Dokumentationsformat „Plan B“: Die ZDF-Reihe für konstruktiven Journalismus

Von René Martens

06.05.2018 • Im Jahr 2015 erschien das Buch „Constructive News. Warum ‘bad news’ die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren“ (Edition Oberauer). Der Autor, Erik Haagerup, war zu diesem Zeitpunkt Fernsehnachrichtenchef bei Danmarks Radio, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Dänemark. Seit der Veröffentlichung dieses unter Anhängern des konstruktiven Journalismusals Standardwerk geltenden Buchs gibt es immer wieder neue Aufmerksamkeitswellen für dieses Genre – und Diskussionen um die Frage, was genau man unter dem noch relativ neuen Begriff eigentlich zu verstehen hat.

Eine der Botschaften Haagerups, heute Leiter eines neuen Fachbereichs für konstruktiven Journalismus an der Universität Aarhus, lautet: Das Konzept vieler Medien, mit mehr Breaking News, kurzfristigeren Deadlines und schärferen Headlines auf den digitalen Wandel und sinkende Einnahmen zu reagieren, sei fehlgeschlagen. Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner, Mitgründerin des 2016 am Standort Münster gestarteten Online-Magazin „Perspective Daily“, stellt heraus, dass es beim konstruktiven Journalismus darum gehe, dem Mediennutzer seine „gelernte Hilflosigkeit“ abzutrainieren und für dessen „Empowerment“ zu sorgen. Ebenfalls eine Vorstellung davon, was konstruktiver Journalismus ist, vermittelt ein von Urnen im Juni 2017 gemeinsam mit ihrem „Perspective-Daily“-Kollegen David Ehl formulierter Satz, der da lautet: „Wo die Welt Fieber hat, sollten Journalisten recherchieren, wie es geheilt werden kann.“

Der europäische Gedanke

Eine Botschaft, auf die sich wohl alle Verfechter des konstruktiven Journalismus einigen können, lautet: „Im Kleinen kannst du mitgestalten.“ So formuliert es auch ein junger Stuttgarter mit Migrationshintergrund in der ZDF-Reportage „Die Multi-Kulti-Macher. Wie Integration gelingen kann“, die am 24. Februar erstmals zu sehen war.

Der Film gehört zur Reihe „Plan B“, dem, wie Redaktionsleiter Christian Dezer betont, weltweit ersten TV-Dokumentationsformat, das sich dem konstruktiven Journalismus verschrieben hat. Der ZDF-Mann bezieht sich dabei auf „die wichtigsten Fernsehnationen, denn ich habe natürlich nicht jedes Land der Welt gecheckt“. Seit dem 7. Oktober 2017 läuft die Reportage-Reihe samstags von 17.35 bis 18.05 Uhr im ZDF. Dezer sagt, konstruktiver Journalismus löse oft auch konstruktivere Diskussionen aus. Als Beispiel nennt Dezer die Facebook-Debatte über den Film „Die Multi-Kulti-Macher“, der über beispielhafte Projekte aus Stuttgart und Mechelen (Belgien) berichtete. Die Diskussion auf Facebook sei erstaunlich sachlich geblieben.

Ein Merkmal von „Die Multi-Kulti-Macher“ ist bei den meisten „Plan-B“-Filmen zu finden: Die Autoren nehmen nicht nur Projekte in Deutschland in den Blick, sondern auch aus den Nachbarländern. „Der europäische Gedanke“, sagt Redaktionsleiter Dezer, sei „grundlegender Bestandteil des Formats“. Das gilt auch für den Beitrag „Im Einklang mit den Bergen – Alpenurlaub auf die sanfte Tour“ (17. Februar). Nachhaltigen Tourismus, so zeigt der Film, gibt es zum Beispiel im österreichischen Werfenweng, wo dank Elektro-Auto-Sharing weniger Urlauber die schöne Luft mit ihren Privatautos verpesten.

Das Thema Nachhaltigkeit

Beiträge zum Thema Nachhaltigkeit sind ohnehin verbreitet im konstruktiven Journalismus. Dazu steuerte „Plan B“ zum Beispiel einen Film aus dem Bereich der Mode bei, der Titel der Sendung vom 17. März lautete: „Mode ohne Makel – Der Weg zu nachhaltiger Kleidung“. Marika Liebsch stellte hier Modemacher vor, die gegen das Image der „Wegwerfindustrie“ anarbeiten – derzeit kauft jeder Deutsche im Schnitt 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr. Der Zuschauer erfährt im Film unter anderem, dass es Turnschuhe gibt, deren Obermaterial aus Stein und Holz besteht, und lernt eine Upcyling-Designerin kennen, die aus Resten Neues kreiert: Aus 70.000 T-Shirts, die eine große Textilfabrik als Überproduktion deklariert hat, lässt sie 30.000 eigene T-Shirts fertigen. 

