Queen of Drags. 6-teilige Casting-Show mit Heidi Klum, Conchita Wurst und Bill Kaulitz (Pro Sieben)

Schminke, Glitzer und ein wenig Message

20.12.2019 •

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schrillste im ganzen Land? Das fragte an sechs Donnerstagabenden der Sender Pro Sieben und schickte einen Schwarm bunter Vögel ins Casting-Rennen, die (Künstler-)Namen haben wie Katy Bähm, Vava Vilde oder Bambi Mercury. Es sind, wie es in dieser Show heißt, „Menschen wie du und ich – nur mit ein bisschen mehr Make-up“. Was natürlich maßlos untertrieben ist. Ein Spachtel reichte nicht aus, um all die Farb-, Latex- und Glitzerschichten von den Gesichtern und anderen Körperteilen zu entfernen, mit denen sich hier Männer in Frauen verwandeln, jedenfalls in eine übertriebene Version von Frau.

Es geht um sogenannte Drags. Um Männer, die Männer lieben, sich aber wie Frauen kleiden und mit ihren Lippen so tun, als ob sie selber singen. Wer’s am besten kann? In „Queen of Drags“ wird die Königin gesucht. Die Anwärterinnen wohnen und proben standesgemäß in einer Villa. Jede Woche fällt nach einer pompösen Bühnenshow das Jury-Fallbeil. Als Belohnung für die Auswahltortur ist der Besten der Besten ein Titelfoto auf der „Cosmopolitan“ sicher, außerdem ein Werbevertrag mit einem Kosmetikkonzern – so weit so bekannt aus inzwischen 14 Staffeln der Pro-Sieben-Show „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM).

Pro Sieben stülpt nicht nur das Konzept seines Dauerbrenners über „Queen of Drags“. Mit Heidi Klum hat die neue Show zudem das bewährte, wenn auch nicht das zentrale Moderatorengesicht. Conchita Wurst, einst bärtige Gewinnerin beim Eurovision Song Contest, und Heidis singender Schwager Bill Kaulitz, Mitglied der Band Tokio Hotel, bestimmen mindestens auf Augenhöhe in der Jury mit. Sie sind auch Heidi Klums Spielpartner in erstaunlich lustigen, selbstironischen Sketch-Filmchen, die jeder „Drag“-Folge vorangehen und ihr ein Motto geben. Zu „Horror und Halloween“ in Folge 5 etwa ließ sich die Klum als piepsendes Püppchen von „Dr. Wurstenstein“ frankensteinmäßig die Lippen machen.

Außerdem stößt zu jeder Abstimmung in der in Los Angeles produzierten Show (Produktion: Heidi Klum mit Red Seven Entertainment) noch ein Jury-Gast dazu. Darunter waren Olivia Jones, die Königin von der Reeperbahn, und Michael Jacksons Schwester La Toya. Anders als die Gäste in GNTM haben sie allerdings ein echtes Stimmrecht. Auch sie dürfen Punkte vergeben in einem Procedere, das dem beim Eurovision Song Contest ähnelt und ähnlich spannend ist.

Allein an dieser kleinen Neuerung ist zu erkennen: „Queen of Drags“ will anders sein als die „Topmodel“-Show. Will hier nicht bloß das übliche Hochleistungsdrucktheater mit „Du musst eine Schippe drauflegen, die Konkurrenz schläft nicht“-Vokabular wiederholen. „Toleranz“, „Vielfalt“, „Respekt“ – es sind große Worte und Werte, die hier mit heiligem Ernst ebenso oft bemüht werden. Setzten Mary & Gordy, quasi die Ur-Drags im deutschen Fernsehen, den Akzent in ihren ARD-Shows der 1980er und 1990er Jahre allein auf ihre Travestiekunst, auf Tanz, Kabarett und echten Gesang, so dreht Pro Sieben nun das ganz große gesellschaftspolitische Rad. Und verkauft „Queen of Drags“ als Aufklärungsprogramm, das, im wahren Sinne des Wortes, den Scheinwerfer auf eine Randgruppe mit Akzeptanzproblemen wirft.

