Philipp Majer/Lukas Ratius: 18+ Deutschland (ARD/SR/MDR/RBB)

Unverwechselbar individuell

01.09.2021 •

Der Dokumentarfilm „18+ Deutschland“ porträtiert fünf junge Menschen, die gerade erst volljährig geworden sind und als deutsche Staatsbürger am 26. September zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl mitwählen dürfen. Der Film wurde denn auch unter der Dachmarke „Bundestagswahl | 2021“ ausgestrahlt, mit der die ARD für „1500 Minuten Sondersendungen“ in ihrem Ersten Programm zur bevorstehenden Bundestagswahl wirbt. Den größten Anteil daran haben dabei Talks und Diskussionsformate zur Wahl, Spezialsendungen über die und mit den Kanzlerkandidaten sowie weitere Extra-Sendungen im Rahmen der Wahlberichterstattung; aber es befinden sich auch einige interessante politische Dokumentationen darunter.

Unter den letztgenannten in diesem stark aktualitätsbezogenen Programmsegment der ARD fällt dieser Dokumentarfilm allein schon wegen seiner Machart auf. Sie rückt nicht das Thema und den Anlass, sondern die zu porträtierenden Personen in den Vordergrund. Die Filmemacher Philipp Majer und Lukas Ratius (Produktion: Bunkhouse Film) begleiteten zwischen Frühjahr 2020 und Sommer 2021 drei Männer und zwei Frauen in deren Lebensalltag und geben ihnen Gelegenheit, sich vor der Kamera über ihr Selbstverständnis und ihre Zukunftserwartungen zu äußern. Es geht dabei nie unmittelbar um die bevorstehende Bundestagswahl, also auch nicht darum, ob, wie, wen oder was sie wählen werden.

Die Porträtierten, die aus sehr verschiedenen Gegenden und Milieus stammen, werden in ihrem Lebensumfeld gezeigt. Sie äußern sich vor allem zu ihrer eigenen Person und offenbaren dabei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Dabei erscheinen sie keineswegs als Durchschnittsmenschen, die als typisch für ihre Generation gelten könnten. Ganz im Gegenteil strahlen sie jeweils etwas ungewöhnliches, unverwechselbar Individuelles aus, was ihnen im gewissen Sinne Einmaligkeit und Einzigartigkeit verleiht. Sie repräsentieren somit eher die große Vielfalt an Lebenserfahrungen, wie sie sich in ihrer Generation heute niederschlägt.

Es handelt sich um Yannick aus Freiburg, Laura aus Rott am Inn (Oberbayern), Jakob aus Zwickau, der zum Studium nach Halle geht, Erik aus Essen, der in die Uckermark (Brandenburg) umzieht und Doha aus Berlin. Der dunkelhäutige Yannick ist Rapper und sieht seine Zukunft als Musiker. Der Film zeigt seine Lebensrealität, die Schwierigkeiten und die Zuversicht, mit der er sie zu meistern hofft, und er zeigt, wie verbunden seine Texte mit seinem Leben sind. Die Bayerin Laura liebt das Leben auf dem Land und begeistert sich für ihren Beruf als Landwirtin. Im Umgang etwa mit der Motorsäge erweist die junge Frau sich als durchaus emanzipiert und sie fühlt sich keineswegs dem traditionellen Frauenbild verpflichtet.

Jakob, der im Beobachtungszeitraum gerade sein Abitur in Zwickau macht, ist der von allen am meisten an Politik Interessierte. Er engagiert sich mit Freunden aus der Studenten-WG in Halle, in die er einzieht, für Klimaschutz und gegen Rassismus. In den Sequenzen, die ihm gelten, findet auch als einziges die Corona-Pandemie statt, denn nur hier werden im Film Menschen gezeigt, die Gesichtsmasken tragen und sich coronagerecht verhalten.

Der Biker und Rocker Erik erzählt, wie und warum er sich zu dieser Szene hingezogen fühlt: Er hat schlechte Erfahrungen mit Migranten gemacht und ist vom Ruhrgebiet in die Uckermark umgezogen, wo er sich deutlich wohler fühlt. Doha, Muslima mit Kopftuch aus Berlin, wird von der Kamera ausführlich bei ihrer traditionellen Hochzeit und den Vorbereitungen dazu begleitet, aber der Film zeigt sie auch als Boxerin und Fitness-Trainerin in Aktion. In ihren Statements erweist sie sich darüber hinaus als selbstbewusste emanzipierte Persönlichkeit, die gegen Vorurteile und Diskriminierungen kämpft.

Innerhalb der ersten halben Stunde des 90-minütigen Films (577.000 Zuschauer, Marktanteil: 4,5 Prozent) werden die Protagonisten hintereinander vorgestellt, im Kontrast zueinander. Danach werden ihre Geschichten in immer kürzeren Wechsel weitererzählt, wobei sich auch öfters Gemeinsamkeiten zwischen den doch so unterschiedlichen Persönlichkeiten zeigen. Retardierende Momente mittels einer anspruchsvollen Bildsprache, durch Verlangsamung des Erzähltempos (Zeitlupe) und den Einsatz von Musik geben Raum zum Nachdenken. Es ist vom Charakter her ein Dokumentarfilm, der sich von der Dachmarke „Bundestagswahl“ nicht in seiner klassischen Filmsprache irritieren lässt und so auf überzeugende Weise über einen engeren journalistischen Aktualitätsbezug hinausgehend das Thema Bundestagswahl bedient.

01.09.2021 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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