Das ist alles sehr informativ. Der Film leidet jedoch unter nachlässigen Formulierungen. „Auch sie brennt für nachhaltige Materialien“, heißt es etwa über die Mitarbeiterin eines Unternehmens. Und über eine der Gründerinnen einer Hamburger Kleider-Verleihfirma heißt es: „Thekla Wilkening findet für jede Figur und jeden Typ ein gutes Outfit.“ Solche Formulierungen zeigen: Wenn man über Firmen berichtet, die Nachahmenswertes tun, kann die Grenze zwischen konstruktivem Journalismus und Werbung schnell mal verschwimmen. 

Das gilt auch für Boris Quatrams Film „Faire Ostern – Schokolade von der besten Seite“, gesendet am 31. März. Über einen Schokoladenhersteller aus Brandenburg sagt der Autor an einer Stelle, der Firmenchef laufe „in der Manufaktur zu Hochform auf“. Der Film hat den ein oder anderen Makel: Warum man beispielsweise in einer Drohnenaufnahme sehen muss, wie ein Unternehmer aus seinem Auto steigt und in seine Fabrik geht, ist unerfindlich. Seltsam mutet auch der Titel „Faire Ostern“ an: Einen inhaltlichen Bezug zu Ostern hatte der Film nicht. Das ZDF strahlte ihn bloß am Osterwochenende aus, also zu einer Zeit, in der relativ viel Schokolade konsumiert wird.

Inhaltlich sehr ähnlich wie die Reportagen über nachhaltig produzierte Mode und Schokolade fiel am 14. April der Film „Gewinne ohne Gier – Wirtschaften mit Gewissen“ aus. Für ein bisschen thematische Abwechslung sorgte dann der Beitrag „Gleich, gleicher, Gleichberechtigung – Karrierechancen für alle“ (21. April). Insa Onken verglich hier die unterschiedlichen Job-Perspektiven für Frauen in Deutschland und Island. Sie stellte unter anderem eine Akademikerin vor, die nach Island auswanderte, weil sich dort Mutterschaft und Beruf besser vereinbaren lassen als hierzulande und sie dort sechs Monate nach der Geburt ihres Kindes einen Job als Leiterin eines Kultur- und Bildungszentrums bekam.

Lobenswert ist gelegentlich die umfängliche Recherche für die „Plan-B“-Filme. Negativ fällt dagegen ins Gewicht, dass einem die Es-geht-auch-anders-Botschaften teilweise geradezu überschwänglich eingehämmert werden. Zu dieser Penetranz tragen auch die Sprecherin Sandra Gerling – sie kommt in den meisten Reportagen zum Einsatz – mit ihrem alles andere als distanzierten Stil und die in der Regel fröhliche, aufdringlich gutgelaunte Musik bei. 

Die Farbe Türkis

Bemerkenswert ist das optische Konzept von „Plan B“ (Eigenschreibweise: „plan b“), entwickelt von der Mediendesign-Agentur Quadrolux, die in Berlin und am ZDF-Standort Mainz ansässig ist. Zu den Merkmalen der Reihe gehört, dass es keinen einheitlichen Vorspann gibt. Der Vorspann besteht vielmehr aus Bildern des jeweiligen Films, die in schnell wechselnden Splitscreen-Varianten kombiniert werden. Auffällig auch die kurz aufpoppenden türkisfarbenen Kreise, mit denen Protagonisten der Filme markiert werden, wenn sie das erste Mal zu sehen sind. Türkis ist gewissermaßen die Farbe der Sendung; offenbar mutet diese Farbe nach Ansicht der Macher besonders konstruktiv an. Türkis unterlegt ist etwa das b im Logo der Sendung, und türkis sind auch die Inserts.

Von den „Plan-B“-Filmen werden in diesem Jahr 20 bis 25, so Redaktionsleiter Dezer, auch im Rahmen der Arte-Reportage-Reihe „Re:“ (vgl. hierzu diese MK-Kritik und diesen MK-Artikel) zu sehen sein oder sind dort bereits gelaufen. Im Jahr 2017 traf dies auf fünf Filme zu. Die beschriebenen optischen Elemente, die für „Plan B“ typisch sind, fehlen in den „Re:“-Fassungen naturgemäß. Zudem weichen bei den ZDF- und Arte-Ausstrahlungen die Titel voneinander ab, ansonsten gibt es aber keine Unterschiede. Der Arte-Titel für den Film über nachhaltige Schokoladenproduktion lautete zum Beispiel „Schokolade ohne Reue – Ist fairer Genuss möglich?“ Die „Re:“-Fassung lief in diesem Fall zwei Tage vor der ZDF-Version.

Eine Sommerpause sei für die Reihe „Plan B“ grundsätzlich nicht vorgesehen, sagt Christian Dezer. Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland (14. Juni bis 15. Juli) werde man aber an einigen wenigen Samstagen aussetzen.

06.05.2018 – MK

Print-Ausgabe 16/2018

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