Schlenker zum Thema Polizeigewalt bei den Demonstrationen gegen den G20-Gipfel in Hamburg 2017 macht Möglich auch und auf allgemeinerer Ebene ist Gewalt durch Polizisten Thema in einem Gespräch mit Tobias Singelnstein, Professor für Kriminologie an der Juristischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Er äußert sich dazu, dass es bei Ermittlungen gegen Polizisten wegen Körperverletzung im Amt nur in „zwei bis drei Prozent“ der Fälle zu einer Anklage kommt. Singelnstein scheint sich allerdings nicht wohl zu fühlen in seiner Haut, er wirkt so, als frage er sich, wo er hier eigentlich hineingeraten ist, und falls Möglich sich ihm gegenüber ähnlich hallodriartig aufgeführt haben sollte, wie er dem Zuschauer gegenüber auftritt, kann man das gut verstehen.

Bei aller Skepsis gegenüber einzelnen „Rabiat“-Filmen oder Teilen davon: Es wäre wünschenswert, wenn häufiger Produktionen aus dem „Funk“-Kosmos, diesem innovativen Inhalte-Netzwerk, ins Schaufenster des linearen Fernsehens gestellt würden, weil so ein besserer Übergang in die Zukunft gewährleistet sein könnte. Denn: In fünf bis zehn Jahren – wenn ein Teil der derzeitigen Zielgruppe des erst im Herbst 2016 gestarteten Online-Jugendangebots von ARD und ZDF älter geworden ist –, dürfte beispielsweise die von „Rabiat“ praktizierte Machart im linearen Fernsehen stärker präsent sein als jetzt.

23.06.2019 – René Martens/MK