Kaum eine Bühnendarbietung, ohne dass damit eine „Message“ der Show verbunden wäre. Wenn Bambi Mercury mit der Regenbogenfahne wedelt oder wenn Catherrine Leclery ihre lange Pocahontas-Mähne schüttelt, dann schwingt immer mit: Egal, ob Mann oder Frau, niemand soll dir vorschreiben, wer du bist, wen du liebst oder was du tust. Mensch bleibt Mensch. Dass das in der realen Welt keine Selbstverständlichkeit ist, sollen kurze filmische Abstecher ins private Zuhause der Kandidatinnen verdeutlichen. Katy Bähm zum Beispiel, die aus einer türkisch-muslimischen Familie stammt, erzählte von ihrem Leid, nach dem Coming-out vom eigenen Vater verstoßen worden zu sein. Selbst in der eigenen LGBT-Community haben die Drags laut Candy Crash – die man übrigens aus dem Arte-Projekt „24h Europe“ kennt – einen schweren Stand: „Wir sind eine Minderheit in der Minderheit“, klagte sie.

In eben dieser Community war der Aufschrei übrigens gewaltig, als bekannt wurde, dass ausgerechnet Heidi Klum, die weiße, privilegierte, heterosexuelle „Ich habe heute kein Foto für dich“-Domina „Queen of Drags“ moderieren soll (was die Gescholtene selbst in der Auftaktsendung auch kurz thematisierte – was ihr dann abermals virtuell Prügel einbrachte). Als Referenz und unerreichtes Vorbild führen die Klum-Kritiker und Krakeeler das US-Format „RuPaul’s Drag Race“ an, dessen Gastgeberin eine echte Drag Queen ist und nicht ein Model, das sich nur Drag-ähnlich mit Monsterwimpern aufbrezelt. Aus Pro-Sieben-Sicht ist die Entscheidung für Heidi Klum indes logisch: Als Sender-Testimonial soll sie zum Millionenpublikum die Brücke bauen, über die die Bambis und Yoncés auf ihren High-Heels stolzieren, auf dass sich dann alle bösen Vorurteile in Luft auflösen.

Der Plan ist schön, allein – die Umsetzung misslingt. Das liegt einerseits an der Art der Inszenierung von „Queen of Drags“, die alles Bemühen, Gender-Klischees zu dekonstruieren, vergessen lässt. Die Kamera voyeuriert hinter den Kulissen, fängt Gekreische am Schminkstuhl ein und schwimmt mit in einer Flut von Tränen, was dann im Schnitt, Castingshow-typisch, zusätzlich Dramatik und Dynamik erhält. Damit wird eher verfestigt als pulverisiert, was sich in den Köpfen über schwule Männer hält: Sie zicken rum wie das zickigste Hetero-Topmodel. Es nervt. Es kostet Sendezeit. Selbst als nur noch die letzten fünf von zehn Drags in der Villa übrig waren und damit Ruhe und Frieden einkehrten, holte die Regie in Rückblenden ein Best-of der Zickereien zurück ins Gedächtnis.

Und dann ist es wohl auch so: Bis Drags und ihre, zugegeben, sehr beeindruckende Kunst im deutschen Mainstream angekommen sind, braucht es mehr als eine Staffel „Queen of Drags“. (Das vielzitierte amerikanische Vorbild „RuPaul’s Drag Race“, ausgestrahlt von den MTV-Kabelsendern Logo bzw. VH1, hat zwölf Staffeln Entwicklungszeit hinter sich!). Zwar wurden die Kandidatinnen bei Pro Sieben nicht müde zu betonen, dass die Show einen „Meilenstein“ für das Fortkommen ihrer Community setze; doch „Deutschland“ scheint dafür, anders als Jury-Mutti Heidi Klum es sich wünschte, einfach noch nicht „ready“ zu sein. Zumindest mit Blick auf die Zuschauerresonanz für „Queen of Drags“ ist es so: Die Show kam zuletzt nicht über die Millionen-Marke hinaus. GNTM schafft mehr als das Doppelte.

20.12.2019 – Senta Krasser/MK

` `