PS-Perlen – Make-up & Motoröl. 3‑teilige Doku‑Soap (Kabel 1)

Von Schweißperlen und Leder-Babes

12.12.2020 •

Vor ein paar Jahren hat man bei Kabel 1 ein Programmsegment entdeckt, das man so bei dem Privatsender vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte: Frauen in traditionellen Männerberufen, bei denen sich alles um motorisierte Fahrzeuge dreht. Nachdem 2017 die „Trucker-Babes“ ins Rennen gingen, folgten im letzten Jahr die „Trecker-Babes“ und die „Bus-Babes“. Und nun dürfen Amazonen demonstrieren, dass sie PS-Boliden nicht nur fahren, sondern auch zerlegen und wieder zusammensetzen können. Nach den „Babes“ hat man diesmal, womöglich der genialen Alliteration wegen, „Perlen“ ins Rennen geschickt, also „PS-Perlen“, was nun auch nicht unbedingt nach Respektsbezeugung gegenüber dem weiblichen Geschlecht klingt. Aber mit irgendwelchen emanzipatorischen Ansätzen hat das Ganze ohnehin wenig zu tun. Auch wenn der Off-Kommentar in der neuen Doku-Soap „PS-Perlen – Make-up & Motoröl“ die Protagonistinnen mehrfach als „souverän, sexy, selbstbestimmt“ anpreist. Kabel 1 strahlte die drei Folgen der Sendereihe sonntags um 20.15 Uhr aus, wenn im öffentlich-rechtlichen Programm mit der 1 „Tatort“-Zeit ist.

Zu den „PS-Perlen“ zählt zum einen die 53-jährige Tanja aus Niedersachsen, die als gelernte Kfz-Meisterin in ihrer eigenen Werkstatt am liebsten an edlen Sportwagen und Oldtimern herumwerkelt, weshalb sie in der Doku-Reihe als „die Edelschrauberin“ tituliert wird. Nicht zu verwechseln mit der „Schweißperle“ Janina, Kfz-Technikerin und Nutzfahrzeugmechatronik-Meisterin, die laut Off-Kommentar „so manchen Mann locker an die Wand schraubt“. Weniger mit dem Innenleben von Autos kennt sich Diana aus. Die 26-Jährige hat zwar nach eigenen Angaben mal Automobilkauffrau gelernt, studiert jetzt aber Maschinenbau und finanziert ihren Lebensunterhalt dadurch, dass sie Gebrauchtwagen kauft, sie anschließend aufhübscht und möglichst mit Gewinn wieder veräußert. Wobei sie mindestens so viel Aufwand für das eigene Styling treibt wie für die Kosmetik ihrer Karossen. Also wurde ihr hier das Etikett „Die sexy Auto-Dealerin“ verpasst. Wobei Diana durchaus weiß, was sie tut. „Viele Gebrauchtwagenhändler denken“, so sagt sie, „da kommt ein Püppchen. Die kennt sich nicht aus.“

Und dann ist da in der ersten Folge noch die 28-jährige Sophia aus Olpe, laut Off-Kommentar „Deutschlands bekannteste Auto-Influencerin“ (ja, auch sowas gibt es) und in diversen Netzwerken aktiv. Hierfür darf sie – „die PS-Bombe“ – in einem edlen Sportwagen zum Beispiel die Großglockner-Hochalpenstraße hochdüsen, zwischendurch mal aussteigen, für ihren Social-Media-Kanal ein paar Selfies machen und für die Filmkamera posieren. Angeblich unternimmt sie den Trip im Auftrag eines Autotuners, der sie auf Testfahrt geschickt hat. Wobei die Blondine über so sachdienliche Kommentare wie „einfach nur geil“ oder „Ich bin voll geflasht“ allerdings nicht hinauskommt, die dem Händler nicht sonderlich weiterhelfen dürften. In erster Linie handelt es sich hier vermutlich um einen Deko-Deal zum beiderseitigen Nutzen. Die Luxusschlitten lassen Sophia gut aussehen, während sie der Werkstatt zu Publicity verhilft.

Der Berufsalltag der genannten vier Protagonistinnen wird in der Sendereihe, die sich laut Kabel 1 als Dokumentation versteht, in Parallelmontage dargeboten. Wobei die „Perlen“ bei der Arbeit mal nur so vor sich hinreden, mal lautstark fluchen (Tanja: „Leck mich am Arsch!“). Zwischendurch sagen sie aber auch immer wieder mal direkt in die Kamera, wie sie wurden, was sie sind, weshalb sie männliche Konkurrenz nicht fürchten oder was ihnen sonst noch so in den Sinn kommt. Und hin und wieder sieht man sie auch im Gespräch mit (Stamm-)Kunden, die sich durchweg lobend über die Damen äußern. Zumindest über die beiden Kfz-Mechanikerinnen.

Aber weil es per se nicht spannender ist, Frauen über zwei Fernsehstunden – so lange dauert jede Folge (inklusive Werbespots) – beim Schrauben an Autos zuzusehen als Männern, soll der nahezu durchgehende Off-Kommentar in Verbindung mit einer penetranten Musik in Werbespot-Ästhetik für so etwas wie Action-Atmosphäre sorgen. Da fallen dann fortwährend stereotype Nonsens-Phrasen wie „Jetzt geht es der Kardanwelle an den Kragen“, „Tanja schätzt jedes Teil an dem Schätzchen“ oder „Dianas Nerven liegen blank“. Vor allem wird da ständig auf Stress durch Zeitdruck gemacht. Entweder ist „der Kunde schon unterwegs“, „kommt er gleich“ oder „braucht den Wagen unbedingt morgen früh“. Weshalb dann „jeder Handgriff sitzen“ muss und „die Zeit läuft“ oder „rast“.

In der zweiten Folge sind dann Tanja und Diana wieder mit von der Partie, bekommen jedoch mit der Autosattlerin Alex aus Bamberg („Das Leder-Babe“) und der Schwäbin Denise zwei neue Mitstreiterinnen zu Seite gestellt. Letztere macht eine Ausbildung beim TÜV und fährt in ihrer Freizeit Autorennen. Womit zumindest ihr Hobby für einen Hauch von Action sorgt. Auch wenn das von der Kamera begleitete Rennwochenende buchstäblich ins Wasser fällt.

Geradezu müßig, zu erwähnen, dass sich die Protagonistinnen (insgesamt sind es über alle drei Folgen neun) zumindest in ihrer Freizeit gern in knappe Tops zwängen und der Kamerablick gänzlich enthemmt auf Dekolletees fällt so wie er, wenn die Schrauberinnen kopfüber im Motorraum hängen, gern deren Hinterteile ins Bild rückt. Da verwundert es kaum noch, dass für derlei geballten Schwachsinn zwar die Produktionsfirma Janus TV verantwortlich zeichnet, aber weder im Abspann der einzelnen Episoden noch sonstwo Autoren und Regisseure namentlich genannt werden (wollen). Aber keine Frage, das Format um emanzipierte Frauen in Männerberufen ist durchaus ausbaufähig. Womöglich stehen da demnächst bei Kabel 1 auch noch die „Bagger-Babes“, die „Panzer-Perlen“ und die „Lok-Luder“ ins Haus.

12.12.2020 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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